Immobilien
Kirche mit Hochhaus
Die Kirche ist zu gross, sie muss saniert werden und aus dem Grundstück könnte man Kapital schlagen – im Grunde sind viele Kirchgemeinden in der Schweiz an diesem Punkt angekommen. Dann heisst es: Was sollen wir tun?
Die Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach (De) hatte sich bereits vor zwanzig Jahren mit diesem Problem auseinandergesetzt. Angesichts einer sinkenden Anzahl von Gemeindemitgliedern wollten die Verantwortlichen die Matthäuskirche nicht mehr unterhalten und das dazugehörende 3100 Quadratmeter grosse Grundstück in direkter Nähe der charakteristischen Hochhäuser des Frankfurter Geschäftsviertels verkaufen.
Doch die Kirchgemeinde, zu der das Gebäude gehört, kämpfte für dessen Erhalt. Nach all den Jahren gibt es nun eine Lösung, wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schreibt. Es wird ein Kompromiss sein: Die alte Kirche verschwindet, aber an Ort und Stelle wird wieder ein sakraler Ort bestehen. Oder wie es die Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach formuliert: «Die Matthäuskirche soll durch einen neuen zukunftsweisenden Kirchenneubau ersetzt werden.» Der Clou dabei: Auf dem Grundstück wird ein 130 Meter hoher Wolkenkratzer gebaut, davor entsteht die neue Kirche und die Gebäude sind miteinander verbunden.
Zerstört und wieder aufgebaut
Exemplarisch ist die Geschichte der Matthäuskirche. Sie wurde 1905 eingeweiht und diente zwei grossen neuentstandenen Stadtteilen als kirchliches Zentrum. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Kirche zerstört – nur der Turm blieb stehen. Man baute neu und grosszügig: Bei der Einweihung 1955 war die Matthäuskirche mit 1250 Plätzen die grösste evangelische Kirche der Stadt.
Als in den folgenden 40 Jahren die Zahl der Gemeindemitglieder von über 12'000 auf unter 2000 abnahm, galt das Gebäude in den 1990er-Jahren als viel zu gross. Man baute um, reduzierte die Grösse des Kirchenraums um die Hälfte, machte Platz für einen Kinderhort und liess manche Räume von anderen Glaubensgemeinschaften nutzen: Griechisch-orthodoxe, Rumänisch-orthodoxe, Russisch-Orthodoxe und eine äthiopische Gemeinde.
In den kommenden Jahren soll das Gebäude also noch einmal frisch gebaut werden. Das einzig Alte, das bleibt, wird das Kreuz sein, das 1905 auf die Spitze des Kirchturms gesetzt wurde. Die Pfarrerin der kämpferischen Kirchgemeinde ist mit der Lösung zufrieden.
Den Architekturwettbewerb gewonnen hat ein Architekturbüro aus Frankfurt. Es ist auf Hochhausbauten spezialisiert und war ebenfalls schon an zahlreichen Kirchenneubauten in Deutschland beteiligt. Florian Schlüter, einer der drei Partner des Büros, sagt auf Anfrage von ref.ch, von vornherein sei es die Aufgabenstellung gewesen, auf dem Grundstück ein Ensemble aus Kirche und Hochhaus zu planen.
«Raum der Andacht» im obersten Stock
Architekt Schlüter erklärt den siegreichen Entwurf: «Kirche und Hochhaus sind miteinander verwoben. Dabei entstehen unterschiedliche Ebenen und Raumbereiche, bei denen sich Spiritualität, Arbeiten und Wohnen begegnen können.» Das Konzept schliesst auch ein, dass ganz oben im Hochhaus ein «Raum der Andacht» eingerichtet werden soll, den die Kirche wird mitbenutzen können. Der Mix aus Arbeit, Wohnen und Kirche erhält auch die Zustimmung der Politik. Stadtrat und Verantwortlicher für Städtebau Marcus Gwechenberger sagte der FAZ, es sei überzeugend, dass Hochhaus und Kirche «zusammen gedacht» würden.
«Das Eine kann durch das Andere überraschend bereichert werden», meint Florian Schlüter. Eine sich öffnende Kirche werde mit neuen und verschiedenen Wohn- und Büroformen zusammengebracht.
Gründe gegen Ersatzneubauten
Interessant findet das Projekt auch Michael Hauser, Immobilienverantwortlicher der reformierten Kirchgemeinde Stadt Zürich. Die Kirchgemeinde besitze über vierzig Kirchen, manche seien baulich angepasst worden und werden neu genutzt. Bei anderen ist dies laut Hauser eine mögliche Option. Aber er gibt zu bedenken: «Aus Sicht unserer Mitglieder sind sie ein wichtiger Teil unserer Identität.» Ersatzneubauten würden ausserdem mit Blick auf die Klimadebatte kritisch beurteilt. Derzeit ist kein vergleichbares Projekt wie in Frankfurt geplant.
Geht es um einen Kirchenneubau, gehen auch Florian Schlüter und seine Mitarbeiter behutsam vor. Man analysiere die Besonderheiten des Ortes und beschäftige sich mit historischen, kulturellen und räumlichen Bezügen der jeweiligen Kirche, bevor man den ersten Entwurf zeichne.
Neue Form des Kirchenraums
Im Fall des Kirchen-Hochhaus-Ensembles gingen die Architektinnen und Architekten von der Idee städtischer Übergangsräume aus. Im Parterre sind Läden und Gastronomie vorgesehen, dazwischen sind die Aufgänge zu Kirche und Hochhaus angeordnet. Im ersten Stock ist eine halböffentliche Terrasse geplant, die begrünt ist und den Übergang zwischen Kirchenraum und Wohn- und Büroturm bildet. «Der Innenraum der Kirche ist nicht klassisch in sakral und profan aufgeteilt», sagt Schlüter, «sondern in Übergangszonen von aussen nach innen.»
Mieteinnahmen aus dem Hochhaus wird die Evangelische Kirche jedoch keine erhalten: Vier Fünftel des Grundstücks hat sie dem Investor verkauft, der das Hochhaus bauen will. Ihr gehört noch der Boden, auf dem sich der Kirchturm und ein Teil des Kirchenschiffs befinden. An dieser Stelle soll die neue «Hoffnungskirche» gebaut werden.