St. Gallen

Besetzer dringen in reformierte Kirche ein

Sie fordern Freiräume und wollen sie in einer ungenutzten Kirche finden: eine Gruppe junger Leute in der Stadt St. Gallen. Am Wochenende haben sie die Kirche St. Leonhard besetzt.
Ein Transparent an die Kirche St. Leonhard in St. Gallen zeigt, dass Besetzer das Gebäude übernommen haben. Die Besetzung dauerte jedoch nicht allzu lange. (Bild: Stadtpolizei St. Gallen)

Am Samstagabend kurz vor Mitternacht fuhr ein Lieferwagen vor die reformierte Kirche St. Leonhard in St. Gallen. Es stiegen Personen aus, manche hatten sich vermummt. Sie brachen ein Türschloss auf und drangen in die Kirche ein. Das geht aus einer Meldung der Stadtpolizei St. Gallen hervor.

Anwohner hatten die Polizei informiert. Auch darüber, dass ständig mehr Menschen zur besetzten Kirche kamen. Die Polizei schreibt: «Es kursierten Social-Media-Aufrufe, vor Ort zu erscheinen und sich mit den Kirchenbesetzenden zu solidarisieren.» Die Beamten zählten vor Ort rund 50 Personen. Beim Aufeinandertreffen mit den Sympathisanten sei es zu Provokationen gegenüber den Einsatzkräften gekommen.

Die evangelisch-reformierte Kirche St. Leonhard gehört seit 20 Jahren dem Winterthurer Architekten Giovanni Cerfeda. Die reformierte Kirchgemeinde verkaufte die Liegenschaft damals, weil sie den Kirchenraum nicht mehr benötigte und Sanierungen von rund 4,5 Millionen Franken nötig gewesen wären. Cerfeda kaufte das Gebäude für 40'000 Franken und wollte es zu einem Kultur- und Eventzentrum umbauen. Doch verschiedene Auflagen verhindern dies bis heute.

Ziel der Aktion

Kurz nach Mitternacht hätten die Besetzenden eine Mitteilung verschickt, schreibt das «St. Galler Tagblatt». Darin steht laut dem Artikel, dass der Umbau der Kirche blockiert ist und das Gebäude «auf Jahre hinaus» leer stehen wird. Die Gruppe habe deshalb die Initiative ergriffen und wolle dort einen öffentlichen selbstorganisierten Freiraum schaffen.

Von innen blockierte die Gruppe die Türen der reformierten Kirche. Das Gebäude verliessen sie nach stundenlangen Verhandlungen mit der Polizei freiwillig. (Bild: Stadtpolizei St. Gallen)

Die Aktivisten werfen der Stadt St. Gallen vor, sich zu wenig für Freiräume einzusetzen. Sie kündeten eine Pressekonferenz mit Brunch für Sonntagmorgen an. Doch noch während der Nacht beantragte Architekt Cerfeda, dass die Kirche geräumt wird. Die Stadtpolizei schreibt, sie habe daraufhin «mehrere Stunden mit der Besetzergruppe» verhandelt. Um sechs Uhr verliessen die Besetzer die Kirche. Cerfeda verzichtete auf eine Anzeige, wenn die Gruppe den Schaden am Türschloss bezahlt.

Im Lauf des Vormittags erklärte Juso-Politikerin Miriam Rizvi in Vertretung der Besetzergruppe deren Gründe. Die Kirchenbesetzung sei aus der Not heraus entstanden, die Gruppe verfolge ein Ziel und sei zu konstruktiven Gesprächen mit Stadt und Besitzer bereit. In der ungenutzten Kirche solle ein «nicht-kommerzieller, für queere und politische Anliegen offener Freiraum» entstehen. In einer schriftlichen Erklärung signalisierte Architekt Cerfeda seine Bereitschaft zum Dialog.

Werden Kirchen häufig besetzt?

Kirchenbesetzungen kommen hin und wieder vor. 1975 besetzten im französischen Lyon 150 Sexarbeitende eine Kirche, um gegen Repression durch die Polizei und ihre Verdrängung an den Stadtrand zu protestieren.

Im Oktober 2001 besetzten Sans-Papiers die katholische Kirche St. Anton in Basel und im Dezember 2008 die Predigerkirche in Zürich, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Migranten und die politische Aktivistengruppe Kollektiv R besetzten 2015 die reformierte Lausanner Kirche Saint-Laurent drei Monate lang, um gegen die Ausschaffung der Flüchtlinge und das Dublin-System zu demonstieren.

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