Prävention

Landeskirchen schulen Mitarbeiter im Umgang mit Nähe und Distanz

In Kursen, mit Kodizes und Richtlinien wollen die Reformierten Landeskirchen von Aargau, Zürich und Thurgau ihre Mitarbeitenden für das Thema Grenzverletzungen sensibilisieren. Dabei spielt auch der spirituelle Missbrauch eine Rolle.

Am 1. Juli 2022 tritt in der Reformierten Landeskirche Kanton Zürich ein neuer Kodex zum Thema Grenzüberschreitungen in Kraft. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Grenzverletzungen kommen auch in der Reformierten Kirche vor. Für Schlagzeilen sorgte jüngst der Fall des ehemaligen Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (heute EKS), Gottfried Locher. Verschiedene Landeskirchen haben mittlerweile Massnahmen ergriffen, um ihre Mitarbeitenden zu sensibilisieren.

Seit 2019 organisiert etwa die Pfarrerin Kerstin Bonk, Präventionsbeauftragte der Reformierten Kirche Aargau, Präventionskurse zum Thema Grenzverletzungen. Bonk hat insgesamt 14 Kurse in Zusammenarbeit mit der Fachstelle Limita durchgeführt. Teilgenommen haben Pfarrpersonen, sozialdiakonische Mitarbeitende, Katecheten, Jugendarbeiterinnen oder sonstige Angestellte der Kirche. Bonks Fazit: «Positiv.»

Das Ziel sei es jeweils, den Leuten «gutes Handwerkszeug mitzugeben», das sie im jeweiligen Arbeitsalltag anwenden könnten. «Zentral ist, den richtigen Umgang mit Nähe und Distanz zu finden», sagt Bonk. Dabei sei es unter anderem entscheidend, sich darüber im Klaren zu sein, welche Rolle man gerade einnehme. Ob als Jugendarbeiter, Pfarrerin oder Privatperson. «Wenn die Tochter etwa die Freundin mit nach Hause nimmt, die zu einem in den Religionsunterricht geht, muss man sich seiner Doppelrolle als Pfarrperson und Elternteil bewusst sein», sagt Bonk.

Dialog in Kleingruppen

In den Kursen würden mit vielen Beispielen heikle Situationen rund um Nähe und Distanz von den Teilnehmenden selbst reflektiert und Qualitätsstandards mit Blick auf den jeweiligen Berufsalltag konkretisiert. Fragen wie «Ist es angemessen und passt es zur beruflichen Rolle, wenn eine 50-jährige Mitarbeiterin die Jugendlichen mit einer Umarmung begrüsst oder gar drei Küsschen gibt?» würden dort besprochen. «Viel passiert in den Kursen im Dialog in Kleingruppen», sagt Bonk. «Wichtig ist, dass die Teilnehmenden lernen, Rollen in sensiblen Situationen klar zu gestalten.» Auch Reflexion sei wichtig, also die Möglichkeit, Ereignisse gemeinsam zu besprechen. Das alles trage dazu bei, sich selbst und sich gegenseitig zu sensibilisieren.

Ein wichtiger Part in den Kursen sei, Grundwissen zu vermitteln, denn Tatpersonen würden strategisch vorgehen und planten ihre Taten. Dabei komme Bonk auch auf das so genannte «Grooming» zu sprechen, eine Strategie zum schrittweisen Aufbau von Übergriffen. «Sie geschieht durch gezielte Manipulation von Opfer und Umfeld, Erschleichen von Vertrauen, Isolierung des Opfers, Geschenken, schrittweise gravierender werdende Grenzverletzungen und so weiter», sagt Bonk.

Aber auch der spirituelle Missbrauch werde thematisiert, denn sexueller Missbrauch im Umfeld Kirche gehe fast immer mit spirituellem Missbrauch einher. «Dabei setzen Täter auch geistliche Elemente manipulativ als Groomingstrategie ein, um Druck oder Zwang auszuüben und Opfer gefügig zu machen», sagt Bonk.

Neuer Kodex muss her

Nicht nur Kurse bietet die Reformierte Kirche Aargau an, sie erarbeitet auch einen Verhaltenskodex für ihre Mitarbeitenden. Eigentlich war dieser bereits 2020 fertiggestellt worden. Mehr als 30 Mitarbeitende haben sich allerdings laut Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg geweigert, das Papier zu unterzeichnen. «Sie waren inhaltlich und aus theologischen Überlegungen mit dem Kodex nicht einverstanden», sagt Weber-Berg auf Anfrage. Nun habe man den Kodex in einer Arbeitsgruppe überarbeitet. Spätestens im Frühling soll der neue Entwurf dem Kirchenrat vorgelegt werden. Welchen Inhalt diese neuen Richtlinien haben und wie sie sich von der ersten Variante unterscheiden, darüber möchte Weber-Berg vor dem Beschluss des Kirchenrats noch keine Auskunft geben.

Auch die Reformierten Landeskirchen Kanton Zürich und des Thurgaus haben einen Verhaltenskodex respektive einen Leitfaden kreiert. In Zürich tritt der Kodex zu Grenzverletzungen am 1. Juli dieses Jahres in Kraft. «Unser Kodex geht von einem breiten Verständnis von Grenzverletzungen aus», sagt Sabine Scheuter, Verantwortliche für Personalentwicklung und Diversity der Reformierten Landeskirche Zürich. Nicht nur leichte und schwere sexuelle Übergriffe würden darin thematisiert, sondern auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder in sozialen Medien.

Beim Kodex ginge es zudem nicht nur um Minderjährige, die es zu schützen gelte, sondern um alle Schutzbedürftigen, also auch um ältere Menschen und all diejenigen, welche Seelsorge oder andere Dienste der Landeskirche in Anspruch nehmen. Im Gegensatz zum Aargau werde nicht verlangt, den Kodex zu unterzeichnen. Der Kirchenrat selbst könne die Regeln für die Mitarbeitenden in Kraft setzen. «Sicher wird es auch Stimmen geben, die den Kodex auf die eine oder andere Art kritisieren», sagt Scheuter. Aber man rechne grundsätzlich nicht mit grossem Widerstand. Man habe bei der Erarbeitung viele verschiedene Stimmen miteinbezogen und werde die Implementierung mit Begleitinformationen und Schulungen unterstützen.