25 Jahre Flughafenkirche Zürich

Ankommen und Verabschieden

Seit einem Vierteljahrhundert begleiten Seelsorgende am Flughafen Zürich Reisende. Sie stehen Trauernden bei, die aus den Ferien zurückkehren, und freuen sich, wenn sie Gestrandeten helfen können.

Die Flughafenkirche ist offen für alle Gläubigen: Ein Mönch entflammt Kerzen an einer interreligiösen Feier. (Bild: zVg/ Oliver Sittel)

Mitten in der Skymetro, einer unterirdischen Bahnverbindung am Flughafen Zürich zu den Gates, zog die ältere Frau den Unbekannten ins Vertrauen. Sie erzählte ihm, wie ihr Mann vor einem Jahr verstorben war und wie traurig sie der Verlust noch immer stimmte. Dabei hatten sich die Passagierin und der reformierte Pfarrer eben erst kennengelernt: Stephan Pfenninger Schait hatte ihr spontan angeboten, sie zum Gate zu begleiten. «Wir haben ein sehr umfassendes Verständnis von Seelsorge», sagt Pfenninger Schait, als er die Episode bei einem Treffen in seinem Büro schildert. Gemeinsam mit der katholischen Theologin Andrea Thali und der reformierten Sozialdiakonin Jacqueline Lory bildet Pfenninger Schait das Team der Flughafenkirche.

Das ökumenische Trio hilft, wenn Reisenden Geld fehlt (für solche Fälle gibt es eine kleine «Notfall-Kasse») oder jemand Unterstützung braucht, weil sich Reisebestimmungen kurzfristig geändert haben. Dies war der Fall, als Jacqueline Lory kürzlich einem jungen Mann begegnete, der in den Iran reisen wollte. «Ich spreche kein Farsi. Aber dank elektronischer Übersetzungshilfen auf dem Mobiltelefon konnten wir uns problemlos unterhalten», sagt sie.

Während Shut- und Lockdown waren am Flughafen Zürich kaum Passagiere unterwegs. Das hatte auch Auswirkungen auf die Arbeit der Seelsorgenden. (Bild: Keystone/ Ennio Leanza)

Die Corona-Krise prägt die Arbeit der Seelsorgenden noch immer. Einerseits gibt es weniger zu tun, weil die Passagierzahlen noch immer tiefer sind als vor der Pandemie. Andererseits spüren die Seelsorgenden, wie stark Flughafen-Mitarbeitende teilweise unter Druck stehen. Vor allem mit Angestellten der Gastronomie und der Reinigung ist der Austausch intensiv. «Viele Angestellte sind besorgt, einige kämpfen mit psychischen Problemen», sagt Lory.

Drohende Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Ungewissheit hätten den Angestellten zugesetzt, ergänzt Stephan Pfenninger Schait. Er erinnert sich zurück an den Shutdown im Frühling 2020, als der Flughafen menschenleer war. Gemeinsam mit seinen beiden Kolleginnen verteilte er Flyer an Firmen, die am Flughafen Arbeitsplätze haben. «Wir haben potenziell 16 000 Leute erreicht – und bloss fünf Anrufe erhalten.» Erst im Herbst 2020 hätten sich nach und nach mehr Mitarbeitende gemeldet, als klar geworden war, dass die Krise nicht so rasch vorbei geht.

Katastrophen prägen erste Jahre

Noch heute füllt die Betriebsseelsorge gut die Hälfte der Arbeitszeit Pfenningers und seiner Kolleginnen, just zu diesem Zweck ist die Flughafenkirche ursprünglich gegründet worden. Der katholische Pfarrer Claudio Cimaschi und sein reformierter Kollege Walter Meier hatten die Arbeit vor 25 Jahren, am 3. Januar 1997, aufgenommen (siehe Kasten).

Walter Meier (links, reformiert) und Claudio Cimaschi (rechts, katholisch) blieben beide viele Jahre als Pfarrer am Flughafen Zürich. (Bild: Keystone/ Peter Lauth)

Die Seelsorgenden waren von Beginn an gefragt, weil die damalige Zeit von Katastrophen geprägt war: am 17. November 1997 kamen bei einem Terroranschlag im ägyptischen Luxor 62 Touristen ums Leben, darunter 36 Schweizerinnen und Schweizer. Die Särge wurden nach der Landung in Zürich im Hangar an einer grossen Trauerfeier aufgebahrt.

36 Opfer – 36 Särge: Von den Toten aus Luxor wurde an einer Trauerfeier am Flughafen Abschied genommen. (Bild: Keystone/ Peter Lauth)

Am 3. September 1998 stürzte eine MD-11 der Swissair auf dem Flug von New York nach Genf beim kanadischen Halifax ins Meer, alle 229 Menschen an Bord waren tot. Auch im «schwarzen Herbst» 2001 mit dem Swissair-Grounding im Oktober und dem Absturz einer Crossair-Maschine im November standen Cimaschi und Meier im Einsatz. Darüber hinaus hatte Meier nach der Kollision zweier Flugzeuge bei Überlingen im Juli 2002 engen Kontakt zu Vitali Kaloev, der bei dem Absturz seine Frau und seine beiden Kinder verlor und der knapp zwei Jahre später einen Fluglotsen ermordete. Seit es die Flughafenkirche gibt, gehören die Seelsorgenden zum Care-Team am Flughafen.

