Wahlen in den USA

«Bei einem Sieg von Trump werde ich lange beten müssen»

Religion spielt eine wichtige Rolle im US-Wahlkampf, sagt Heinrich Bedford-Strohm. Der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist beruflich und privat oft in Amerika. Die Instrumentalisierung des Christentums sieht er mit Sorge.

«Trump, der Erlöser dieser Generation» steht auf einem Banner anlässlich einer Trump-Wahlveranstaltung in einer evangelikalen Kirche in Mesa, Bundeststaat Arizona. (Bild: Rebecca Noble / Keystone)

Herr Bedford-Strohm, Sie haben vor einigen Tagen gemeinsam mit anderen Theologinnen und Theologen gegen die Vereinnahmung von Dietrich Bonhoeffer durch die Trump-Kampagne protestiert. Donald Trump und Dietrich Bonhoeffer – wie geht das zusammen?
Das geht natürlich überhaupt nicht zusammen, und ich vermute, Donald Trump kennt Dietrich Bonhoeffer nicht einmal. Unter den Trump-Unterstützern gibt es aber christliche Nationalisten, die Bonhoeffer für ihre politischen Ziele instrumentalisieren. Konkret geht es darum, dass Bonhoeffers Widerstand gegen das NS-Regime als Vorbild für den Kampf gegen die demokratische Regierung gesehen wird. Das ist ein brandgefährliches Narrativ, weil damit nahegelegt wird, dass Gewalt gegen eine solche gewählte demokratische Regierung in der gegenwärtigen Situation in den USA legitim sein könnte.

Wo genau berufen sich die Trump-Unterstützer auf Bonhoeffer?
Ein Beispiel ist das konservative Manifest «Project 2025», das so etwas wie ein Masterplan für eine mögliche Trump-Regierung ist. In der Einführung wird auf Bonhoeffer verwiesen, um eine menschenfeindliche Migrationspolitik zu rechtfertigen. Weite Verbreitung hat auch eine von Fachleuten stark kritisierte Bonhoeffer-Biographie des Journalisten und Buchautors Eric Metaxas. In Talkshows und in den sozialen Medien verbreitet Metaxas seine kriegerische Rhetorik. Verschiedentlich verglich er die Gewalttäter, die am 6. Januar 2021 das Kapitol stürmten, mit Widerstandskämpfern gegen die Nazi-Herrschaft wie eben Bonhoeffer oder Martin Niemöller.

Ein Slogan von Donald Trump lautet «Make America pray again». Welche Rolle spielt Religion im aktuellen Wahlkampf?
Religion spielt in US-Präsidentschaftswahlen traditionell eine grosse Rolle. Im gegenwärtigen Wahlkampf hat das aber eine fatale Entwicklung genommen. Zu den Trump-Anhängern gehören grosse Teile der evangelikalen Bewegung. Ihre Argumentation lautet, dass nicht weniger als die Zukunft Amerikas und des Christentums von Trumps Wahlsieg abhänge. Trump wird sozusagen als Instrument Gottes gesehen, der das Land zurück zum Christentum führen kann. Er macht sich das zunutze, indem er Religion gnadenlos instrumentalisiert und etwa eine eigene Bibel verkauft.

« Teilweise traut man sich in den Familien nicht mehr, das Thema Politik anzusprechen, weil es emotional so aufgeladen ist. »
Heinrich Bedford-Strohm

Als neuer Messias wirkt Donald Trump ziemlich unglaubwürdig. Warum erhält er von evangelikalen Kreisen so viel Unterstützung?
Es ist tatsächlich unheimlich, mitanzusehen, wie Trump in evangelikalen Gemeinden und Megachurches zum Erlöser stilisiert wird. Von Christus ist da kaum mehr die Rede. Natürlich sehen diese Leute die Widersprüche zu Trumps Lebenswandel. Sie legen sich das aber zurecht, indem sie beispielsweise auf den biblischen König Kyros verweisen, der als Nicht-Jude ebenfalls von Gott als Instrument benutzt wurde. Ähnlich werde Trump als nicht frommer Mensch von Gott benutzt, um Gutes zu tun. Zudem hat Trump in seiner ersten Amtszeit eine zentrale Forderung der Evangelikalen erfüllt: Er hat drei konservative Richter für den Obersten Gerichtshof nominiert und so dafür gesorgt, dass das Recht auf Abtreibung gekippt werden konnte.

Zur Person

Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und frühere bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (64) hat vielfältige Verbindungen in die USA. Er hat unter anderem in Berkeley, Kalifornien, studiert und war Dietrich Bonhoeffer-Gastprofessor am Union Theological Seminary in New York.

