Studie zu Religiösität geflüchteter Syrer

«Viele Geflüchtete machen ihre Religion weniger sichtbar»

Was passiert mit der Religiosität, wenn Menschen aus Syrien in die Schweiz, nach Deutschland oder Österreich fliehen? Dies wollte unter anderem Extremismusforscher Ahmed Ajil wissen. Die Ergebnisse widersprechen der Vorstellung, Ausgrenzung führe zwangsläufig zu stärkerer Religiosität oder gar Radikalisierung.
Im Herbst 2015 erreichten tausende Geflüchtete den Hauptbahnhof in München. Darunter viele aus Syrien, die vor dem dortigen Bürgerkrieg geflohen waren. (Bild: Gordon Welters/ Keystone)

Herr Ajil, in der öffentlichen Debatte gibt es immer wieder die Annahme, Diskriminierung könne Menschen stärker in die Religion treiben und im Extremfall zur Radikalisierung beitragen. Fanden Sie darauf Hinweise?
Genau diese Annahme wollten wir unter anderem untersuchen. Unsere Daten geben bislang aber wenig Hinweise auf die einfache Gleichung: mehr Ausgrenzung gleich mehr Religiosität gleich mehr Radikalisierung. Es gibt Menschen, die auf Diskriminierung reagieren, indem sie ihre religiöse Identität bewusst verteidigen. Aber insgesamt sehen wir viel häufiger Anpassung oder Einschränkung sichtbarer religiöser Praxis, um weniger Angriffsfläche zu bieten.

Das betrifft besonders muslimische Befragte. In Syrien ist religiöse Praxis stärker in den Alltag und in Gemeinschaften eingebettet. Hier passen die gesellschaftlichen Rhythmen oft nicht dazu. Freitag ist ein Arbeitstag, Gebete fallen in die Arbeitszeit und dort fehlen geeignete Räume.

Auch der Zugang zu Moscheen ist nicht immer einfach. Viele Gemeinden in der Schweiz sind türkisch oder albanisch geprägt. Für arabischsprachige Syrerinnen und Syrer gibt es deutlich weniger Strukturen. Deshalb verlagern manche ihre religiöse Praxis stärker ins Private: Sie beten zu Hause, lesen den Koran oder holen Gebete später nach. Religion verschwindet nicht unbedingt, wird aber individueller und tendenziell weniger sichtbar.

76 ausführliche Interviews geführt

Was passiert mit Menschen, die in stark religiös geprägten Ländern aufwachsen und in säkular gepräge Länder flüchten? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein von Professor Martin Baumann verantwortetes Forschungsprojekt, das vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt wird.

Zusammen mit Partnerteams in Österreich und Deutschland führte man von 2024 bis 2026 insgesamt 76 ausführliche Interviews mit Syrerinnen und Syrern. Der Grossteil, 58, waren muslimisch, 18 Befragte christlich. Die Datenerhebung ist abgeschlossen, die Analyse soll noch bis 2027 dauern.

Es ist eine qualitative Studie. Assistenzprofessor Ahmed Ajil, der die Forschung in der Schweiz als Postdoc durchführte, sagt: «Wir können daraus also keine repräsentativen Aussagen über alle syrischen Geflüchteten ableiten, erhalten aber einen tiefen Einblick in individuelle Entwicklungen.» (gab)

Der Umgang mit Muslimen betrifft auch die christlichen Syrerinnen und Syrer. 
Das ist ein sehr spannender Befund. Sie berichten ebenfalls von antimuslimischem Rassismus. Sie werden aufgrund ihres Namens, ihres Aussehens oder ihrer arabischen Herkunft als muslimisch gelesen und mit Vorstellungen von Konservatismus, Extremismus oder Terrorismus konfrontiert. 

Dann entsteht die Frage wie sie damit umgehen: Sage ich ausdrücklich, dass ich Christ bin, um mich abzugrenzen? Einige tun das. Andere lehnen das ab, weil sie nicht Teil eines Systems sein wollen, das Menschen diskriminiert. 

