Neue Chilbi-Pfarrerin

Unterwegs zwischen Asylzentren und Autoscootern

Beatrice Teuscher ist Pfarrerin der Chilbi- und Marktfahrer. Die Bernerin arbeitet auch als Asylseelsorgerin. Wie bringt sie diese beiden so unterschiedlichen Welten in ihrem Beruf zusammen?

Als Chilbi-Pfarrerin ist Beatrice Teuscher eine Art moderne Wanderpredigerin. (Bild: Seraina Boner)

Von der Decke der Autoscooterbahn blinken Lichter wie in der Disco. Vom Zeltdach tropft der Regen auf den Boden. Ein Country-Sänger beginnt den Gottesdienst mit dem Lied «You are always on my mind» von Elvis Presley. Die Zuhörerinnen sitzen in Autoscootern und wippen hin und her. Als die Musik ausgeklungen ist, tritt Beatrice Teuscher ans Mikrofon und zitiert einen Bibel-Psalm: «Jauchzt Gott alle Länder, jauchzt, jubelt und spielt.»

In Wetzikon hat die 54-Jährige einen ihrer ersten Auftritte als neue «Chilbi-Pfarrerin». Als solche arbeitet sie seit Anfang August in einem 20 Prozent-Pensum. Beim Zürcher Knabenschiessen am 8. September wird Teuscher offiziell ins Amt eingesetzt.

Seit rund acht Jahren ist Teuscher ausserdem als Seelsorgerin im Bundesasylzentrum in ihrer Heimatstadt Bern tätig. Die Frage drängt sich auf: Flüchtlingstraumata und Chilbi-Rummel, wie geht das zusammen? Teuscher sagt: «Zunächst einmal tut es mir gut, dieses Verspielte und Lockere, diese fröhliche Seite in mein Leben zu holen.» Schliesslich beschäftigt sie sich in ihrem Job als Asylseelsorgerin vornehmlich mit Ernsthaftem, mit existenziellen Krisen und traumatischen Fluchtgeschichten.

An neue Traditionen anknüpfen

Zwei Jahrzehnte lang war Teuscher Pfarrerin mit eigenem Kirchenkreis gewesen – zunächst elf Jahre lang in Moosseedorf, und zuletzt zwölf Jahre lang an der Friedenskirche in Bern. Nun in der Schweiz umherzureisen und nicht mehr fix an einer Kirche zu sein, sei schon eine Umstellung, auf die sie sich aber auch sehr freue. Es sei spannend, sich vermehrt mit anderen biblischen Traditionen auseinander zu setzen. «Auch Jesus und Moses waren schliesslich Wanderprediger.» Gebäude hingegen würden immer auch etwas Mächtiges ausstrahlen, wie Teuscher im Gespräch mit Radio SRF verdeutlichte: «Es kann der Kirche nur gut tun zu lernen, mit dieser Selbstverständlichkeit von Mächtigsein kritisch umzugehen.»

Das Chilbi-Pfarramt

Das Chilbi-Pfarramt geht zurück auf das Engagement von Pfarrer Ruedi Höhener, der die Schaustellerinnen und Markthändler ab etwa 1980 begleitete. Obwohl Höhener ordinierter Pfarrer war, fehlte ihm die eigentliche Legitimation zur Ausübung seines Amtes, da die reformierte Kirche keine übergreifenden Pfarrämter kennt. 1996 wurde der Trägerverein Pfarramt für Schausteller- und Circus-Seelsorge gegründet, der eine Chilbi-Pfarrerin anstellt. Unterstützt wird er durch die Deutschschweizer Kirchenkonferenz. Da dies für die Finanzierung nicht ausreicht, ist der Verein auf Mitglieder und Gönner angewiesen. (eba)

Die Arbeit auf dem Rummelplatz bringt auch Herausforderungen mit sich. Sie müsse noch herausfinden, was der beste Weg sei, um miteinander ins Gespräch zu kommen, sagt Teuscher. Auf der Chilbi ist das nämlich gar nicht so einfach, weil die Menschen beschäftigt sind. Auch nach dem Gottesdienst drehte Teuscher noch eine Runde. «Ich konnte gerade "Hallo" und "Wie geht es?" sagen, ehe ich zur Seite stehen musste, um der Kundschaft Platz zu machen.» Wofür sie Verständnis hat, weil das Geschäft die Existenz der Marktfahrerinnen und Schausteller sichert.

