Sterbehilfe

Studie: Deshalb entscheiden sich Menschen für assistierten Suizid

Eine neue Schweizer Studie lässt erstmals Personen zu Wort kommen, die sich auf einen assistierten Suizid vorbereiten. Die Erkenntnisse lassen sich in der medizinischen und persönlichen Begleitung nutzen.
In einer neuen Studie schildern Betroffene, aus welchen Gründen sie Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen. Die Perspektive ist neu: Bislang stützte sich die Forschung auf Aussagen von Ärztinnen und Ärzten sowie Angehörigen. (Bild: Alessandro Della Bella/ Keystone)
Das Wichtigste in Kürze

Warum entscheiden sich Menschen in der Schweiz für einen assistierten Suizid?
Eine Studie des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) zeigt, dass der Sterbewunsch meist aus mehreren Gründen entsteht. Dazu gehören die Angst vor Leiden und Abhängigkeit, der Wunsch nach Selbstbestimmung sowie persönliche Erfahrungen mit Krankheit und Tod. Häufig reift der Entschluss über Jahre.

Welche Rolle spielen Angehörige und Sterbehilfeorganisationen?
Viele Betroffene betrachten Schweizer Sterbehilfeorganisationen als verlässliche Institutionen, die einen selbstbestimmten und würdevollen Tod ermöglichen. Gleichzeitig wünschen sie sich Verständnis von ihren Angehörigen, deren Reaktionen von Unterstützung bis zu Ablehnung reichen.

Warum entsteht beim assistierten Suizid manchmal Zeitdruck?
Einige Betroffene befürchten, durch eine fortschreitende Erkrankung ihre Urteilsfähigkeit oder die Fähigkeit zur selbstständigen Einnahme der tödlichen Substanz zu verlieren. Die im «British Medical Journal» veröffentlichte Schweizer Studie zeigt, dass diese Angst Entscheidungen beschleunigen kann, auch wenn die Betroffenen noch länger leben könnten.

Der eigene Tod soll nicht dem Zufall überlassen bleiben. Viele Menschen, die einen assistierten Suizid anstreben, haben sich bereits über Jahre Gedanken darüber gemacht, wie sie sterben möchten.

Dabei geht es nicht allein um körperliches Leiden, sondern auch um Selbstbestimmung, persönliche Wertvorstellungen und die Angst vor Abhängigkeit. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Universitätsspitals Lausanne (CHUV), die im September im renommierten Fachjournal «British Medical Journal» (BMJ) veröffentlicht wurde.

Das Forschungsteam um die Soziologin Solenne Blanc und die Palliativmedizinerin Claudia Gamondi führte von 2023 bis 2025 ausführliche Interviews mit 30 Personen, die bereits eine Sterbehilfeorganisation kontaktiert hatten. Die 17 Frauen und 13 Männer waren zwischen 35 und 97 Jahre alt und stammten aus allen drei grossen Sprachregionen der Schweiz. Vierzehn von ihnen starben nach dem Interview durch assistierten Suizid.

Erfahrungen prägen den Sterbewunsch

Die Forschenden identifizierten sechs Beweggründe Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Laut der Studie müssen die Gründe als miteinander verbunden wahrgenommen werden.

Ein Antrieb für die Befragten ist die Vorstellung vom eigenen Tod. Viele von ihnen hatten schon lange vor ihrer Erkrankung darüber nachgedacht, wie sie einmal würden sterben wollten. Häufig seien es Erfahrungen mit dem Leiden oder Sterben von Angehörigen gewesen, die solche Überlegungen auslösten, heisst es im BMJ-Artikel.

Am meisten fürchten sich die Befragten davor, lange zu leiden, sich nicht mehr bewegen zu können, vor der Inkontinenz oder davor, nicht mehr mit anderen kommunizieren zu können. Ein Teilnehmer brachte diese Sorge auf den Punkt: «Ich habe absolut keine Angst davor zu sterben. Es ist das Leiden, vor dem ich extreme Angst habe.»

