Der letzte Pfarrer geht
Ende September ging in Basel eine Ära zu Ende – das Pfarramt für Industrie und Wirtschaft, oft abgekürzt als «Piwi», gibt es nicht mehr. Aus Spargründen wurde das Spezialpfarramt, gegründet 1971, eingestellt, nachdem zuvor schon die katholische Kirche die Gelder dafür gestrichen hatten. Martin Dürr, der letzte reformierte Pfarrer in dieser Position, nannte sich selbst schlicht und einfach «Industriepfarrer».
Dürr sieht sich als Vermittler, er betont im Gespräch mit ref.ch: «Das Pfarramt war in der Stadt eine der wenigen Stationen ausserhalb der kirchlichen Gebäude – schade, dass es nicht mehr existiert.» Denn der Pfarrer, der seit Anfang Oktober im Ruhestand ist, ging gerne auf die Menschen zu, anstatt darauf zu warten, dass sie in die Kirche kommen.
Ob nach Katastrophen wie Flugzeugabstürzen, Besuchen bei Menschen im Gefängnis, in Kliniken bei Menschen mit Behinderungen, in den Chefetagen grosser Unternehmen, in Berufsschulen oder bei der Unterstützung junger Mütter, die alles allein bewältigen müssen: Martin Dürr hat überall Menschen in Krisen begleitet.
«Der Kern meiner Aufgabe war für mich immer, Menschen zu begegnen, Menschen zusammenzubringen, Brücken zu bauen – auch zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern – und Projekte für Arbeitslose und von Armut Betroffene zu initiieren.»
Dankbare Lehrlinge
Martin Dürr hat auch Formate wie die «Kamingespräche» – eine Diskussionsreihe in einem Cheminéekeller bei der Peterskirche –, «erfunden». Wichtig war ihm dabei, ausschliesslich weiblichen Rednerinnen einzuladen. Er thematisierte den «krankmachenden Arbeitsstress» und die Auswirkungen der Digitalisierung, bevor es alle taten. Er bekam dadurch «immer wieder sehr tolles Feedback», wie der 65-Jährige sagt.
Einige Beispiele? «Lebensnah, nicht verkopft und theoretisch oder ideologisch», lautet ein Kommentar. Oder: «Ich habe noch nie eine Veranstaltung besucht, die mit derart guten Podiumsteilnehmerinnen bestückt war, die so offen über Herausforderungen und Probleme gesprochen haben», schrieb ein Besucher einer Veranstaltung über Gesundheit am Arbeitsplatz.
«Die Zusammenarbeit mit ihm war nicht nur sehr angenehm, sondern auch sehr unterhaltsam. Er hat viel Humor», sagt Dagmar Vergeat, die das Sekretariat des Piwis geführt hat.
Petra Hasler, Präsidentin der Sozialkonferenz Basel, die zwölf Jahre mit Dürr zusammengearbeitet hat, ergänzt: «Er kann aussergewöhnlich gut zuhören.» Auch sein Engagement für Frauen bewundert die Präsidentin: «Er akzeptiert Einladungen zu öffentlichen Diskussionen nur, wenn Frauen auf der Bühne sind. Seine Stelle und seine Person werden fehlen.»
Martin Dürr hat auch Lehrlinge unterstützt. Er erinnert sich besonders an eine junge Frau, die eine neue Ausbildung machen wollte und mit einem wütenden Vater konfrontiert wurde, an einen jungen Mann, der frustriert war, weil er mehr und besser arbeitete als ein Angestellter, der besser bezahlt wurde als er, oder an einen anderen jungen Mann, dessen Gefühle für eine Kollegin nicht erwidert wurden.
Den Menschen, die sich ihm anvertrauen, Diskretion zu garantieren und ihnen vor allem «das Gefühl zu geben, gesehen und gehört zu werden, ohne dass sie sich gezwungen fühlen, eine Rolle zu spielen – das war immer mein wichtigstes Anliegen.»
Sein Zielpublikum waren nie «die Menschen, die wissen, wie man richtig glaubt.» Dies brachte ihm auch Kritik ein: «zu wenig klare Botschaft», meinten einige. Dabei sei die Botschaft der Kirche klar: «Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid» – diese Passage aus dem Korintherbrief von Paulus hält Dürr für zentral. «Die Aufgabe des Sauerteigs ist es nicht, ein grosser Sauerteig zu werden, sondern im Teig aufzugehen, damit das Brot gut wird», betont Martin Dürr.
In der Deutschschweiz gibt es verschiedene Spezialpfarrämter. Dazu zählen zum Beispiel das einer Chilbi-Pfarrerin oder die ökumenische Seelsorge für Seeleute in Basel. Auch im Gesundheitswesen gibt es zahlreiche Spezialseelsorger, im Kanton Zürich zum Beispiel auch in der Gefangenenseelsorge.
Im Kanton Aargau gibt es eine Gastro-Seelsorgerin, die sich besonders um Bedürfnisse in der Gastronomie kümmert. Auch an Universitäten gibt es teilweise Seelsorgende, zum Beispiel an den Hochschulen in Basel oder St. Gallen. In Luzern ist ein Projekt der Wirtschaftsdiakonie angedacht, aber noch nicht umgesetzt. (red)
Damit meint er: «Es kann nicht die Aufgabe der Kirche sein, neue Mitglieder zu gewinnen.» Es werde immer Menschen geben, die nur das Traditionelle wollen. Das solle auch erhalten bleiben. «Aber wir müssen bereit sein, die Menschen ins Zentrum zu stellen, bereit sein, zu sagen: „Hey, ich bin jetzt einfach da“»
Das Feiern nicht vergessen
Martin Dürr sieht sich eher bei Menschen, die sagen: «Kirche? Wieso? Glaube? Wozu?» Man muss «löwenmutig» sein, sagt er: «Wenn ich etwas ändern möchte, dann braucht es einen sehr langen Atem und eine hohe Frustrationstoleranz. Es kann Kraft kosten, auch Ärger einbringen. Aber wenn ich wirklich ein Anliegen habe, suche ich Verbündete. Dann lässt sich etwas bewegen.»
Auch wenn er nicht mehr «Industriepfarrer» ist, wird sich Martin Dürr bestimmt nicht langweilen. Die Reihe der Kamingespräche geht weiter. Zudem ist er weiterhin als Mediator tätig. Sein Lebensmotto? «Sei eine Ausstrahlung der Freude», so lautete der Rat seines Mentors vor Jahrzehnten zu Beginn seiner Berufsjahre. Und das bleibt auch über die Pensionierung hinaus erhalten: «Man darf», schliesst Dürr, «nie vergessen zu feiern!»