Krieg in der Ukraine

«Die Menschen wünschen sich eine sozial engagierte Kirche»

Oft heisst es, der russische Angriffskrieg habe die Menschen in der Ukraine religiöser gemacht. Die Daten zeichnen ein anderes Bild. Jan Philipp Wölbern von der Konrad-Adenauer-Stiftung erklärt, warum vor allem die gesellschaftliche Rolle der Kirchen wichtiger wird.
Kirchen in der Ukraine leisten vermehrt soziale und humanitäre Dienste. Ein Stand mit Wasser und Hilfsgütern vor einer Kirche in der ukrainischen Stadt Cherson. (Bild: Guillaume Herbaut / Keystone)
Das Wichtigste in Kürze

Hat der russische Angriffskrieg die Menschen in der Ukraine religiöser gemacht?
Laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Rasumkow-Zentrums ist die Religiosität in der Ukraine insgesamt stabil geblieben. Rund 70 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich seit Jahren als religiös, auch wenn direkt vom Krieg Betroffene häufiger von einem stärkeren Glauben berichten.

Welche Rolle übernehmen die Kirchen im Krieg gegen Russland?
Die Menschen wünschen sich Kirchen, die sich stärker sozial und humanitär engagieren. Kirchgemeinden bieten vermehrt psychologische Hilfe, Unterkünfte für Binnenvertriebene, Hilfsgüter sowie medizinische Unterstützung für Soldaten und die Zivilbevölkerung an.

Wie verändert der Krieg die ukrainische Kirchenlandschaft?
Der Wunsch nach kirchlicher Unabhängigkeit von Moskau ist deutlich gewachsen und stärkt die Orthodoxe Kirche der Ukraine. Trotz des Konflikts zwischen den orthodoxen Kirchen funktioniert das Zusammenleben der Religionen und Konfessionen weitgehend gut; eine staatlich privilegierte Kirche findet hingegen keine Mehrheit.

Herr Wölbern, es gibt immer wieder Berichte, wonach die Menschen in der Ukraine aufgrund der Kriegsereignisse religiöser geworden seien. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat gemeinsam mit dem Rasumkow-Zentrum eine Studie über Kirche und Religion in der Ukraine durchgeführt. Können Sie diesen Befund bestätigen?
Das Bedürfnis nach spirituellem Trost ist angesichts dieses Kriegswahnsinns sicher gestiegen. In unserer Studie sehen wir, dass Menschen, die direkt an Kriegshandlungen beteiligt waren, oft auch angeben, sie seien dadurch religiöser geworden. Für die gesamte Gesellschaft lässt sich das aber nicht bestätigen. Hier zeigt sich vielmehr, dass die Religiosität gegenüber den Vorjahren stabil geblieben ist. Die Zahlen bewegen sich seit Jahren konstant um 70 Prozent.

Ist es also ein Mythos, dass der Krieg zu vollen Kirchen führt?
Es ist möglich, dass in einzelnen aktiven Gemeinden auch die Kirchenbesuche angestiegen sind. Allerdings ist es eine sehr westliche Sichtweise, Religiosität an Kirchenbesuchen und Mitgliederzahlen zu messen. Man darf die Art und Weise, wie die Menschen hier ihren Glauben leben, nicht mit der Schablone der klassischen katholischen oder evangelischen Christen betrachten.

Was heisst das?
Ein praktisches Beispiel: Die orthodoxen Kirchen in der Ukraine sind sonntags und meist auch unter der Woche den ganzen Tag geöffnet, die Messe erstreckt sich oft über mehrere Stunden. Das ist anders als bei uns, wo der Gottesdienst meist um 10 Uhr beginnt und eine Stunde dauert. Es gibt in der Ukraine auch nicht dieses «Schäfchenzählen», also die klassische Mitgliederstruktur. Gegenüber deutschen oder schweizerischen Verhältnissen ist die institutionelle Bindung deutlich geringer.

«Im Krieg werden die Kirchen stärker als gesellschaftliche Akteure wahrgenommen.»
Jan Philipp Wölbern

Was für Erwartungen haben die Menschen in Kriegszeiten an die Kirchen?
Die Bevölkerung hat vermehrt den Wunsch, dass sich die Kirchen stärker in der Diakonie engagieren. Das ist insofern interessant, als dieser Gedanke in der Orthodoxie weniger stark verwurzelt ist als in der katholischen Soziallehre oder der evangelischen Diakonie. Im Krieg werden die Kirchen stärker als gesellschaftliche Akteure wahrgenommen: Man erwartet, dass sie neben ihren traditionellen seelsorgerlichen Aufgaben vermehrt soziale und humanitäre Dienste leisten.