Neugierige Kunden

Vor gut fünfeinhalb Jahren hat Pfenninger Schait Meiers Nachfolge angetreten. Wie sein Vorgänger war der 46-Jährige zuvor Pfarrer in Bülach, er ist in Bassersdorf als Sohn eines Piloten aufgewachsen und hat während seines Theologiestudiums am Flughafen am Check-In gearbeitet. Pfenninger Schait schätzt an seiner Arbeit besonders die hohe Abwechslung, kein Arbeitstag gleiche dem anderen. Zudem habe er – verglichen mit einem Gemeindepfarramt – mehr Zeit für Seelsorge und weniger Sitzungen und Veranstaltungen. Gottesdienste gibt es zwar am Flughafen auch, allerdings monatlich maximal einen. Kasualien übernehmen die Pfarrpersonen nur, wenn jemand einen Bezug hat zum Flughafen hat; zum Beispiel eine Braut hier arbeitet oder ein Pilot sein Kind taufen lassen möchte.

Stephan Pfenninger, Jacqueline Lory und Andrea Thali betreuen als Seelsorgende die Flughafenkirche in Zürich. (Bild: zVg/ Kathrin Schait)

Zu den Seelsorgenden kommt aber auch «Laufkundschaft», denn die Andachtsräume und die Kapelle befinden sich direkt am Aufgang zur Zuschauerterrasse und damit an prominenter Lage. Manche Besucherinnen kämen aus reiner Neugierde für einen kurzen Augenschein, andere nehmen sich länger Zeit, teilweise auch, um Belastendes zu besprechen. Leute mit Sorgen wieder gehen zu lassen, ohne zu wissen, wie es ihnen danach ergehe, sei schwierig, sagt Jacqueline Lory. «Wir haben sie gern und fragen uns oft, was wohl aus ihnen geworden ist.»

Trost spenden

Schwierige Geschichten gehören oft auch zu jenen Personen, die von der Polizei aufgegriffen und zu den Seelsorgenden gebracht werden. Gegen diese Menschen liegt in der Regel nichts vor. Es sind mittellose, verzweifelte Personen mit psychischen Auffälligkeiten. Sie haben laut Pfenninger Schait ein besonderes Bedürfnis, gesehen und gehört zu werden und suchen in schweren Stunden Beistand.

Bestehen feiern

Die beiden Pfarrer Claudio Cimaschi (katholisch) und Walter Meier (reformiert) gründeten die Flughafenkirche am 1. Januar 1997. Beide blieben beide fast zwanzig Jahre: Cimaschi wechselte 2013 nach Wallisellen (ZH),  Meier wurde 2016 pensioniert. Die Kapelle am Flughafen ist rund um die Uhr geöffnet. Das ökumenische Pfarrteam ist von Montag bis Freitag zu Bürozeiten im Einsatz. Am Wochenende empfangen Freiwillige Gäste, die Seelsorgenden sind bei Notfällen erreichbar. (jow)

Zu diesen traurigen Momenten zählt auch die Geschichte jenes Tages, an dem er ein minderjähriges Mädchen in Empfang nehmen musste, deren Eltern in den Ferien tödlich verunglückt waren. «Manche Situationen sind schwierig auszuhalten, vor allem, wenn uns die Hände gebunden sind und wir nicht mehr tun können, als da zu sein», sagt der Pfarrer. Er erlebe aber auch viele schöne Stunden. Erst kürzlich habe er einem Mann mit Visaproblemen geholfen: «Ich versuchte, ein Konsulat zu erreichen. Gewöhnlich meldet sich nie jemand zurück. Dieses Mal hatte ich nach zehn Minuten den Generalkonsul persönlich am Draht, er half uns unkompliziert weiter.»

Rund um die Uhr offen: Eine Kapelle am Flughafen ist mittlerweile internationaler Standard. (Bild: zVG/ Zeljko Gataric)


Rund 250 Seelsorgegespräche führen Pfenninger Schait und seine beiden Kolleginnen monatlich. Regelmässig nehme er sich Zeit für Rundgänge ausserhalb des Büros. «Ich mische mich im Check-in 1 unters Volk. Das ist ein guter Ort dafür, weil sich dort viele Wege kreuzen.» Dazu müsse er sich bewusst aufmachen, denn er sei ein introvertierter Mensch.

«Meist gehe ich planlos auf Streifzug und schaue spontan, wo sich ein Gespräch ergibt. Wenn ich sehe, dass jemand weint, setze ich mich neben sie oder ihn, oder ich versuche, Blickkontakt mit jemandem aufzunehmen», schildert er. Der Pfarrer ist nicht als solcher erkennbar, er trägt keinen Talar und auch keine Weste mit Beschriftung. Anonym unterwegs zu sein, könne auch von Vorteil sein, weil sich ein Gegenüber eher öffne, als wenn für Dritte erkennbar wäre, dass jemand mit einem Seelsorger spreche.

In einem zunehmend säkularen Umfeld liesse sich argumentieren, an einem Ort wie dem Flughafen Zürich brauche es keine Kirche. «Sicherlich ist unser Bestehen nicht existenziell», sagt Stephan Pfenninger Schait.

Gleichzeitig, betont er, sei der Flughafen ein Schmelztiegel der Kulturen und dieses durchmischte Umfeld sei für die Kirche ein guter und wichtiger Ort, um präsent zu sein. «Ich vergleiche das mit einer Kirche am Weg auf einer Passhöhe im Mittelalter, die Reisende kreuzten. Kirche ist für mich mehr als Gottesdienst am Sonntagmorgen.»

Walter Meier: «Flughafengeschichten». Jordan, 2014; 127 Seiten, 29.90 Franken.  

Redaktioneller Hinweis: Dieser Text ist zum 25-Jahr-Jubiläum im Februar 2022 publiziert worden. Die Wiederholung erfolgt, weil die Jubiläumsfeier am Sonntag, 6. November 2022, stattfindet. Besucherinnen können den ganzen November lang im Andachtsraum eine Installation zweier Lichtkünstler der Zürcher Hochschule der Künste erleben.