Krieg im Nahen Osten
Fastenbrechen im Schnee
Das sonst grüne Tal im Norden Libanons liegt unter einer dicken Schneedecke. Auf einer weiten Wiese des Dorfes El Qammouaa steht Friedrich Bokern, umgeben von 80 Jugendlichen. Wenn der Deutsche spricht, ziehen kleine Wolken aus seinem Mund in die eisige Kälte. Bokern hebt die Hände zum Himmel. Erst rezitiert er Al-Fātih, die erste Sure des Korans, dann das Vaterunser. Die Jungen und Mädchen schmeissen Schneebälle durch die Luft.
Es ist ein besonderer Tag: Die christliche Fastenzeit und der muslimische Ramadan fallen in diesem Jahr zusammen. In der Jugendgruppe treffen sich Libanesen und syrische Geflüchtete unterschiedlicher Religionszugehörigkeit – Sunniten, Alawiten, Christen. Den Nachmittag verbringen sie im Schnee, abends brechen sie gemeinsam das Fasten.
Die NGO Relief & Reconciliation (R&R) organisiert den Ausflug, um Dialog zwischen Religionen und Ethnien zu fördern, sagt Gründer Friedrich Bokern. «Niemand wird zu irgendetwas gezwungen, zu beten oder zu fasten, aber wir hören einander zu und versuchen in Solidarität etwas Gemeinsames zu schaffen.»
Während die Jugendlichen lachend Schneebälle durch die Luft werfen, hagelt es in Teheran Bomben. Es ist der erste Tag des neuen Kriegs im Nahen Osten: Am Morgen haben Israel und die USA den Iran angegriffen. Bokern checkt immer wieder die Nachrichten-Apps auf seinem Handy. «Im Libanon wurde noch nicht bombardiert». Erst zwei Tage darauf wird die Hisbollah an der Seite Irans in den Krieg einsteigen und das kleine Mittelmeerland erneut ins Elend stürzen.
Im Schatten eines Kriegs
Der Tag in den Bergen wirkt im Rückblick wie eine letzte Atempause für den Libanon. Auf der Wiese bauen die Jugendlichen Schneemänner. Karotten werden zu Nasen, Mützen und Schals dienen als Dekoration. Ein leichter Schneesturm zieht durch die Berge. Viele der Jugendlichen haben seit dem Morgengrauen nicht gegessen.
Leen Ghanom ist eine Alevitin. Als sie neun Jahre alt war, floh sie mit ihrer Familie aus einer syrischen Küstenstadt in den Libanon. Auch sie fastet — zwar sei es anstrengend, ohne Essen und Trinken den Tag draussen zu verbringen. «Aber wenn du den Schnee und deine Freunde siehst, kommt deine Energie plötzlich zurück», sagt sie.
Ähnlich geht es Fatima Moustafa. Die 25-jährige Frau kümmert sich um den Auftritt von Relief und Reconciliation in den sozialen Netzwerken. Moustafa sitzt erschöpft auf einem Sofa der Hütte, wo später das Festmahl zubereitet wird. Eine silberne Teekanne steht auf dem Ofen, der den grossen Raum heizt. Die Libanesin fürchtet sich vor dem Krieg. «Es ist eine beängstigende Situation. Man weiss nicht, was einen erwartet.»
Religion ist nicht die Ursache der Konflikte im Nahen Osten, findet die junge Sunnitin. «Religion kann Menschen vereinen, aber auch spalten – je nachdem, wie sie angewendet wird.» Meist seien Politik, Geld und Öl die wahren Treiber des Krieges, meint sie.
Trotzdem ist auch der diesjährige Ramadan für Moustafa eine besondere Zeit. Schon seit ihrem neunten Lebensjahr fastet sie. Zwar sei es körperlich herausfordernd, aber spirituell bereichernd. Das Fastenbrechen ist immer der Höhepunkt jedes Tages, sagt die junge Frau lächelnd. «Die Energie und die Gemeinschaft beim Iftar belohnen einen dafür.»
Das Iftar ist die Mahlzeit, die während des Ramadan nach Sonnenuntergang eingenommen wird. Traditionell wird das Fasten mit Milch oder einer Dattel gebrochen. Anschliessend folgt das Abendgebet (Maghrib), bevor das Essen in Gemeinschaft feierlich geteilt wird. (red)
«Ich finde christliches Fasten sogar noch schwieriger», sagt die Sunnitin. Denn während Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen verzichten, dürfen sie abends alles essen. Viele Christen im Libanon fasten hingegen von Mitternacht bis Mittag, danach ernähren sie sich vegetarisch oder sogar vegan. Für Moustafa wäre dies eine grosse Herausforderung. «Ich liebe es, Fleisch zu essen», gesteht sie schmunzelnd.
Ein Ritual, das Brücken schlägt
Trotz der Unterschiede schaffen die ähnlichen Traditionen einen Verbindung zwischen den Menschen, findet der griechische-orthodoxe Christ Abby Koussa. «Beide Religionen fasten, und dadurch können die Menschen einander besser verstehen», betont er, als inmitten der Wiese Schneeflocken langsam auf seine Jacke fallen.
Am späten Nachmittag trocknen die Jugendlichen vor einem Lagerfeuer ihre durchnässten Schuhe und Socken. In der Hütte beginnen die Vorbereitungen. Datteln stehen in Pappkartons bereit. Jugendliche verteilen Plastikteller mit Fleisch, Salat, Hummus und Brot auf die Tische. Ein Jugendlicher greift zum Mikrofon und beginnt zu singen. Kurz bevor das abendliche Maghrib-Gebet durch die Boxen tönt, endet das tägliche Fasten für die Muslime.
Relief & Reconciliation gegründet hat. (Bild: Laura Hülsemann)
Doch der Krieg im Nahen Osten überschattet den feierlichen Moment. Noch ist nicht klar, dass an diesem Tag Irans oberster Führer Ayatollah Ali Khamenei durch einen israelischen Luftangriff getötet wurde. Noch hat sich die libanesische Hisbollah nicht zum Kriegseintritt auf Seiten Teherans entschlossen. Allerdings verbreitet sich auch unter den Jugendlichen eine dunkle Vorahnung.
Nach dem Essen packen die Jugendlichen die Reste ein und machen sich in Bussen auf den Weg. Die jungen Menschen sind erschöpft und glücklich. Es wird einer ihrer letzten Tage im Frieden sein. Neben den Bussen steht Friedrich Bokern und kratzt den vereisten Schnee von der Windschutzscheibe seines Autos.
Bokern arbeitet seit 13 Jahren im Libanon und hat mehrere Kriege miterlebt. Trotz der ständigen Gewalt und Unsicherheit in der Region bleibt er seiner Überzeugung treu: «Nicht der Glaube treibt den Krieg voran, sondern politische Interessen», sagt der Deutsche. «Religion wird nur zu einem Instrument, um Konflikte zu rechtfertigen.»