Sterbehilfe

Die ungeliebten Nachbarn von Nunningen

Eine Basler Stiftung für Sterbehilfe hat in einem Solothurner Dorf einen Landgasthof mit Nebengebäude gekauft. Seit die Nachbarn wissen, dass dort Freitodbegleitungen stattfinden sollen, wehren sie sich.
In einem abgelegenen Weiler im Solothurner Jura bietet die Pegasos Swiss Association assistierten Suizid an. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Orts sind damit nicht einverstanden. (Bild: Alessandro Della Bella/ Keystone)

Im Solothurner Jura, mitten im Gilgenbergerland – zu allen Seiten Wiesen, Hügel und Wälder – liegt Nunningen. 1973 Einwohner, drei Postautolinien, dreissig Minuten bis Basel, eine Stunde bis Solothurn.

Hier könnte man Ruhe finden, doch gerade herrscht Aufregung. Die Pegasos Swiss Association hat einen Landgasthof mit Gästehaus im Nunninger Weiler Roderis gekauft. Wo liegt das Problem? Bei den Freitodbegleitungen, die seit diesem Jahr in einem Neubau hinter dem Gasthof stattfinden.

Der Gemeindepräsident Nunningens sagte gegenüber der Regionalzeitung «bz Basel», die Gemeinde habe keine Kenntnis davon gehabt, wie die Sterbehilfe-Organisation das Gebäude nutzen wolle. Die Bauverwaltung begann damit, die Zonenkonformität zu überprüfen. Anwohnende lancierten eine Online-Petition. Sie trägt den Titel: «Verlagerung des Pegasos Sterbehilfezentrums im Landgasthof Roderis an einen unbesiedelten Ort».

Im Petitionstext steht, die Bürgerinnen seien getäuscht worden: «Es hiess, beim Neubau handele es sich lediglich um ein Gästehaus». Sie möchten den Wegzug von Familien und anderen Einwohnern verhindern, heisst es weiter. Nunningen solle ein idyllisches Ausflugsziel bleiben, das Erholung und Freizeit dient.

Auf Anfrage von ref.ch schreibt die Pegasos Swiss Association: «Bislang hatten wir unseren Standort in Liestal. Wir waren aber schon länger auf der Suche nach Räumlichkeiten, die einen würdigeren Rahmen für den letzten Weg bieten.» Im neu erbauten Haus neben dem Nunninger Landgasthof sei man fündig geworden. Die Diskretion bei der Freitodbegleitung ist laut Pegasos gewahrt: «Für Sichtschutz sorgen die Bauweise des Hauses sowie geeignete Bepflanzung.»

Freitodbegleitungen nehmen deutlich zu

Assistierte Suizide und Freitodbegleitungen sind ein Bedürfnis in der Schweiz. Das Bundesamt für Statistik hat über die Jahre eine stetige Zunahme der Anzahl Menschen festgestellt, die auf diese Weise freiwillig aus dem Leben scheiden. Die aktuellste Zahl von 2022 zeigt, dass knapp 1600 Menschen aus der Schweiz Sterbehilfe beansprucht haben.

Der Verein Exit weist rund 168'000 Mitglieder aus, jährlich erhält er nach eigenen Angaben 3500 Anfragen für Freitodbegleitungen. Laut einer Statistik von Exit finden rund 80 Prozent der Freitodbegleitungen im privaten Rahmen statt. Ein Teil wird in Heimen durchgeführt und nur jede zwanzigste Person nimmt das Sterbezimmer in der Exit-Geschäftsstelle in Zürich in Anspruch. Für 2023 gibt der Verein an, 1252 Personen in den Freitod begleitet zu haben. Es können nur Volljährige mit Wohnsitz in der Schweiz Mitglied werden.

Keine Bewilligung nötig

Anders ausgerichtet ist die Pegasos Swiss Association. Der Verein setzt sich  für eine weltweite Legalisierung der Sterbehilfe ein, «damit unheilbar Kranke nicht die beschwerliche Reise in die Schweiz auf sich nehmen müssen.» Pegasos gibt Sterbewilligen aus dem Ausland detaillierte Reisetipps. Gegenüber ref.ch ist der Verein bei diesem Thema verschlossen: Weder Herkunft noch Anzahl der ausländischen Patientinnen und Patienten werden bekanntgegeben.

Während sich in Nunningen die Nachbarn stören und die Gemeindeverwaltung die rechtliche Lage prüft, gibt sich Pegasos zuversichtlich. «Auf der Parzelle, auf der das Haus steht, ist stilles Gewerbe erlaubt», schreibt der Verein. Weitere Bewilligungen seien laut Pegasos-Rechtsbeistand nicht nötig.

Dieser Meinung ist auch der Solothurner Regierungsrat: Pegasos biete in Roderis keine Pflegedienstleistung an, sondern stelle nur das Medikament zur Verfügung, das für die Freitodbegleitung verwendet wird. Eine Betriebsbewilligung werde nicht benötigt. Das ist eine Antwort auf eine Anfrage des Nunninger Kantonsrates Kuno Gasser (Mitte). Darin gibt Gasser an, Pegasos rechne mit 300 Freitodbegleitungen pro Jahr am neuen Standort. Im Vergleich zu den 20 bis 50 Personen, die im Weiler Roderis wohnen, ist das eine ansehnliche Menge.

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