Erfüllen die Kirchen diese Erwartungen?
Viele Kirchgemeinden sind inzwischen stärker sozial engagiert als vor dem Krieg. Sie leisten psychologische Unterstützung, stellen Unterkünfte und materielle Hilfe für Binnenvertriebene bereit oder sammeln Hilfsgüter für die Front. In meiner Kirchgemeinde, der Deutschen Evangelischen Auslandsgemeinde in Kyjiw, hat ein engagiertes Gemeindemitglied eine Stiftung ins Leben gerufen, die sich um die medizinische Versorgung von Soldaten zu kümmert. Etliche solche Beispiele gibt es auch in orthodoxen Gemeinden. Oft vermischt sich das kirchliche Engagement mit dem der Freiwilligen. Am Ende geht es immer um die gemeinsame Verteidigungsleistung für die Soldaten an der Front und um die Linderung der Not der Zivilbevölkerung.

Zur Person

Jan Philipp Wölbern ist stellvertretender Leiter des Auslandsbüros Ukraine der Konrad-Adenauer-Stiftung. Der promovierte Historiker befasst sich seit vielen Jahren mit Osteuropa sowie der Geschichte der DDR und der Sowjetunion. Zuvor arbeitete er unter anderem am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. (no)

Sie erwähnen die Landesverteidigung. Wünschen sich die Ukrainerinnen und Ukrainer eine stärkere nationale Ausrichtung der Kirchen?
Ja, es gibt einen wachsenden Wunsch nach einer nationaler ausgerichteten Kirche, die sich stärker auf das eigene Land konzentriert. Vor allem geht es um die Unabhängigkeit von kirchlichen Strukturen, die mit Moskau verbunden sind. Das begann bereits vor mehreren Jahren mit der Gründung der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) und hat im Krieg eine neue Dynamik gewonnen. Ich halte das für eine positive Entwicklung auch für den ukrainischen Staat.

Inwiefern?
Die ukrainische Demokratie ist seit der Unabhängigkeit 1991 immer von zwei Faktoren gehemmt worden: Zum einen vom sowjetischen Erbe, zum andern vom anhaltenden russischen Einfluss auf das Land. Ein Instrument dieses Einflusses war auch die Kirche des Moskauer Patriarchats. Dass sich die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche 2022 vom Moskauer Patriarchat losgelöst hat und diese Loslösung von der Gesellschaft eingefordert wird, ist eine gute Nachricht für die ukrainische Demokratie und Staatlichkeit.

«Ich finde es bemerkenswert, dass die Kirchen nach dem Ende der Sowjetzeit so schnell wieder präsent waren und eine öffentliche Rolle spielten.»
Jan Philipp Wölbern

Wie gross ist die Gefahr, dass die Kirchen für nationalistische Ziele eingespannt werden?
Es gibt Überlegungen in Richtung einer Staatskirche. Rund 30 Prozent der Menschen befürworten das. Es ist also keine Mehrheit, und ich sehe nicht, dass sich das in der Ukraine durchsetzen könnte. Ich halte es auch nicht für wünschenswert, weil die Privilegierung einer einzelnen Konfession dem Grundgedanken der Pluralität widerspricht.

Sie sprechen die religiöse Vielfalt der Ukraine an. Wie gut funktioniert dieses Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen und Religionen?
Abgesehen von dem Konflikt zwischen den beiden orthodoxen Kirchen funktioniert das Zusammenleben gut. Ich habe in den vergangenen Jahren keine grösseren religiösen Spannungen erlebt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass man jetzt im Krieg stärker zusammensteht und Trennendes in den Hintergrund rückt.

In Ihrer Studie haben Sie auch einen längeren Zeitraum in den Blick genommen. Was ist für Sie die wichtigste Entwicklung in der religiösen Landschaft der Ukraine?
Gerade feierte der Allukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen sein 30-Jahr-Jubiläum. Ich finde es bemerkenswert, dass die Kirchen nach dem Ende der Sowjetzeit so schnell wieder präsent waren und eine öffentliche Rolle spielten. Das zeigt, dass der Glaube und religiöse Traditionen selbst eine jahrzehntelange kirchenfeindliche Herrschaft überdauern können.  

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