Eine christliche Interviewpartnerin bekam beispielsweise den Rat, ihrer Bewerbung ein Foto beizufügen. Dann sehe man sofort, dass sie kein Kopftuch trage und nicht der Vorstellung einer «typischen Muslimin» entspreche. Sie versuchte es zunächst, nahm das Foto später aber wieder heraus, weil sie sich damit unwohl fühlte. Sie wollte dieses System der Unterscheidung nicht unterstützen. 

Wird Religion durch den Rückzug ins Private auch unwichtiger? 
Nicht zwingend. Wir sehen sehr unterschiedliche Entwicklungen. Für stark religiöse Menschen kann der Glaube gerade während Krieg, Flucht und der schwierigen ersten Zeit im neuen Land zu einem wichtigen Anker werden. Manche deuten diese Erfahrungen auch religiös, etwa als Prüfung durch Gott. 

Bei anderen rückt Religion zunächst in den Hintergrund. Sie müssen eine Wohnung finden, eine Sprache lernen, einen Beruf suchen und ihren Aufenthaltsstatus klären. Dafür braucht man enorm viele Ressourcen. Einige sagen später, wenn ihr Leben stabiler geworden ist: Jetzt möchte ich wieder oder erstmals überhaupt Ramadan machen.

Religiosität kann mit zunehmender Integration also wieder stärker gelebt werden?
Ja, bei einigen Befragten sehen wir das. In unserer Studie verwenden wir dafür das Bild eines «emotionalen Reservoirs». Durch Krieg, Flucht und die Unsicherheit nach der Ankunft ist dieses Reservoir zunächst weitgehend geleert. Selbst kleine negative Erfahrungen können die Geflüchteten sehr stark treffen. Mit zunehmender Sicherheit kann sich das Reservoir langsam wieder füllen. Dabei spielt auch Nostalgie eine Rolle. Viele muslimische wie christliche Befragte vermissen das Gemeinschaftliche aus Syrien. Sie beschreiben die Gesellschaft hier als kälter, stärker auf Arbeit und Individualität ausgerichtet. Religion kann eine Möglichkeit sein, etwas Vertrautes wiederzugewinnen.

Zur Person

Der 35-jährige Ahmed Ajil ist promovierter Kriminologe und Assistenzprofessor an der Fakultät für Verhaltenswissenschaften und Psychologie. Bis Ende August war er Forschungsmitarbeiter am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern. Seine Forschungsschwerpunkte liegen bei politischer Gewalt, Extremismusprävention, Rassismus und Männlichkeiten. Zudem arbeitete er beim Schweizerischen Kompetenzzentrum für den Justizvollzug und als Kriminalanalytiker beim Bundesamt für Polizei fedpol. (gab)

Sie sprechen auch von einer «Spiritualisierung» der Religion. Was meinen Sie damit?
Mehrere Befragte lösen sich stärker von festen religiösen Regeln und Institutionen, ohne deshalb atheistisch zu werden. Sie sagen beispielsweise: Entscheidend ist für mich, wie ein Mensch lebt, ob er ehrlich ist, seine Arbeit ordentlich macht, anderen hilft oder zur Umwelt Sorge trägt. 

Einige sagen sogar, sie sähen bestimmte islamische Werte in Menschen in der Schweiz stärker verwirklicht als bei manchen Muslimen. Religion wird dann stärker ethisch und spirituell verstanden und weniger dogmatisch. Einen vollständigen Übergang zum Atheismus sehen wir dagegen nur selten. Für viele hängt Religion auch mit Herkunft und Identität zusammen. Sie vollständig abzulegen, kann sich deshalb wie der Verlust eines weiteren Teils der eigenen Wurzeln anfühlen.

Auch das Kopftuch ist in der Studie zentral. Warum?
Weil daran viele Konflikte besonders sichtbar werden. Muslimische Männer können im öffentlichen Raum häufig nicht eindeutig als Muslime erkannt werden. Eine Frau mit Kopftuch dagegen schon. Dadurch ist sie stärker rassistischen Blicken, Kommentaren oder Diskriminierung ausgesetzt, beispielsweise bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche. An ihrem Körper verschränken sich Rassismus und Sexismus.

