Immobilien
Verlangt die Kirche zu hohe Mieten?
Die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Zürich hat im noblen Zürcher Stadtteil Hottingen ein Wohnhaus gebaut. Darin befinden sich sechs Wohnungen. Sie werden ab Oktober bezugsbereit sein und nur an Personen ohne Auto vermietet. Die 2,5-Zimmerwohnungen kosten monatlich 2400 bis 2650 Franken. Die 4,5-Zimmerwohnungen schlagen mit 4345 bis 4695 Franken zu Buche. Gegenüber dem Magazin «Beobachter» kritisierte der Mieterverband die Preise.
Auf verschiedenen Online-Plattformen diskutierten Mitglieder der Kirche angeregt. Da heisst es: Mit Immobilen Profit zu machen sei nicht das Geschäft «unserer Kirche» und: «Jesus würde die Immobilienhändler aus dem Tempel jagen.» Andere gehen davon aus, dass die Kirchgemeinde Zürich Wohnungen als Renditeobjekte habe, woraus sich das Kirchenleben finanzieren lasse. Manche sagen, die Kirchgemeinde müsse verantwortungsvoll und nachhaltig mit den Liegenschaften umgehen. Andere finden: «Diese Mieten sind zu hoch.» Wir sehen uns das genauer an.
Ist es ungehörig, dass die reformierte Kirche Mieten verlangt, die jenen privater Vermieter entsprechen?
Die Statistiker der Stadt Zürich gehen davon aus, dass Wohnungen des Bundes, des Kantons und anderer öffentlicher Eigentümer nicht nach dem Prinzip der Kostenmiete vermietet werden. Unter der Kostenmiete versteht man Mieten, welche die Kosten decken und keinen Gewinn erzielen. Mit ihnen werden Schuldzinsen und Verwaltungskosten beglichen sowie Unterhalt, Werterhalt und Rückstellungen zur Erneuerung sichergestellt.
Die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Zürich erklärt auf Anfrage, als öffentlich-rechtliche Organisation halte sich die Kirchgemeinde bei ihren Liegenschaften an das Prinzip der Kostenmiete. «Bei einem aufwändigen Bauprojekt von geringer Grösse an einer Lage wie jener in Hottingen kann dies zu Mietzinsen führen, die als hoch empfunden werden», sagt Michael Hauser, Immobilienverantwortlicher bei der reformierten Kirche Zürich. Die Hanglage und ein Rekurs hätten unter anderem den Bau verteuert.
Sind die Mietzinse überhöht?
Mit Blick auf das Wohnquartier nicht. Hottingen ist laut Statistiken der Stadt Zürich das drittteuerste Quartier. Nur in der Altstadt (Kreis 1) und in Riesbach (Seefeld) kostet das Wohnen mehr. Der mittlere Mietpreis nicht gemeinnütziger Wohnungen lag 2024 in Hottingen bei 29 Franken pro Quadratmeter. Die Mieten steigen seit Jahren: Allein von 2022 bis 2024 kletterten sie in der Stadt Zürich durchschnittlich um sechs bis neun Prozent.
In Hottingen beträgt die Zunahme jedoch bis zu 13 Prozent. Und: Die gemeinnützigen Wohnungen, die nur zur Kostenmiete vermietet werden, sind nirgends in der Stadt teurer als in Hottingen. Sie kosten hier bis zu 25 Franken pro Quadratmeter. Sogar in der Altstadt sind sie günstiger und liegen knapp unter 23 Franken.
Sollte die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Zürich nicht aus sozialen Gründen tiefe Mietzinsen verlangen?
Laut eigenen Angaben besitzt die Kirchgemeinde rund 300 Wohnungen, deren Miete im Durchschnitt 1300 Franken beträgt (ref.ch berichtete). Bei Medianpreisen in der Stadt Zürich von 2475 Franken für eine Dreizimmerwohnung und 3350 für eine Vierzimmerwohnung gehören sie zum günstigen Segment.
Der Immobilienverantwortliche Michael Hauser sagt auf Anfrage: «Die Kirchgemeinde unterstützt vielerorts gemeinschaftliches Wohnen und soziale Institutionen wie die Sieber-Stiftung, die Streetchurch oder die Jugendwohnhilfe mit vergünstigten Mieten.»
Zudem ist es in Ausnahmefällen möglich, eine Reduktion auf die Kostenmiete zu erhalten. In der «Berichterstattung Wohnen 2024» heisst es, Vergünstigungen seien befristet und könnten auf alle Mietobjekte angewendet werden. Hauser schränkt jedoch ein: «Für Privatpersonen gibt es in der Regel keine Vergünstigungen.» Das gelte auch beim Neubau in Hottingen. Manche Wohnungen der Kirchgemeinde sind an Anbieter von Kinderbetreuung, soziale Institutionen und sozial tätige Vereine vermietet.
Die Kirchgemeinde Zürich tritt als Wohnungsvermieterin auf. Wofür verwendet sie die Mieteinnahmen?
Immobilienverantwortlicher Hauser sagt: «Die Mieteinnahmen aus nicht kirchlich genutzten Liegenschaften tragen zur Finanzierung der Kirchen und Kirchgemeindehäuser bei.» Die Kirchgemeinde besitzt 43 Kirchen und 34 Kirchgemeindehäuser. Allerdings hat die Kirchgemeinde laut der Jahresrechnung 2024 im vergangenen Jahr über eine halbe Million Franken weniger an solchen Mieten eingenommen als budgetiert.
Wird das Kirchenleben durch Mieteinnahmen finanziert?
Nein, das wäre mit den 308 Wohnungen der Kirchgemeinde Zürich auch nicht möglich. Die Zürcher Landeskirche hat 2019 in einer Broschüre die Finanzflüsse erklärt. Von Personen und Firmen kamen im Jahr 2018 Kirchensteuern in der Höhe von 233 Millionen Franken, die Staatsbeiträge des Kantons machten 27 Millionen Franken aus. Davon erhielt die Landeskirche 67 Millionen an Beiträgen der Steuereinnahmen der Kirchgemeinden, den Staatsbeitrag und 11 Millionen an übrigen Einnahmen.
Die Landeskirche bezahlte 82 Millionen Franken an Salären für Pfarrpersonen und Mitarbeitende der kirchlichen Dienste. Für das kirchliche Leben und den Unterhalt ihrer Liegenschaften kommen die Kirchgemeinden auf – mit dem Geld aus der Kirchensteuer. 2018 betrugen die gesamten Ausgaben im Kanton für soziale Engagements wie Diakonie und Seelsorge 56 Millionen Franken, für Gottesdienste, Kirchenmusik und Kultur sowie für Bildungsangebote jeweils 30 Millionen Franken.
Eine weitaus tragendere Rolle spielen Mieteinnahmen aus Wohnungen der Kirche in der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel Stadt (ERK-BS). Weil dort Firmen keine Kirchensteuer bezahlen müssen, die Mitgliederzahlen stark zurückgegangen sind und viele kirchliche Bauten unterhalten werden müssen, verfolgt die ERK-BS eine Immobilienstrategie, die auf neugebaute Wohnungen und marktübliche Preise setzt. In Basel Stadt nimmt die Landeskirche rund die Hälfte des Geldes aus alternativen Quellen ein.