«Ulrich Luz betrieb Theologie nie wie Mathematik»

Vor knapp zwei Wochen ist der Neutestamentler Ulrich Luz im Alter von 81 Jahren gestorben. Der Theologe Hans Weder, auch er ein Experte für das Neue Testament, hat ihn seit vielen Jahrzehnten gekannt. Im Gespräch verrät er, was er an dem älteren Kollegen bewunderte und warum Theologie für Luz mehr war als nur eine Wissenschaft.

Hans Weder war von 1980 bis 2000 Professor für neutestamentliche Wissenschaft an der Universität Zürich. (Bild: Comet Photoshopping)

Herr Weder, wann begegneten Sie Ulrich Luz zum letzten Mal?
Das war anlässlich einer Ehrenpromotion vor sieben Jahren in Jena in Deutschland. Luz hielt dort eine Rede. Danach sahen wir uns nicht mehr. Von Zeit zu Zeit schrieben wir uns aber. Aus seinen Rundbriefen an Freunde und Bekannte wusste ich, dass er mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte.

Sie kannten Ulrich Luz viele Jahrzehnte. Unter anderem promovierten Sie beide bei dem Theologen Eduard Schweizer. Was bedeutete er Ihnen?
Ich schätzte Luz sehr, als Mensch und als Theologe. Obwohl wir nicht enger befreundet waren, erlebte ich ihn als hilfreich und kollegial. Als ich als junger Assistent in Zürich an meiner Dissertation schrieb, fuhr ich ihn einmal im Auto nach Hause. Ich war damals seit kurzem Vater von zwei Töchtern und erzählte ihm, es sei nicht einfach, die Dissertation mit den väterlichen Aufgaben zu verbinden. Und da sagte er mir: Hans, an deiner Dissertation kannst du dein ganzes Leben lang schreiben, wickeln kannst du nur jetzt. Diesen Rat habe ich beherzigt.

Theologisch hatten Sie das Heu aber nicht immer auf der gleichen Bühne.
Nein, aber wir hatten auch keine grundlegenden Differenzen. Es waren eher Diskussionen über Akzente. Für mich war die paulinische Theologie immer wichtiger. Die paulinische Rechtfertigungslehre spielte in meiner Theologie und Hermeneutik eine zentrale Rolle. Luz interessierte sich hingegen mehr für das Matthäusevangelium und die davon inspirierte Theologie.

Was war sein theologisches Anliegen?
Es ging ihm um eine fundamentale Auslegung der neutestamentlichen Texte. Mit seinem vierbändigen Kommentar zum Matthäusevangelium hat er das eindrücklich gezeigt. Da steckt eine unglaublich akribische Arbeit drin, die Kommentare sind voller guter Einsichten und historischer Informationen. Ich bewundere diese grosse Leistung.

Er konnte in seinem Urteil unbarmherzig sein, wenn er den Eindruck hatte, dass ein Argument nicht stimmig war. Gleichzeitig förderte er seine Studierenden sehr.

Ist es vor allem dieser Kommentar, der von seiner Theologie bleiben wird?
Ja, das glaube ich. Der Matthäuskommentar ist so ergiebig, dass man sich auch in dreissig Jahren noch an ihm orientieren wird. Neben diesen Forschungen wird Luz aber auch als engagierter Lehrer in Erinnerung bleiben.

Wie war er denn als Lehrer?
Als Student besuchte ich bei ihm ein neutestamentliches Seminar für Anfänger. Luz war ja einige Jahre älter als ich und damals schon Assistent. Dabei wurde mein lebenslanges Interesse am Neuen Testament geweckt. Als Professor habe ich dann viele Jahre Kolloquien für Doktoranden mit ihm zusammen durchgeführt. Er konnte in seinem Urteil unbarmherzig sein, wenn er den Eindruck hatte, dass ein Argument nicht stimmig war. Gleichzeitig förderte er seine Studierenden sehr. Die Lehre war für ihn ebenso wichtig wie die Forschung. Auch war er offen für neuere Entwicklungen in der Theologie, zum Beispiel für befreiungstheologische und feministische Ansätze.

Er sagte mir einmal, es mache ihm Sorgen, dass das Wort «Gott» für viele Menschen keine Rolle mehr spiele. Diese Haltung spiegelte sich in seiner Theologie.

Luz lehrte über zwanzig Jahre an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Sie selbst fast ebenso lang in Zürich. Gab es eigentlich eine Konkurrenz zwischen den beiden Fakultäten?
Nein, diesen Eindruck hatte ich nicht. Es stimmt aber, dass sich die beiden Fakultäten in ihrer Ausrichtung unterschieden. In Zürich betrieb man eine sehr seriöse, klassische, vielleicht auch etwas behäbige Theologie. Bern war offener für neue Trends.

Luz besuchte regelmässig die Gottesdienste in seiner Kirchgemeinde im Bernischen Laupen. War er ein religiöser Mensch?
Ja, so habe ich ihn in Erinnerung. An jenem Treffen in Jena sagte er, es mache ihm Sorgen, dass das Wort «Gott» für viele Menschen keine Rolle mehr spiele. Diese Haltung spiegelte sich in seiner Theologie. Er betrieb Theologie nie wie Mathematik. Alles, worüber er forschte, beschäftigte ihn auch als Mensch.