Krieg im Nahen Osten
«Viele verstehen nicht, warum wir so glücklich sind»
Als die Flammen endlich an den langen Scheiten in die Höhe schiessen, brandet Applaus auf. Das Feuer steht für Freiheit — und für Widerstand. Hunderte Kurden auf dem Platz am Stadtrand von Damaskus jubeln und schwenken kurdische Flaggen. An diesem Abend feiern sie erstmals seit Jahrzehnten das nun anerkannte kurdische Frühjahrsfest Newroz frei auf den Strassen Syriens.
«Viele verstehen nicht, warum wir tanzen und so glücklich sind», sagt Mohammed Gazal, der 2011 aus Syrien floh und heute in Dortmund lebt. Zum ersten Mal feiert Gazal den Tag in seiner Heimat, wie der 28-Jährige erzählt.
Nach Jahrzehnten der Unterdrückung hat die neue syrische Regierung unter Präsident Ahmed Al-Sharaa den Kurden im Januar kulturelle Rechte zugesichert. Newroz ist nun ein syrischer Feiertag, die kurdische Sprache anerkannt und staatenlose Kurden können Pässe beantragen.
Doch unter die Freude mischt sich auch Sorge. Denn Anfang des Jahres erlitten die Kurden in Nordostsyrien eine herbe Niederlage. Al-Sharaa zerschlug in einer Blitzoffensive grosse Teile der kurdischen Autonomregion Rojava. Die kurdischen bewaffneten Truppen, die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), sollen nun schrittweise in den Staatsapparat eingegliedert werden. Ein eigener kurdischer Staat scheint nach Jahren der Selbstverwaltung gescheitert.
Zwischen den neuen Rechten und dem Machtverlust mischen sich im Alltag vieler Kurden Diskriminierungserfahrungen. Der Deutsch-Syrer Gazal musste dies am eigenen Leib erfahren. Auf dem Weg zur Newroz-Feier im historischen Kurdenviertel Rukn al-Din sollen ihn zwanzig Männer gestoppt haben. «Sie sagten, wir dürfen die kurdischen Flaggen nicht in der Öffentlichkeit tragen — sie wollten uns die Fahnen wegnehmen», erzählt der junge Mann.
Mohammed Gazal habe die Männer bei der Polizei angezeigt. Unter Baschar al-Assad wäre dies nicht möglich gewesen. Der frühere Diktator unterdrückte die Kurden massiv, verbot ihnen, ihre Sprache zu sprechen, und die Minderheit stand in dem brutalen Polizeistaat unter Generalverdacht.
Die Unterdrückung unter Assad
Der 19-Jährige Ghaith Alqalla erinnert sich noch gut an den Machtapparat des Assad-Regimes. «Wir hatten Angst», sagt der junge Kurde leise, als er abseits der feiernden Menge steht. Fast sein ganzes Leben litt er unter den despotischen Regeln des Diktators. «Früher feierte jede Familie für sich zuhause, in der Öffentlichkeit durften wir nicht zusammenkommen», erzählt der junge Mann mit dem Schnurrbart und der runden Brille.
An diesem Tag stehen Männer und Frauen Hand in Hand auf dem Shamdeen-Platz. Sie bilden eine Menschenkette, zusammen stampfen sie im Takt, rhythmisch schütteln sie ihren Körper.
Rund um den Platz stehen Einsatzfahrzeuge, bewaffnete Männer patrouillieren. Noch vor wenigen Jahren hätten Assads Truppen die Kurden brutal niedergeschlagen. Wenn man sich erinnert, wie erbarmungslos das Assad-Regime gegen eine Newroz-Feier vorgegangen wäre, wirken die Truppen im ersten Moment bedrohlich. Doch der 19-Jährigen Ghaith Alqalla fürchtet sich nicht. «Sie beschützen uns», sagt er, als er auf die Beamten zeigt.
So empfindet auch die 17-jährige Zeinab Horo. Sie steht inmitten der tanzenden Menge und wirkt gelassen. Dank der anwesenden Polizei fühle sie sich sicher. Sie vertraue den bewaffneten Männern, die das Fest bewachen, und an dem neben den kurdischen auch syrische Flaggen im Wind flattern. «Ich bin sehr stolz auf meine Stadt», sagt sie. «Endlich sind auch wir Kurden ein Teil davon.»
Trotz der zugesicherten Rechte werden Teile der Kurden im Alltag immer noch ausgegrenzt. Auch Horo schildert, wie sie in der Schule Diskriminierung erlebte. «Als ich einer Freundin gesagt habe, dass ich Kurdin bin, wollte sie nichts mehr mit mir zu tun haben.» Diese Erfahrung hat die junge Frau geprägt.
An diesem Abend zeigt die neue Polizei zwar ihre Präsenz, doch geht sie nicht gegen die Kurden vor. Weniger wohlgesonnen hätten die Kurden im Nordwesten des Landes vermutlich reagiert. Dort gingen Ahmed al-Sharaas Truppen erst vor wenigen Monaten gegen die Autonomie Rojavas vor.
