Jahrestag

Hungern in der Kirche für die Rechte von Sinti und Roma

Vor 45 Jahren traten elf Sinti in der Versöhnungskirche der Gedenkstätte des KZ Dachau in den Hungerstreik. Heute gilt die Aktion als wichtig auf dem Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung.

Hunderttausende Sinti und Roma fielen während des Zweiten Weltkriegs dem NS-Regime zum Opfer. Doch das Leid der Hinterbliebenen blieb lange unbeachtet. Am 4. April 1980 traten in der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau elf Sinti und eine Sozialarbeiterin in den Hungerstreik. Unter ihnen waren vier Holocaust-Überlebende sowie der heutige Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose.

Ihr Ziel: Die Bundesrepublik Deutschland sollte endlich anerkennen, dass auch Sinti und Roma im NS-Regime Opfer eines Völkermords geworden waren. Rund 500’000 Angehörige der Volksgruppe wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Dennoch wurde den Angehörigen jahrzehntelang eine Entschädigung seitens der Bundesrepublik verweigert, heisst es auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

Die Streikenden wollten mit ihrem Protest auch erreichen, dass das bayerische Justizministerium die Akten der 1965 aufgelösten «Landfahrerzentrale» des Bayerischen Landeskriminalamts (BLKA) herausgab. Dabei handelte es sich um persönliche Daten von Sinti und Roma, die schon seit 1899 systematisch vom Staat unter anderem in einer «Merkmalskartei» erfasst wurden.

Später war die «Zigeunerzentrale» der Polizeidirektion München dafür zuständig, die ab 1936 zur «Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens» umgebaut wurde, schreibt das Münchner NS-Dokuzentrum auf seiner Homepage. Doch auch nach 1945 endete die rassistische Diskriminierung der Sinti und Roma nicht. Sie wurden weiterhin überwacht. Das «übernommene Datenmaterial aus der NS-Zeit» sei dabei einfach weiter ausgebaut worden, hält das NS-Dokuzentrum fest.

Nach rund einer Woche erhielten die Protestierenden im Hungerstreik hohen Besuch: Der damalige Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel (SPD) besuchte die Streikenden in der Versöhnungskirche. Der Hungerstreik in der Kirche erzeugte grosse öffentliche Aufmerksamkeit. Beobachter sehen im Nachhinein in der Aktion einen wesentlichen Schritt auf dem Weg zu mehr gesellschaftlicher Anerkennung der Sinti und Roma in Deutschland. (epd/ dst)

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