Bedford-Strohm ist mit einer US-Amerikanerin verheiratet und hat drei Söhne, von denen einer ebenfalls in den USA lebt. Seit zwei Jahren ist Heinrich Bedford-Strohm Vorsitzender des Weltkirchenrates. (no)

Gibt es innerhalb der evangelikalen Bewegung auch Stimmen, die Trumps Umgang mit Religion kritisieren?
Es gibt durchaus auch evangelikale Stimmen, die sich an der religiösen Überhöhung von Trump stossen. Der Journalist Tim Alberta, der sich selbst als evangelikal versteht, hat in einem Buch kritisch durchleuchtet, wie sich viele Evangelikale vor den politischen Karren spannen lassen. Er zeigt auf, dass Themen, die für Evangelikale traditionell wichtig sind – wie eine tiefe Christusbeziehung, Gewaltfreiheit oder die Bekämpfung von Armut – bei Trump unter den Tisch fallen.

Sie halten sich aus beruflichen und familiären Gründen oft in den USA auf. Wie erleben Sie das gesellschaftliche Klima dort?
Als extrem aufgeheizt und polarisiert. Teilweise traut man sich in den Familien nicht mehr, das Thema Politik anzusprechen, weil es emotional so aufgeladen ist. Mir fällt das auf, weil ich vor rund 40 Jahren als Student zum ersten Mal in den USA war und die gesellschaftliche und politische Entwicklung seither mitverfolgen konnte. Unter Ronald Reagan und George Bush war die Debatte noch vergleichsweise zivilisiert, heute wünscht man sich in fast in diese Zeit zurück. Inzwischen hat sich die Republikanische Partei stark nach rechts orientiert, alle moderaten Vertreter sind aussortiert worden.

« Kamala Harris ist einer christlichen Grundorientierung deutlich näher als Trump. »
Heinrich Bedford-Strohm

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Sie hat viel mit dem Internet und den sozialen Medien zu tun. Das unterschätzen wir immer noch. Studien zeigen, dass sich Fake News und Verschwörungstheorien im Netz schneller verbreiten als faktenbasierte Nachrichten. Die Algorithmen fördern solche extremen Inhalte zusätzlich, um die Werbeeinnahmen zu steigern. Was wahr und was falsch ist, wird dabei zunehmend irrelevant. Diese Entwicklung steht im Widerspruch zu demokratischen Prinzipien. Die Zukunft unserer Demokratien hängt davon ab, Regeln für diese Technologie zu finden.

Kommen wir zurück zum Thema Religion im Wahlkampf. Anders als ihr Widersacher ist Kamala Harris zurückhaltend mit Glaubensbekundungen in der Öffentlichkeit. Ist das die richtige Strategie?
Kamala Harris ist für mich in ihrem Umgang mit Religion glaubwürdiger als Donald Trump. Sie ist baptistische Christin, trägt ihren Glauben aber nicht vor sich her. Entscheidender finde ich, dass sie in ihrem politischen Programm Gewicht auf Themen wie Humanität, soziale Gerechtigkeit oder Bewahrung der Schöpfung legt. Damit steht sie einer christlichen Grundorientierung deutlich näher als Trump.

Kamala Harris ist mit verschiedenen religiösen Einflüssen in Berührung gekommen. Von ihrer Mutter kennt sie den hinduistischen Glauben, ihr Ehemann ist Jude. Könnte ihre Wahl eine Chance für den interreligiösen Dialog sein?
Ich glaube schon, dass sie mit ihrem Hintergrund den interreligiösen Dialog stärken kann. Ihr Umgang mit dem Glauben ist geprägt von menschlicher Nähe und nicht vom Wunsch, Religion zu instrumentalisieren. Das Entscheidende ist, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht auf seine Religion reduziert wird. So kann der interreligiöse Dialog gedeihen, weil man einander zuhört und die Stärken anderer Religionen erkennt, anstatt sie durch die negativen Bilder zu sehen, die oft in den Medien gezeigt werden.

« Es ist Aufgabe der Kirchen, die Politiker an ihre Verantwortung zu erinnern – egal ob sie Trump oder Harris heissen. »
Heinrich Bedford-Strohm

Nachdem es für Harris lange gut ausgesehen hat, holt Trump in den Umfragen immer mehr auf. Was erwarten Sie von einer möglichen zweiten Amtszeit?
Darüber will ich gar nicht nachdenken. Wenn Trump die Wahl gewinnt und seine menschenverachtenden Reden in Politik umsetzt, wird eine schwere Zeit kommen. Er wird die USA in einen autoritären Staat verwandeln. Europa muss sich dann unabhängiger von den USA machen und neue Allianzen suchen. Ich werde die Wahl angespannt verfolgen. Bei einem Sieg von Trump werde ich lange beten müssen, um wieder Hoffnung zu fassen.

Sie sind seit zwei Jahren Vorsitzender des Weltkirchenrats, einer Organisation, die sich selbst als Vereinte Nationen der Kirchen sieht. Wie weit darf sich Kirche in die Politik einmischen?
Kirche darf keine Parteipolitik betreiben, das wäre verhängnisvoll. Sie muss aber Partei für die Menschenwürde ergreifen und klar Position beziehen, wenn diese mit Füssen getreten wird. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn die Rechte von Flüchtlingen krass missachtet werden oder Menschen im Mittelmeer ertrinken. Dann ist es Aufgabe der Kirchen, die Politiker an ihre Verantwortung zu erinnern – egal ob sie Trump oder Harris heissen.