Krieg in der Ukraine

Wie eine Veteranin mit einem Abo-Modell die Soldaten an der Front unterstützt

Der Krieg reisst sie aus dem Studium, führt sie an die Front in der Ostukraine und lässt sie nicht mehr los. Heute setzt sich Halyna Klempouz mit einer Spendenplattform dafür ein, dass Unterstützung direkt vor Ort landet.
Von 2016 bis 2018 kämpfte Halyna Klempouz in der Ostukraine. Seither engagiert sie sich in verschiedenen NGOs. (Foto: Halyna Klempouz)

Halyna Klempouz kämpfte in der Ostukraine gegen Russland, nun engagiert sich die Veteranin gegen das Vergessen. Sie ist Projektleiterin der neuen Spenden-Plattform «Subscription to the army», die auf einem Abomodell beruht. Soldatinnen und Soldaten an der Front können so direkt unterstützt werden.

Das Modell ist simpel: Monatlich fliesst ein Beitrag direkt an eine Brigade der ukrainischen Armee. «Das Geld wird regelmässigen abgebucht und fliesst ohne Provision an die Truppen», sagt die 31-jährige Klempouz im Gespräch mit ref.ch. 

Über 160 Brigaden hätten sich auf der Plattform angemeldet. Über den Einsatz des Geldes würden die Kommandanten entscheiden. Auf der Website sind zur Einordnung die Preise eines Erste-Hilfe-Sets (36 Franken), von Funkgeräten (63) oder einer Drohne (ab 216) aufgeführt. Für die Veteranin ist es ein Versuch, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. «Ein Abo ist mehr als eine Spende, es ermöglicht eine gewisse Planung.»

Vom Vorlesungssaal an die Front

Die Zivilgesellschaft in der Ukraine setzt sich seit über einem Jahrzehnt im Kampf gegen Russland ein. Das zeigt auch die Geschichte von Veteranin Klempouz. Sie hatte für ihr Leben andere Pläne, als sich der Armee anzuschliessen.

Sie studiert 2014 Jura an der Universität in Charkiw, als ihr die Grausamkeit des Krieges beim Blick aus dem Vorlesungssaal begegnet. Gegenüber der Strasse, hinter einer Mauer mit Stacheldraht, befindet sich ein ukrainisches Flugzeugwerk.  

Dort landen Hubschrauber, Soldaten laden Verwundete aus. Es sind junge Männer, gezeichnet von den ersten Monaten der Invasion prorussischer Separatisten. «In diesem Moment», erzählt sie, «konnte ich nicht einfach abseits stehen». 

Sie ist eine von Vielen, die als Zivilisten die Armee unterstützen. Dutzende Bataillone bestehen in den ersten Monaten aus Freiwilligen, die Widerstand leisten. Klempouz bezeichnet diesen Moment als «Erwachen nach einem langen Schlaf».

Die Jura-Studentin beginnt von zu Hause aus zu helfen. Sie schickt Wasser, Lebensmittel und einfache Ausrüstung an die Front. «Aber je länger der Krieg dauerte, desto komplexer wurden die Anfragen.» Sie beschliesst, selbst an die Front zu fahren. Bei einem Freiwilligenbataillon begegnet sie Männern, die aus der Gefangenschaft zurückkehren.

Von da an fährt sie mit anderen Freiwilligen alle zwei bis vier Wochen an die Front. «Ich versuchte, allen zu helfen, auch wenn das nicht immer möglich war.» Im Herbst 2015 transportiert sie einen Sarg mit dem Leichnam eines gefallenen Soldaten zu dessen Eltern. «Es war ein sehr schwerer Tag und ein langer Weg.»

Der gefalle Opernsänger als Vorbild

Im Sommer 2016 entscheidet Klempouz, sich der Armee anzuschliessen. Sie packt Medikamente, fährt einen 17-jährigen Soldaten, der unter Gehirnerschütterungen leidet, in Militärspitäler. «Ich merkte: Diese Unterstützung war viel wertvoller als all das, was ich bisher gemacht hatte.»

