Religiöse Symbole

«Frauen muss zugestanden werden, Kopftuch zu tragen»

Sollen Kopftücher an Schulen verboten werden? Rita Famos, die auch den Rat der Religionen präsidiert, plädiert für mehr Sachlichkeit und gegenseitiges Zuhören – und sagt, warum es für sie stark um Selbstbestimmung geht.
Ein Mädchen mit Kopftuch an einer Schule in Norddeutschland, aufgenommen vor 15 Jahren. (Bild: Julian Stratenschulte/ dpa/ Keystone)

Frau Famos, in mehreren Kantonen und auch auf nationaler Ebene wird ein Verbot von Kopftüchern an Schulen gefordert. Was halten Sie von der Debatte?
Ich finde sie wichtig und verstehe sie als Teil der direkten Demokratie. Die Diskussion kehrt immer wieder zurück, weil dieses Stück Stoff mehr als nur ein Stück Stoff ist und zentrale Fragen unserer Gesellschaft berührt, die bislang nicht geklärt sind.

Welche Fragen meinen Sie?
Es geht um Religionsfreiheit, aber auch um die Gleichstellung und Selbstbestimmung der Frauen. Auch Fragen zu Integration und staatlicher Neutralität bündeln sich. Das sind sehr wichtige Fragen. Ich bedaure deshalb, dass die Debatte so emotional geführt wird. Eine sachliche, offene und faire Diskussion wäre nötig.

Regierung verweist auf Bundesverfassung

Auf nationaler Ebene reichte die SVP kürzlich eine Motion ein, die ein Verbot von «auffälligen Kopfbedeckungen (insbesondere ein Kopftuch)» für unter 16-jährige Schülerinnen fordert. Das christliche Kreuz oder die jüdische Kippa sollen erlaubt bleiben, da sie unauffällig seien, heisst es im Vorstoss. Bei mehreren Verstössen würden ein Schulverweis oder ein Entzug des Aufenthaltsrechts der Eltern drohen.

Der Bundesrat lehnt die Motion ab. Bereits im Herbst 2025 verwies er in einem ausführlichen Bericht auf die Rechtslage: ein generelles Kopftuchverbot an Schulen stehe im Widerspruch zur Bundesverfassung. Das Bundesgericht hatte 2015 ein Verbot für eine Schülerin in St. Margrethen SG wieder aufgehoben, das Verbot verletze die Religionsfreiheit und sei unverhältnismässig, urteilte es damals. (gab)

Was wünschen Sie sich konkret?
Weniger Pauschalisierungen und eine Diskussion, die nicht auf Verboten und Vorurteilen fusst. Wir müssen auf beiden Seiten mehr zuhören und viel mehr mit als über kopftuchtragende Frauen reden. Die muslimischen Vertreterinnen und Vertreter sollten aber auch unsere Fragen ernst nehmen und Rückfragen nicht reflexartig als islamophob interpretieren, sondern als ehrliches Interesse.

Warum entfacht die Debatte immer wieder?
Die Gesellschaft verändert sich demografisch rasant. Auch politische Einschätzungen verschieben sich: Die SP hat beispielsweise beim Kopftuch gerade eine Kehrtwende vollzogen. Die Frage lässt sich nicht ein für alle Mal lösen.

Worum geht es für Sie im Kern der Debatte?
Um Religionsfreiheit und um die Selbstbestimmung der Frauen. Ihnen muss zugestanden werden, dass sie das Kopftuch aus freier Entscheidung tragen und nicht allesamt unterdrückt sind. Ich finde es sehr wichtig, dass wir die Gründe für ihren Entscheid in Erfahrung bringen. Und die religiöse Neutralität des Staates steht im Fokus. Diese Errungenschaft der modernen liberalen Gesellschaft trägt zu einem wesentlichen Teil zum religiösen Frieden in unserem Land bei. Dazu müssen wir Sorge tragen.

Warum stehen oft die Frauen im Zentrum der Debatte um religiöse Kleidungsstücke?
Historisch wurde der Frauenkörper immer wieder reguliert. Daher ist es sicher typisch, dass die Diskussion anhand eines Kleidungsstücks geführt wird, das Frauen tragen. Dass Frauen sich bedecken sollen, ist so alt wie jene Diskussion, dass Frauen sich entschleiern sollen. Beides ist bevormundend. Die Selbstbestimmung der Frau ist ein wichtiger Aspekt in dieser Debatte. Ich will einer Muslima zutrauen, dass sie aus Selbstbestimmung das Kopftuch trägt. Gleichzeitig müssen religiös konservative Männer auch akzeptieren, dass westliche Frauen sich aus freier Entscheidung freizügiger kleiden.

