Missbrauch
So weit ist die Umsetzung der Massnahmen fortgeschritten
Die evangelisch-reformierten Kirchen in der Schweiz verstärken ihre Massnahmen gegen sexuellen und spirituellen Missbrauch. Geplant sind unter anderem eine nationale Anlaufstelle, eine systematische Statistik sowie eine wissenschaftliche Studie. Ref.ch zeigt den aktuellen Stand der Arbeiten.
Externe nationale Anlaufstelle
Die Mitgliedskirchen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) sprachen sich im Sommer 2024 grundsätzlich für eine externe nationale Anlaufstelle aus. Derzeit werde eine Partnerschaft mit der Opferhilfe Schweiz geprüft, sagt EKS-Sprecher Stephan Jütte. Die Opferhilfe sei professionell, unabhängig und gewähre Anonymität.
Um zu vermeiden, dass Betroffene ihre Geschichte mehrfach erzählen müssen, soll eine national einheitliche Telefonnummer eingerichtet werden. An diese zentrale Stelle könnten sich Betroffene wenden und würden von dort an die zuständige kantonale Beratungsstelle weiterverwiesen.
Der Vorschlag befindet sich derzeit in der Vernehmlassung bei den Mitgliedskirchen sowie bei der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren. Mit Rückmeldungen wird laut Jütte im Laufe des ersten Halbjahres gerechnet.
Grundlagen und Standards
An der Sommersynode 2024 erhielt der EKS-Rat den Auftrag, die Prävention in den Landeskirchen weiter zu stärken. «Schon vorher haben die Kirchen in diesem Bereich nachgebessert», sagt Jütte. Seit 2019 treffen sich Fachpersonen der Mitgliedskirchen zweimal jährlich zu einem nationalen Austausch.
Inzwischen verfügen alle Mitgliedskirchen über Schutzkonzepte. Diese werden derzeit mit den zuständigen Fachstellen überprüft und weiterentwickelt. Einzelne Kirchen arbeiten dabei zusammen. Einen verbindlichen Stichtag für die Umsetzung gibt es jedoch nicht, da der Beschluss der Synode lediglich empfehlenden Charakter hat.
Seit diesem Monat steht auf der EKS-Webseite zudem eine neue Checkliste für den Kontakt mit Betroffenen zur Verfügung. Sie wurde gemeinsam mit Betroffenenorganisationen erarbeitet.
Nationale Statistik
Die EKS-Sommersynode 2025 beschloss, Meldungen zu sexuellem und spirituellem Missbrauch künftig systematischer zu erfassen. Ziel ist eine nationale Statistik. «Damit soll das Ausmass der Problematik sichtbar werden, das Leid der Betroffenen anerkannt und Präventions- und Schutzkonzepte in den Mitgliedkirchen weiterentwickelt werden», sagt Jütte.
Die Zahlen würden anonymisiert erfasst und keine Rückschlüsse auf Einzelfälle zulassen. Das Erfassungsformular werde nach einer Vernehmlassung derzeit finalisiert. Die Umsetzung sei für 2026 vorgesehen, so Jütte.
Studie zu sexuellem und spirituellem Missbrauch
An der EKS-Synode im November 2025 entschieden die Mitgliedskirchen einstimmig, eine wissenschaftliche Studie zu sexuellem und spirituellem Missbrauch in den reformierten Kirchen in Auftrag zu geben (ref.ch berichtete).
Geplant sind Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und kirchlichen Mitarbeitenden. Zudem sollen kirchliche Machtstrukturen analysiert werden. Im Februar 2026 wurde laut Jütte eine Begleitgruppe eingesetzt, in der auch Betroffenenorganisationen vertreten sind. Die Vergabe des Forschungsauftrags ist bis zum Sommer vorgesehen, Ergebnisse werden Ende 2027 erwartet. Die EKS beteiligt sich ausserdem in der Begleitgruppe einer Studie des Bundes (ref.ch berichtete).
Weitere Massnahmen
Der EKS-Rat hat verschiedene Umsetzungsmodelle für mögliche Anerkennungsleistungen an Betroffene erarbeitet und den Mitgliedskirchen unterbreitet. Diese prüfen aktuell die Vorschläge. Rückmeldungen werden im ersten Halbjahr 2026 erwartet. (gab)