«Viele Wirte spürten nach dem Lockdown eine Ohnmacht»

Die reformierte Pfarrerin Corinne Dobler ist von Bundesrätin Simonetta Sommaruga als Corona-Heldin ausgezeichnet worden. Wie die Aargauer Gastropfarrerin den Lockdown erlebte, welche Sorgen die Wirte plagen und wie sie ihnen zu helfen versucht, erzählt Dobler in Interview.

Mit Schutzkonzepten, wie hier mit Kontaktlisten, versuchen die Restaurants durch die Corona-Zeit zu kommen. (Bild: Keystone/DPA/Carsten Rehder)

Frau Dobler, herzliche Gratulation zu Ihrer Auszeichnung. Sie sagten im Vorgespräch zum Interview allerdings, dass Sie sich selbst nicht gerne als Heldin bezeichnen. Warum nicht?
Weil es wahnsinnig viele gibt, die sich genauso wie ich für Menschen in der Corona-Zeit eingesetzt haben. Insbesondere Pfarrkolleginnen und -kollegen. Ob online oder vor Ort, so viele versuchten so gut es ging, den Kontakt zu den Menschen, die in Not gerieten oder Beistand brauchten, aufrecht zu erhalten. Sie haben die Auszeichnung genauso verdient.

Als am 16. März der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» ausrief, mussten die Restaurants und Bars schliessen. Was ging Ihnen damals durch den Kopf?
Ich war geschockt und fühlte die gleiche Ohnmacht, die wohl die meisten Wirte spürten. Die Frage war: Wie lange wird das dauern? Denn jeden Tag haben die Wirtinnen Fixkosten, die sie zahlen müssen, jedoch fehlen ihnen die Einnahmen.

Wie haben Sie die letzten Monate als Gastro-Pfarrerin erlebt?
Die Leute sind sehr unterschiedlich mit der Situation umgegangen. Manche versuchten, das Ganze auch positiv zu sehen. Einige Wirte sagten mir, dass Sie nun mehr Zeit für die Familie und für Sport haben. Andere haben ihre Menükarte überarbeitet. Sie versuchten so, die Ohnmacht produktiv zu nutzen. Aber natürlich gab es auch jene, die durch das Wegbrechen des Alltags depressiv wurden. Besonders der Kontakt zu ihren Gästen fehlte ihnen.

Wie haben Sie den Wirtinnen zu helfen versucht?
Während des Lockdowns stand ich ihnen per Whatsapp, Telefon oder E-Mail zur Seite. Ich habe sie gefragt, wie es ihnen geht. Da ich keinen Gottesdienst abhalten konnte, habe ich ihnen einen Brief mit einem Segen geschickt. Nach dem Lockdown bin ich dann vorbeigegangen. Zu wissen, dass jemand an ihrem Schicksal Anteil nimmt, hat ihnen geholfen. Schön ist auch, dass manche Stammgäste bei den Wirten vorbeigingen und ihnen sagten, dass sie an sie denken.

Um über die Runden zu kommen, stiegen manche ins Take-Away-Geschäft ein. Hat sich das gelohnt?
Moralisch ja, finanziell bei den meisten nicht. Manche machten sogar rückwärts. Doch sie sagten mir, dass sie so wenigstens wieder eine Tagesstruktur und eine Aufgabe haben.

Vor allem fehlen zur Zeit die Einnahmen von Banketten: Geburtstage, Firmenessen, GVs und andere Festlichkeiten. Dass sie weiterhin ausbleiben könnten, macht vielen Angst.

Auch sonst musste die Gastrobranche hohe finanzielle Einbussen hinnehmen. Wie kommen die Betriebe über die Runde?
Durch die Kurzarbeit konnten die meisten ihre Angestellten behalten. Bei manchen sprang auch die Pandemieversicherung ein. Jene, die Pacht zahlen müssen, mussten sich mit dem Vermieter einigen. Doch ein finanzielles Loch bleibt. Die Frage ist, ob das je gestopft werden kann.

Seit dem Ende des Lockdowns Mitte Mai dürfen die Restaurants unter Einhaltung von Schutzkonzepten wieder offen haben. Wie kommen die Massnahmen bei den Wirten an?
Durch die Schutzkonzepte und der damit beschränkten Zahl an Plätzen sind die finanziellen Einbussen natürlich gross. Wie bei der übrigen Bevölkerung werden auch bei den Wirtinnen diese Massnahmen mit unterschiedlichem Wohlwollen umgesetzt. Aber sie werden umgesetzt, ansonsten wird das Restaurant von der Lebensmittelkontrolle geschlossen. Manche haben jedoch dadurch einen Drittel weniger Gäste, manche sogar nur halb so viele. Vor allem fehlen zur Zeit die Einnahmen von Banketten: Geburtstage, Firmenessen, GVs und andere Festlichkeiten.

Die Fallzahlen sind bereits wieder am Steigen. Herbst und Winter stehen vor der Türe. Wie blicken die Wirte in die Zukunft?
Es herrscht eine grosse Unsicherheit. Denn auch im Winter sind für viele die grossen Bankette und Festessen eine wichtige Einnahmequelle. Dass sie weiterhin ausbleiben könnten, macht vielen Angst.

 

 

 

Corinne Dobler ist Gastroseelsorgerin der Landeskirche des Kantons Aargau.

(Bild: Ella Mettler)