Für manche Befragte war der assistierte Suizid deshalb nicht bloss eine Möglichkeit, das Leben zu beenden. Sie verstanden ihn als Ausdruck von Autonomie und Eigenverantwortung. Einige hatten sich bereits Jahre zuvor einer Sterbehilfeorganisation angeschlossen, Patientenverfügungen verfasst oder ihre Beerdigung geplant.

Vertrauen in Sterbehilfeorganisationen

Die Befragten beschrieben Sterbehilfeorganisationen als verlässliche Institutionen, die einen sicheren und würdevollen Tod ermöglichen. Einige empfanden es ausdrücklich als Privileg, in einem Land zu leben, in dem assistierter Suizid möglich ist.

Hinzu kommt die Rolle der Angehörigen. Viele der Gesprächspartnerinnen suchten in ihrem Umfeld nach Verständnis und Zustimmung, auch wenn sie ihre Entscheidung als zutiefst persönlich betrachteten. Einige Familien reagierten mit Trauer oder Ablehnung auf den Wunsch der Person nach Sterbehilfe. Andere Betroffene erhielten die Unterstützung ihrer Angehörigen und erlebten sie als grosse Erleichterung.

Vereinzelt wünschten sich die Betroffenen, durch den assistierten Suizid ihren Angehörigen belastende Erinnerungen an einen langen Sterbeprozess zu ersparen.

Mehrere Befragte berichteten von negativen Erfahrungen mit medizinischen Behandlungen. Sie fühlten sich von Ärztinnen und Ärzten nicht ausreichend gehört oder befürchteten, gegen ihren Willen weiterbehandelt zu werden. Der assistierte Suizid erschien ihnen als eine Möglichkeit, selbst über die Umstände ihres Todes zu bestimmen.

Wenn das Leiden unerträglich wird

In vielen Interviews kommt dem Leiden eine wichtige Rolle zu beim Fassen des Entschlusses. Im diesem Zusammenhang umfasst das Leiden jedoch mehr als körperliche Schmerzen. Die Befragten litten unter psychischer Erschöpfung, zunehmender Abhängigkeit, sozialer Isolation oder dem Gefühl, ihren Lebenssinn verloren zu haben.

Besonders belastend war für einige, dass medizinische Behandlungen zwar das Leben verlängerten, aus ihrer Sicht aber keine Verbesserung mehr brachten. Vielmehr erlebten die Betroffenen einen Kreislauf aus neuen Beschwerden, weiteren Behandlungen und zunehmender Erschöpfung.

Als sechsten Beweggrund identifizierten die Forschenden die Angst, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Wer einen assistierten Suizid in Anspruch nehmen will, muss urteilsfähig und in der Lage sein, die tödliche Substanz selbst einzunehmen. Einige Befragte befürchteten, diese Voraussetzungen im Verlauf ihrer Krankheit irgendwann nicht mehr erfüllen zu können.

Diese Sorge erzeuge laut der Studie einen erheblichen Zeitdruck. Die Betroffenen beschleunigten deshalb teilweise den Prozess der Entscheidungsfindung – obwohl sie nach eigenen Angaben noch länger hätten leben können. Die Autorinnen der Studie betonen, dass diese Dringlichkeit nicht mit einer impulsiven Entscheidung gleichzusetzen sei. Sie könne vielmehr das Ergebnis jahrelanger Überlegungen sein.

Keine einzelne Ursache

Diese sechs Beweggründe lassen sich gemäss der Studie nicht voneinander trennen. Vielmehr beeinflussen und verstärken sie sich gegenseitig. Daraus ziehen die Forschenden Schlüsse für die medizinische Praxis. Wer einen assistierten Suizid wünscht, sollte nicht allein nach Schmerzen oder Krankheitssymptomen gefragt werden, empfehlen sie. Ebenso wichtig sei es, die Lebensgeschichte, Wertvorstellungen, Beziehungen und Ängste der betroffenen Person zu verstehen.

Die Gespräche sollten dabei weder darauf abzielen, den Sterbewunsch zu bestätigen, noch darauf, ihn infrage zu stellen. Vielmehr gehe es darum, die Beweggründe zu verstehen und eine Behandlung zu ermöglichen, die den persönlichen Werten Rechnung trage.

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