Ganz anders sind die Rahmenbedingungen bei der Arbeit mit Asylsuchenden: Diese kann sie an einem ruhigen Ort im ehemaligen Zieglerspital in Bern treffen, die Gespräche dauern oft eine Stunde oder mehr und drehen sich um grundlegende Fragen. «Eine Flucht ist etwas sehr Verwirrendes», sagt Teuscher. «Weil diese Menschen oft isoliert sind und gezwungen zum Nichtstun, denken sie viel über sich und die Welt nach. Ich versuche ihnen Raum zu geben, darüber zu reden, was sie beschäftigt und worum sie trauern. Das kann ihnen helfen, sich zu orientieren und Halt zu finden.» Manche legen eine unglaubliche Resilienz an den Tag, andere zerbrechen.

Gottesdienst zwischen Autoscootern: Für Festbesucher sind Chilbis ein Ort der Fröhlichkeit. Für Schausteller geht es auch ums Überleben. (Bild: Seraina Boner)

Auch die Chilbi-Welt besteht nicht nur aus Jauchzen, Jubeln und Spielen, das ist Teuscher bewusst. «Die ernsten Themen werden aber natürlich nicht gleich sofort auf den Tisch gelegt.» Da sie ganz neu im Amt sei, wisse sie noch nicht, wo genau der Schuh drückt. Sie könne sich vorstellen, dass Existenzsorgen eine Rolle spielen. Schliesslich sind Marktfahrer und Schaustellerinnen finanziell von wenigen schönen Chilbi-Tagen abhängig. Wenn wie während der Covid-Pandemie Veranstaltungen ausfallen, geht es schnell um die Existenz. Ausserdem kommen bei der Vergabe von Stellplätzen längst nicht alle zum Zug.

Auf die Frage, wie sie ihre Rolle als Chilbi-Pfarrerin auslegt, betont Teuscher, dass das noch etwas unklar sei. In ersten Gesprächen habe sie gehört, dass manche Schaustellerinnen durchaus religiöse Traditionen pflegen und für das Seelsorgeangebot zumindest offen sind. «Ich werde versuchen, den Menschen so gut wie möglich nahe zu sein», sagt Teuscher. Sie habe sich vorgenommen, aktiv zuzuhören. «Verständnis zu zeigen, was die Menschen im Innersten beschäftigt, kann enorm entlasten.»

««Es blinkt und klimpert und schreit. Farben knallen, es tätscht, es ist ein Gewühl. Es ist das volle Leben.»»
Beatrice Teuscher

Die ersten Erfahrungen auf Chilbis haben Teuscher Freude bereitet, wie sie sagt. «Es blinkt und klimpert und schreit. Farben knallen, es tätscht, es ist ein Gewühl. Es ist das volle Leben». Vorgesehen ist, dass Teuscher etwa zehn Chilbi-Gottesdienste pro Jahr halten wird und zusätzlich auf etwa gleich vielen Chilbis als Seelsorgerin präsent ist. Sie freue sich auch, wenn die Chilbi-Gemeinschaft sie für Kasualgespräche anfrage.

Als Kind habe sie es geliebt, auf Bahnen mitzufahren. Mit zunehmendem Alter sei sie etwas ruhiger unterwegs. Sie gehöre nun eher zum «Bodenpersonal des Chilbi-Geschehens», wie sie mit einem Schmunzeln sagt. In Wetzikon wurde sie nach ihrem Gottesdienst von einem Schausteller zu einer Runde auf einem Eisenbähnli für Kleinkinder eingeladen. Es sei lustig gewesen, das Bähnli habe ein paar Kurven gedreht, es habe «gwaggled» und der dreijährige Mitreisende habe sie mit seinem Enthusiasmus angesteckt. Doch als sie ausstieg, sei ihr etwas schlecht geworden.