Krieg in der Ukraine

Aus Kenia an die russische Frontlinie

Rund 1000 Kenianer wurden von Russland für den Krieg in der Ukraine rekrutiert. Auch aus anderen afrikanischen Ländern sind Söldner im Front-Einsatz. Für ihre Familien bleibt ihr Schicksal oft ungewiss.
An einem leeren Grab nimmt Bibiana Wangari (Mitte) Abschied von ihrem Sohn Charles. Der junge Kenianer starb als Soldat in den Reihen der russischen Armee bei Kämpfen in der Ukraine. (Bild: Duncan Mwathi/ epd)

Die Verhaftung folgte kurz nach der Rückkehr aus Russland – seitdem sorgt der Fall in Kenia für Schlagzeilen. Festus O. soll Dutzende junge Kenianer an die russische Armee vermittelt haben. Nun muss er sich wegen Menschenhandels vor Gericht verantworten. Schon vergangenes Jahr hatte ein Gericht verfügt, dass er seine Rekrutierungsbemühungen einstellen muss. Trotzdem konnte er seitdem noch mehrmals junge Männer nach Russland begleiten. Laut den Ermittlungsbehörden landeten mehrere von ihnen an der Front in der Ukraine.

Etwa 1000 kenianische Männer sind nach Angaben des kenianischen Geheimdienstes NIS von privaten Jobvermittlungs-Agenturen im Auftrag des russischen Verteidigungsministeriums für den Krieg in der Ukraine rekrutiert worden (ref.ch berichtete). Auch aus anderen afrikanischen Ländern sind Söldner für Russland im Einsatz. Die Initiative «All Eyes on Wagner», die Listen des ukrainischen Militärs ausgewertet hat, beziffert ihre Zahl für den Zeitraum von 2023 bis 2025 auf 1417. Offizielle Daten gibt es nicht.

Falsche Versprechen

Etliche der Söldner sind mittlerweile in ukrainischen Kriegsgefangenenlagern gelandet. Die Politikwissenschaftlerin Karen Larsen vom Dänischen Institut für Internationale Studien hat dort kürzlich 18 Kämpfer interviewt, darunter mehrere aus afrikanischen Ländern. Sie alle seien über Agenturen in ihrem Heimatland angeheuert worden, die Jobs im Ausland vermitteln, sagt Larsen. Viele von ihnen seien schon vorher, zum Beispiel in Dubai, für Sicherheitsfirmen tätig gewesen.

Larsen hat einen Bericht veröffentlicht, in dem sie darlegt, weshalb Russland auf junge Männer aus Afrika angewiesen ist und wo diese eingesetzt werden. «Hohe Verluste auf dem Schlachtfeld erschweren die Rekrutierung von russischen Bürgern», schreibt sie, deshalb blicke Russland zunehmend über seine Grenzen hinaus.

Soldaten aus Nordkorea und China, die für Russland in den vordersten Linien kämpften, hätten international für Aufmerksamkeit gesorgt. Nun würden russische Vermittler Männern aus Afrika Staatsangehörigkeit und Arbeit versprechen – im Gegenzug für den Dienst im russischen Militär. Ausserdem würden vermehrt afrikanische Frauen rekrutiert für die Arbeit in russischen Drohnenfabriken.

In ihrem Fazit schreibt Larsen: «In einer Welt, in der die reguläre Migration aus afrikanischen Ländern in westliche Volkswirtschaften äusserst begrenzt ist, bietet Russland eine offene Tür für Wanderarbeiter, die ihr Leben für sich und ihre Familien verändern wollen.»

Der kenianische Menschenrechtsaktivist Raskin Oyugi, erzählt, dass Russland die jungen Männer häufig mit falschen Versprechen locke, etwa verhältnismässig hohe Gehälter für zivile Jobs als Fahrer oder in Fabriken. «Wir sehen eine systematische Täuschung und Ausbeutung von Menschen, die aus armen Familien kommen», sagt Oyugi, der sich bei der Organisation «Vocal Africa» engagiert.

Wenige Wochen an der Front

Die Arbeitslosigkeit ist in vielen afrikanischen Ländern hoch, Jobs mit monatlichen Gehältern von umgerechnet mehr als 1000 Euro sind schwer zu bekommen. Die Männer brechen auf in der Hoffnung, das Leben ihrer Familien mit dem verdienten Geld positiv verändern zu können, sagt Oyugi. Bei der Ankunft werde der Pass konfisziert und sie würden gezwungen, einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium auf Russisch zu unterschreiben.

Schnell entpuppen sich diese Hoffnungen als Illusion. Die meisten Rekruten landen laut Larsen nach nur wenigen Wochen Training als Kämpfer an der Front – so hätten es ihre Interviewpartner in den ukrainischen Kriegsgefangenenlagern und die Rückkehrer in Kenia berichtet. Überlebende hätten zudem erzählt, dass mehrere ihrer Kameraden bereits in der ersten Einsatzwoche getötet worden seien.

Amnestie für Rückkehrer angekündigt

Mehr als 300’000 russische Soldaten wurden laut Schätzungen des Washingtoner «Center for Strategic and International Studies» (CSIS) seit Kriegsbeginn bereits getötet. Und die afrikanischen Söldner werden mitunter besonderen Risiken ausgesetzt. «Russland nutzt die ausländischen Rekruten als entbehrliche Soldaten und schickt sie in gefährlichen Situationen vor, um ihre eigenen Leute zu schützen», sagt Larsen.

Kenianische Medien berichteten zuletzt vermehrt über die Rekrutierung junger Männer für den Krieg in der Ukraine. Und auch die Politik reagierte. Noch im Juli verabschiedete Arbeitsminister Alfred Mutua fröhlich 50 junge Männer als Arbeitsmigranten nach Russland.

Nun will Russland laut dem kenianischen Aussenminister Musalia Mudavadi keine Kenianer mehr für den Krieg in der Ukraine rekrutieren. Das teilte er nach einem Treffen in Moskau mit Aussenminister Sergej Lawrow mit. Zudem kündigte Mudavadi eine Amnestie für Rückkehrer an, wie die britische BBC berichtete. Nach kenianischem Recht ist der Dienst in ausländischen Armeen eigentlich verboten und kann mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet werden.

Der politische Umschwung ist auch ein Zeichen für die betroffenen Familien, deren Söhne an der Front getötet wurden. Über die Todesfälle erfahren sie oft nur von Kameraden der Gefallenen oder aus dem Internet. Viele verschwinden einfach und sind nicht mehr zu erreichen. Mehrere Familien haben deshalb in den vergangenen Wochen Trauerfeiern an einem leeren Sarg abgehalten.

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