Das zwingt Frauen zu einer Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Religiosität. Manche sagen: Ich will das Kopftuch weiterhin tragen, gerade weil es Teil meiner Identität ist. Andere legen es ab. Wieder andere würden es eigentlich gerne tragen, verzichten aber darauf, weil sie Nachteile fürchten. 

Diese unterschiedlichen Entscheidungen sagen nicht unbedingt etwas darüber aus, wie religiös eine Frau ist. Wir haben sehr religiöse Frauen interviewt, die täglich beten und den Koran lesen, aber bewusst kein Kopftuch tragen.

Frauen stehen damit zwischen unterschiedlichen Erwartungen.
Genau. Auf der einen Seite nimmt die Schweizer Mehrheitsgesellschaft den sichtbaren Islam teilweise negativ wahr. Auf der anderen Seite können Erwartungen innerhalb muslimischer Gemeinschaften stehen. Dort gilt eine Frau mit Kopftuch teilweise automatisch als frommer oder als «richtige» Muslimin.  

Das erzeugt einen doppelten Druck. Trägt eine Frau das Kopftuch, wird sie ausserhalb der eigenen Gemeinschaft sichtbarer und damit möglicherweise stärker diskriminiert. Trägt sie es nicht, muss sie sich unter Umständen innerhalb der eigenen Gemeinschaft rechtfertigen. 

Ein Imam aus Volketswil ZH sagt deshalb, es sei religiös legitim das Kopftuch abzulegen, wenn man dadurch Nachteile erfahre. Es sei ein Stück Stoff, kein Glaubensbekenntnis. 

Jüngere Frauen sind stärker von dieser Diskussion betroffen. Sie sind in Ausbildung, Studium und Beruf viel stärker mit der Mehrheitsgesellschaft in Kontakt als beispielsweise ältere Frauen, die nicht mehr erwerbstätig sind. Entsprechend grösser ist auch die Reibungsfläche.

Aktuell wird politisch wieder über Kopftuchverbote für Mädchen diskutiert. Könnte ein Verbot sie von familiärem Druck entlasten? 
Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass ein Kopftuch immer Zwang oder Unterwerfung bedeutet. Damit würden wir vielen Mädchen und Frauen Unrecht tun, die es aus eigener Überzeugung tragen. 

Für Geflüchtete kann ein Verbot einen weiteren Stressfaktor schaffen. Denken Sie an junge Mädchen, die mit ihrer Familie in einer Asylunterkunft leben, eine Sprache lernen, in einer neuen Schule ankommen und mit Fluchterfahrungen umgehen müssen. Wenn ihr Kopftuch zusätzlich zu einer politischen Frage wird, erleichtert das ihre Situation nicht. 

Werden Kinder tatsächlich gezwungen oder misshandelt, müssen wir mit den Instrumenten des Kindesschutzes reagieren. Ein pauschales Verbot eines Kleidungsstücks halte ich nicht für die richtige Antwort.

Was bedeutet Ihre Forschung für die Integrationsdebatte?
Wir sollten vorsichtig sein mit sehr einfachen Vorstellungen von Religion und Integration. Religiosität ist nicht etwas Statisches, das Menschen aus Syrien einfach mitbringen und dann unverändert behalten. Sie entwickelt sich weiter und reagiert auf Arbeitsleben, Aufenthaltsstatus, soziale Beziehungen, Diskriminierung und persönliche Erfahrungen. 

Und sichtbar religiös zu sein bedeutet nicht automatisch, weniger integriert zu sein. Umgekehrt ist jemand, der seine Religion weniger sichtbar lebt, nicht automatisch weniger gläubig. Unsere Interviews zeigen vielmehr, wie stark Menschen versuchen, zwischen unterschiedlichen Erwartungen, ihrer Herkunft und ihrem neuen Alltag einen Weg zu finden. Und das sind Aushandlungsprozesse, von denen wir alle viel lernen können.

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