Die Herausforderungen der Damaszener Kurden
Für die meisten hier scheint das Schicksal der nordöstlichen Kurden weit entfernt. Bei den Damaszener Kurden überwiegt die neue Anerkennung ihres höchsten Feiertags über den Verlust des einst autonom verwalteten Gebiets im Nordwesten Syriens, dessen ehemalige Grenze rund 400 Kilometer von der syrischen Hauptstadt entfernt liegt.
Das Jahrtausende alte Frühlingsfest Newroz wird weltweit von Iranern, Kurden und in vielen Teilen Zentralasiens gefeiert. Newroz fällt jedes Jahr auf den astronomischen Frühlingsbeginn, meist den 20. oder 21. März. Während in der persischen Tradition der Fokus auf dem Frühling liegt, betonen die Kurden den kulturellen Widerstand und ihren historischen Kampf für Selbstbestimmung. (red)
«Sie repräsentieren uns nicht», sagt der 19-Jährige Ghaith Alqalla über die SDF, die das autonome Gebiet seit 2012 beherrscht. Der junge Kurde aus Damaskus hat Rojava nie besucht und auch keine Familie dort. «Ich spreche nur Arabisch, die Kurden aus dem Norden fast nur kurdisch — ich kann sie noch nicht einmal verstehen.» Zwar hege er ein Interesse gegenüber Rojava, aber das Leben dort könne er sich kaum vorstellen.
Unterdessen ist es auf dem grossen Platz an der Feier leiser geworden. Der Auftakt des Newroz-Fest neigt sich dem Ende zu. Einige Jungen stehen noch einen Moment auf der Strasse und singen.
Auch der Deutsch-Syrer Mohammed Gazal ist noch da. Seine Stimme hat er bereits verloren. Mit dem Feiern will er aber nicht aufhören. «Heute war es wie eine Probe. Wir freuen uns auf Morgen», sagt er. Der kalte Regen löst die Menschenmenge langsam auf, die Kurden steigen in die Busse und fahren nach Hause.
«Ich komme nie mehr hierher»
In der Nacht von Newroz wird das Feuer gefeiert, am folgenden Tag steht die Verehrung der Sonne im Zentrum. Die Tage werden länger, das Licht gewinnt über die Dunkelheit. Doch als Gazal an diesem Samstag erwacht, ist der kalte syrische Winter noch lange nicht besiegt: In Damaskus schüttet es in Strömen.
Der 28-Jährige hat keine Jacke dabei, als er durch den Regen rennt. Er trägt eine traditionelle Hose, sein weisses Hemd klebt durchnässt an seinem Körper. Um seinen Kopf hat er eine kurdische Flagge gebunden.
Sein Ziel ist ein grosser Platz im Westen der syrischen Hauptstadt, auf dem ein Zelt und eine Bühne aufgebaut sind. Die ehemals grüne Wiese ist längst zu Matsch geworden. Der Regen hält ihn nicht auf. Gemeinsam mit seinen Cousins stürmt er tanzend auf die Bühne.
Am Nachmittag steigen sie durchgefroren in ein Taxi. Noch tragen Gazal und seine Cousins die traditionellen Gewänder der Minderheit. An anderen Tagen seien sie vorsichtiger, erzählt Gazal. Manchmal sprechen sie untereinander Arabisch, um nicht aufzufallen. «Wenn wir in Taxis oder Bussen Kurdisch reden, habe ich immer Angst.»
Syrien war lange ein Sehnsuchtsort für Gazal. In dem vom Bürgerkrieg zerstörten Land gebe es noch viele Probleme, meint er. Er lehnt sowohl die SDF als auch den bewaffneten Kampf ab, wie er sagt.
Seit zwei Monaten können die syrischen Kurden ihre neuen Rechte in Anspruch nehmen. Doch der Preis für viele Kurden ist hoch: Ihre jahrelange Unabhängigkeit im ölreichen Nordosten des Landes gehört der Vergangenheit an. Trotzdem ist die Anerkennung einzigartig. Erstmals seit Syriens Unabhängigkeit im Jahr 1946 ist die Minderheit ein fester Bestandteil der Nation. Doch die Köpfe vieler Syrer hat diese Gleichberechtigung noch nicht erreicht.
Das weiss auch Mohammed Gazal. Die Erfahrung wirkt nach, dass ihn am Vortag eine Gruppe Männer bedrohte und ihm die kurdische Fahne wegnehmen wollte. Er vermisst die Freiheiten, die er in Deutschland geniesst.
Gazal hat einen Entschluss gefasst: Für ihn war es das erste und letzte Newroz-Fest in Syrien. «Ich komme nie wieder hierher.» Das diesjährige Newroz zeigt, dass der Weg bis zu einer echten Gleichstellung der Kurden in Syrien noch weit ist.