Im gleichen Monat lernt sie den ukrainischen Opernsänger Vasyl Slipak kennen. Er war Solist an der Pariser Nationaloper, im Rahmen der Maidanproteste 2014 war er in die Ukraine zurückgekehrt. 2015 beteiligte er sich an den Kämpfen im Osten der Ukraine. «Er war zehn, zwölf Tage bei uns und wir sprachen jeden Tag.» Auf Fotos aus dieser Zeit ist zu sehen, wie die beiden im Gras sitzen und Grimassen schneiden.

Bei einem heftigen Gefecht in der Nähe des Dorfes Luhanske im Donbass kam Slipak ums Leben. «Er starb vor meinen Augen», sagt Klempouz. Sie erinnere sich an ihn als grossartigen Menschen. Kaum jemand habe von seiner Bekanntheit gewusst. «Er sang für uns, wenn wir ihn darum baten.»  

Slipaks Tod habe eine grosse Rolle gespielt, im Entscheid, sich der Armee anzuschliessen. «Er war der Stolz der Nation und ich wollte sein wie er.» Obwohl sie soeben ihr Masterstudium in Charkiw begonnen hatte, unterschreibt sie nach einem Gespräch mit ihren Eltern einen Vertrag bei der Armee.

Dort hilft sie wo sie kann: Sie übernimmt den nächtlichen Funkdienst, wenn die Männer auf ihre Kampfpositionen gehen, kocht oder unterstützt die Kameraden beim Schreiben von Dokumenten und Berichten.

Als Frau benachteiligt

Im Sommer 2017 konnte sie eine Funktion innerhalb der Armee wählen. «Aber keine der Frauen im Bataillon durfte Maschinengewehrschützin werden.» Klempouz war eine zeitlang Granatwerferin, dann Sanitäterin. Als einmal ein Soldat nicht mit einer Drohne zurechtkommt, übernimmt sie und arbeitet fortan in der Luftaufklärung. 

Strukturell waren Frauen in der Armee benachteiligt. Sie durften keine Kommandopositionen einnehmen, und obwohl sie sich an Kämpfen beteiligen, wurden sie als Unterstützungspersonal eingestuft. Damit verbunden waren tiefere Löhne sowie schlechtere Unterstützung bei Verletzungen und Trauma oder Rechtsstreitigkeiten. 

Der Alltag ist hart, aber oft unspektakulär: Wasser holen, Feuer machen, damit die Kälte nicht in die Gelenke kriecht, Unterstände bauen. Sie gewöhnt sich daran. Viele ihrer engen Freunde sterben. «Ich werde später trauern», sagt sie sich damals. «Solange Krieg herrscht, kann ich mir das nicht erlauben.»

2018 stirbt ihr Vater bei einem Arbeitsunfall auf seinem Bauernhof. Sie tritt aus der Armee aus und begibt sich in Therapie. Kriegstrauma und persönlicher Verlust überlagern sich. «Mein Zustand war sehr schlecht», sagt sie. Heute leide sie unter einem «Überlebenden-Syndrom». Die Frage, wieso ausgerechnet sie überlebt habe, treibt sie um.

 Dankbarkeit von der Front

Trotz Austritt aus der Armee engagiert sie sich weiterhin für die Streitkräfte. Zusammen mit anderen Veteraninnen gründet sie 2019 die NGO Veteranka. die sich für die Rechte der Frauen im Militär einsetzt.

Nach Beginn des russischen Angriffskrieges 2022 beginnt sie erneut, ihre Freunde in der Armee zu unterstützen. Und nun also der Aufbau der Spendenplattform via Abomodell. Das Ziel ist, dass bis Ende Jahr sämtliche Brigaden auf der Plattform zu finden sind. Fast 6300 Mal wurde bisher bereits Geld gesendet.  

Die Dankbarkeit der Menschen an der Front ist gross, wie Zitate auf der Website belegen. «Über die Plattform können Rettungskräfte schnell Geld sammeln, um lebensrettende Massnahmen zu finanzieren», schreibt eine Sanitäterin. Pilot «Apostol» betont die Stabilität: «Ein Team kümmert sich um die Gelder. Die Soldaten können sich auf den Kampf konzentrieren.»

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema