Missbrauchsstudie Katholische Kirche

«Der Druck für Aufklärung zu sorgen wächst»

Gelöscht: Eine unabhängige Studie soll aufzeigen, ob und in welchem Umfang es in der katholischen Kirche in der Schweiz zu sexuellen Übergriffen gekommen ist. Diese Forschung sei ein guter Anfang, meint die katholische Theologin Veronika Jehle.

Hinsehen statt verdrängen: Die katholische Kirche lässt ihre Geschichte des sexuellen Missbrauchs aufarbeiten. (Symbolbild: Alessandro della Valle/ Keystone)

Frau Jehle, eine unabhängige, nationale Studie über mögliche Missbrauchsfälle in Auftrag zu geben, birgt ein Risiko für die katholische Kirche. Weshalb geht sie es ein?
Veronika Jehle*: Zum einen wächst der öffentliche Druck für Aufklärung zu sorgen, weil die Gesellschaft für Missbrauchsthemen sensibilisiert ist. Zum anderen gibt es Schweizer Bischöfe, die motiviert sind, genauer hinzuschauen. Allen voran Joseph Bonnemain: Ich nehme ihm seine persönliche Betroffenheit ab nach all den Jahren der Begegnung und Konfrontation mit Missbrauchsopfern. Es wird aber auch Bischöfe geben, die denken: Mit dieser Studie haben wir uns offenherzig gezeigt, den Bedenken Rechnung getragen – und das genügt. So konnte man es in deutschen Bistümern beobachten.

Dort haben die Untersuchungen in der katholischen Kirchenlandschaft Wellen geworfen und zu einem Anstieg der Austritte geführt. Ist damit auch in der Schweiz zu rechnen?
Davon ist auszugehen. Natürlich hängt es von den Ergebnissen der Studie ab und von der öffentlichen Reaktion darauf.

Schweizweite Premiere

Die Pilotstudie ist der Beginn eines längeren Forschungsprojekts zur Aufarbeitung der Geschichte des sexuellen Missbrauchs im Umfeld der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz. Die Ergebnisse werden am 12. September 2023 öffentlich publiziert. Ein Forschungsteam der Universität Zürich führt die Studie im Auftrag der katholischen Kirche durch. Die Wissenschaftler haben Zugang zu Archiven und arbeiten unabhängig. Die Untersuchung soll fortgesetzt und vertieft werden. (dst)

Erwarten Sie konkrete Massnahmen?
Organisationen für Missbrauchsbetroffene fordern schon länger eine unabhängige Meldestelle. Von bischöflicher Seite heisst es, dass man diese Forderung ernst nimmt. Ich stelle mir vor, dass sich einzelne konkrete Entscheidungen im zeitlichen nahen Umfeld dieser Veröffentlichung womöglich tatsächlich ergeben werden.

Sie formulieren das sehr zurückhaltend.
Ich fürchte, dass die öffentliche Aufmerksamkeit wieder abnimmt und Bischöfe von Betroffenheit und Projekten sprechen, ohne viel umzusetzen. Das würde den Erfahrungen in anderen Bistümern entsprechen. Deshalb ist es gut, geht die Studie weiter.

«Es existiert ein männerbündlerisches Selbstverständnis in dieser Kirche und die Haltung, sich gegenseitig zu decken.»
Veronika Jehle, katholische Theologin

Untersuchungen in anderen Ländern haben gezeigt, dass die katholische Kirche ihre Angelegenheiten selbst regelt und Konsequenzen ausbleiben. Befördert dieses geschlossene System Missbräuche und Übergriffe?
Verschiedenste Studien sind zu diesem Ergebnis gekommen. Es ist definitiv ein System mit einer ganzen Reihe begünstigender Faktoren. Das sage ich nach meiner Wahrnehmung, Erfahrung und Recherche. Es existiert ein männerbündlerisches Selbstverständnis in dieser Kirche und die Haltung, sich gegenseitig zu decken. Weil allermeist keine Konsequenzen gefolgt sind, ist das auch möglich. Jüngst wurde ein Missbrauchsfall im Bistum Basel aufgedeckt. Das zeigt mir: Es waren nicht ausschliesslich jene Bischöfe schuld, die schon verstorben sind. Es ist auch keine Geschichte des letzten Jahrhunderts. Im Gegenteil: Wir stehen da mittendrin und die Mechanismen funktionieren bis in die Gegenwart.

«Mit Ausnahme des Papstes kann niemand etwas tun.»
Veronika Jehle, katholische Theologin

Können die Studienergebnisse etwas an diesen Mechanismen ändern?
Es braucht mit Sicherheit mehr. Strukturell kann den Bischöfen innerhalb der katholischen Kirche niemand etwas anhaben. Ein Bistum funktioniert im Grunde wie eine Monarchie. Mit Ausnahme des Papstes kann niemand etwas tun. Und der Papst hütet sich davor. Ich vermute, dass er einen grossen Teil seines weltweiten Stabes austauschen müsste, wenn er konsequent alle Bischöfe aus dem Dienst nehmen würde, die sich im Zusammenhang mit Missbrauch etwas haben zuschulden kommen lassen.
Die aktuelle Vorstudie könnten die Bischöfe als «grossen Lernschritt» ihrerseits darstellen. Mit Aussicht auf Erfolg, denn: Es gibt immer noch viel Wohlwollen in der Gesellschaft, das den Bischöfen auch abzukaufen. Dabei ändert sich an ihrem Handeln und ihren Strukturen nichts. Das erschreckt mich.

Zur Person

Veronika Jehle ist katholische Theologin und Co-Redaktionsleiterin der Zeitschrift «Forum Pfarrblatt». Sie begleitet seit Jahren das politische Geschehen in der katholischen Kirche der Schweiz. (Bild: Christoph Wider)

Sind Reformen nötig?
Ich meine, die Zeit und die Geschichte verändern die Institution. Meine Hoffnung, dass es von innen her zu einem Umdenken kommt, geht gegen Null. Ich habe den Eindruck, dieser Wille besteht bei jenen, die die Macht dazu haben, nicht.

Die katholische Kirche ist häufig im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen in der Öffentlichkeit. Was macht denn für Sie die katholische Kirche im Positiven aus?
Gottseidank ist die Kirche viel mehr als die Geschichten um die Missbrauchsfälle. Ihre Glaubwürdigkeit basiert auf Menschen, die ihr Bestes geben, um spirituelle Räume zu öffnen und sozial tätig zu sein – selbst unter schwierigen Bedingungen wie der strukturellen Diskriminierung von Frauen. Ich finde es schön, dass es eine weltweite Kirche ist. Das ist spannend und unendlich vielfältig. Übrigens wird in der römisch-katholischen Kirche schon lange alles gelebt, was normal sein müsste. Das meiste davon darf offiziell aber einfach nicht sein. Deshalb herrscht eine unglaubliche Spannung.