Macht es aus Ihrer Sicht einen Unterschied, ob Lehrerinnen oder Schülerinnen ein Kopftuch tragen?
Ja. Bei Lehrpersonen stellt sich die Frage, ob und wie sichtbare religiöse oder politische Symbole mit der Neutralität der Schule vereinbar sind. Diese Diskussion darf sich nicht nur aufs Kopftuch beschränken. Lehrpersonen müssen zwischen ihrer persönlichen Weltanschauung und dem Vertreten des religiös neutralen Staats unterscheiden können. Wie sich das Tragen religiöser, politischer Symbole mit der professionellen Haltung vereinbaren lässt, ist für mich fraglich. Der Rat der Evangelischen Kirche Schweiz sowie der Rat der Religionen wird in den nächsten Wochen über eine Stellungnahme beraten.

Gehört das Tragen religiöser oder politischer Symbole für Lehrpersonen generell verboten?
Ich möchte die Diskussionen in den Räten nicht vorwegnehmen. Auch wenn sich die Politik für ein Verbot entscheiden würde, müssen wir uns bewusst sein: Ein Verbot löst das Problem nicht. Es sind auch subtile Manipulationen möglich. Entscheidend ist: Lehrpersonen müssen lernen, mit ihrer Weltanschauung im Klassenzimmer professionell, das heisst reflektiert, umzugehen.

100-seitige Kleidungsvorschriften in Frankreich

Auch im Ausland haben die höchsten Gerichte Verbote kassiert, die einzig auf das Kopftuch abzielten. Beispielsweise in Schweden (2022) oder Österreich. Im Nachbarland erklärte der Verfassungsgerichtshof Ende 2020 das Verbot für diskriminierend, weil es beispielsweise die Kippa ausnahm. Das Parlament hat Ende 2025 erneut ein Verbot für unter 14-jährige Mädchen beschlossen, das ab dem kommenden Schuljahr gelten soll.

Ein gesetzliches Verbot für das Tragen religiöser Symbole in der Schule gibt es seit 2004 in Frankreich. Dieses beruht auf dem Grundsatz des Laizismus, der eine strikte Trennung von Religion und Staat fordert. Seit 1958 ist dieser in der Verfassung verankert. Die Liste verbotener religiöser Kleidungsstücke wird vom Bildungsministerium laufend aktualisiert und umfasst über hundert Seiten. (gab)

Was halten Sie davon, wenn Schülerinnen oder Schüler solche Symbole tragen?
Jugendliche sollten sich grundsätzlich ausprobieren dürfen, und Erfahrungen machen können, was es heisst, wenn sie Bekenntnissymbole tragen. Beim Kopftuch müssen wir uns bewusst sein, dass es die muslimischen Mädchen exponiert, die Jungs nicht. Bei jüngeren Kindern sind auch die Elternhäuser in die Pflicht zu nehmen. Der Entscheid eines Mädchens, ein Kopftuch zu tragen, findet in einem familiären Kontext statt. Wir müssen Eltern, aber auch in Moscheen fragen, wieso sie dieses Sich-Exponieren ihren Töchtern zumuten, den Knaben jedoch nicht.

Um Zwang zu unterbinden, braucht es zudem staatliche Mechanismen. Ich denke da an geschützte Räume im Schulumfeld, wo die Mädchen frei reden können. Da kommt wieder die Rolle der Lehrpersonen ins Spiel: Nur wenn sie neutral und zugewandt rüberkommt, kann Vertrauen entstehen, so dass Kinder sich frei äussern können.

Was können Religionsgemeinschaften innerhalb der Debatte leisten?
Wir sind gefordert, uns immer wieder zu erklären. In einer zunehmend säkularen Gesellschaft müssen alle religiös praktizierenden Menschen in die Offensive gehen und vermitteln, was es heisst in einer modernen, aufgeklärten Welt aus Überzeugung zu glauben.

Das Kopftuch kann unterschiedlich gelesen werden. Für Unterdrückung, für Selbstbestimmung, für das Fremde.
Ja. Deshalb ist es nicht hilfreich, vorschnell die eigene Lesart vorauszusetzen. Eine Muslima erzählte mir, wie sie sich im Bosnienkrieg entschied, das Kopftuch zu tragen. Für sie war es ein Symbol dafür, dass sie unter dem Schutz von Allah gestanden sei. Das hat mich berührt. Wenn mir hingegen eine Muslima sagt, sie könne das Kopftuch als Lehrerin nicht ablegen, weil sie ihre Identität abstreife, frage ich mich, ob hier ein professioneller Umgang gegeben ist und ob sie den religiös neutralen Staat vertreten kann. Auch Sorgen von rechtskonservativer Seite gegenüber dem Fremden, etwa im Hinblick auf Gleichstellung, sollten ernst genommen werden.

Wie liesse sich die Diskussion versachlichen?
Wir müssen auf allen Seiten versuchen, Fragen nicht als Angriff zu verstehen, sondern als Interesse. Und wir müssen auskunftsfähig werden über unsere Sorgen, Ängste aber auch unsere Überzeugungen.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema