#ChurchToo

Warum in der Kirche mehr über Sexualität gesprochen werden muss

Darüber, und was sich seit #ChurchToo verändert hat, diskutieren zwei Frauen und ein Mann. Die Theologinnen, Genderbeauftragten und Präventionsfachfrauen Sabine Scheuter und Judith Borter und der Theologe und Coach Christoph Walser.
In der Kirche soll Raum geschaffen werden, damit auf allen Ebenen und immer wieder über das Thema Missbrauch gesprochen werden kann. (Bild: Gaëtan Bally / Archiv)

Andreas Borter, Theologe und Gründungsmitglied von männer.ch, sagte 2017 während der #MeToo- und #ChurchToo-Debatte in einem Interview mit bref: «Ich erlebe immer wieder, wie das Thema Sexualität in der Kirche ausgeblendet (…) oder höchstens auf einer abstrakten, ethischen Ebene abgehandelt wird. Ich bin überzeugt, dass die zahlreichen sexuellen Übergriffe in den Kirchen auch darauf zurückzuführen sind.» Wie aktuell ist Andreas Borters Kritik heute noch?

Judith Borter: Damals, als mein Vater zu ChurchToo interviewt wurde, steckte die Präventionsarbeit in vielen Kantonalkirchen noch in den Anfängen. Seither hat sich viel getan. Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz will in den kommenden Monaten die Missbrauchsstudie in Auftrag geben, welche die Synode im letzten Spätherbst beschlossen hat. Und sie plant eine koordinierte Zusammenarbeit mit kantonalen Opferberatungsstellen. An diese sollen sich von einem Missbrauch Betroffene wenden können. Zudem werden in den Kantonalkirchen die Standards umgesetzt, die in den vergangenen Monaten zum Schutz der persönlichen Integrität erarbeitet worden sind. Dass etwas in Bewegung gekommen ist, zeigt auch die Tatsache, dass Tobias Faix und Tobias Künkel, beide Professoren an der CVJM-Hochschule Kassel, einer eher freikirchlich geprägten Universität, zusammen mit Tabea Peters und Ramona Wanie ein Buch herausgegeben haben mit dem Titel «Sexualität und Glaube». Es fasst die Ergebnisse der Empirica-Sexualitätsstudie zusammen, welche die Hochschule durchgeführt hat. Und aktuell gibt es vom RefLab neu den Podcast «Sex und Gott», der das Thema Sexualität aufnimmt. Das finde ich super.

Sabine Scheuter: In der feministischen Theologie beschäftigt man sich schon lange mit Körperlichkeit und Sexualität. Auch in der queeren Theologie gibt es viele und hilfreiche Ansätze. Und doch bleibt das Thema schwierig und umstritten. Das zeigte die GEKE-Versammlung der evangelischen Kirchen in Europa vor zwei Jahren. Die Studie zu Gender, Sexualität und Familie, die damals diskutiert wurde, führte zu grossen Auseinandersetzungen. Obwohl sie sehr sorgfältig und auch mit Einbezug von konservativen Stimmen durchgeführt wurde, waren manche Delegationen nicht mal bereit, über Homosexualität oder Geschlechtsidentitäten zu sprechen. Auch in unseren Kirchen gehen die Positionen teilweise weit auseinander und auch wir müssen unsere Sprachfähigkeit erst suchen. 

Christoph Walser: Aus Sicht der kirchlichen Männerarbeit kommt die männliche Sexualität in der jetzigen Diskussion zu kurz. Wir gehen davon aus, dass es sowohl bei sexuellem Missbrauch wie bei sexueller Gewalt nicht nur um Macht geht, sondern auch um Sexualität, konkret um eine komplizierte Legierung von männlicher Sexualität und Gewalt. Das Grundlagenwerk, auf das wir uns dabei beziehen, stammt vom theologischen Ethiker Gerhard Schreiber. Er beschreibt darin ein Dreieck von männlicher Sexualität, Patriarchat und Gewalt. Wir begrüssen es sehr, dass die EKS nun eine Missbrauchsstudie in Auftrag geben will, hoffen aber, dass es dabei auch darum gehen wird, wie sexuelle Gewalt definiert wird. 

Der Motor für die Übergriffe ist also die männliche Sexualität und nicht Macht oder Gewalt?

Walser: Kern der Übergriffe ist eine patriarchal verwüstete, gewaltförmige Sexualität. Darüber müsste mehr gesprochen werden und über Männerbünde, weil hegemoniale Männlichkeit Missbräuche begünstigt. In den Schulungen zur Präventionsarbeit schult und sensibilisiert man die einzelnen Personen und hofft, Übergriffe würden so nicht mehr passieren. Das reicht nicht, wir sollten zusätzlich ergründen, warum Übergriffe passieren. 

Warum?

Walser: Weil die Täter Teil eines Systems sind, das mit Macht und Sexualität verbunden ist. Wir gehen zu wenig nahe an die männliche Sexualität heran, fragen nicht danach, weshalb sie übergriffig sein kann. Solange wir kaum an diese Dynamik herankommen, wird es schwierig, das Problem nachhaltig lösen zu können. 

Scheuter: Kern unserer Schulungen ist es nicht, potenzielle Täter zu schulen, damit sie weder sexuellen noch spirituellen Missbrauch verüben. Wir schulen alle Mitarbeitenden auf allen Stufen, weil wir wollen, dass ein Klima der Aufmerksamkeit entsteht, dass Regeln, die man definiert hat, eingehalten werden, dass bereits bei kleinen Grenzverletzungen alle reagieren und nicht nur die Frauen. «Wenn in einem Team sexistische Bemerkungen fallen, sollen auch die Männer ihr Missfallen kundtun: «Wir wollen nicht, dass wir uns so verhalten.»  

Zu den Personen

Christoph Walser ist Theologe, Coach, Gründungsmitglied und Co-Leiter der Fachgruppe «Männerarbeit im kirchlichen Kontext» von männer.ch, dem Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen.

Sabine Scheuter ist Theologin, Beauftragte für Diversity und Genderfragen sowie für das Schutzkonzept Grenzverletzungen bei der Reformierten Kirche Zürich. Seit 2006 amtet sie als Präsidentin der Frauen- und Genderkonferenz der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.

Judith Borter ist Theologin und Präventionsbeauftragte bei der Reformierten Kirche Baselland. Zudem leitet sie dort die Fachstelle Bildung und Diversität und ist Mitglied des Sounding Board Gleichstellungspolitik des Kantons Baselland.

Im November 2025 sprach die EKS-Synode einstimmig eine Viertelmillion Franken für eine Studie, die sexuellen und spirituellen Missbrauch in der reformierten Schweizer Kirchenlandschaft untersuchen soll. Was irritiert: In den Debatten war nie die Rede davon, dass die Spitze der EKS mit dem Fall Locher selbst von Grenzverletzungen und Machtmissbrauch betroffen war. Weshalb kehrt die EKS dieses Thema unter den Teppich?

Scheuter: Ich finde nicht, dass es unter den Teppich gekehrt wird. Man debattierte ausführlich über die Causa Locher, viel zu spät allerdings, weil man lange einem charismatischen Mann gefolgt war. Man schaute nicht hin, teilte nicht, was man wusste, und hörte nicht auf Betroffene, die sich schon früh gemeldet hatten. Doch als der Fall dann aufgedeckt wurde, rüttelte das viele wach und hatte einen grossen Einfluss darauf, dass viele Kirchen sich seither aufgemacht haben, Schutz- und Präventionskonzepte auszuarbeiten. 

Borter: Neben all den verschiedenen Konzepten, die wir nun einführen, analysieren wir auch die strukturellen Mechanismen. Ja, Sexualität spielt bei Machtfragen häufig eine Rolle. Wie kann man das aufgreifen? Wie reagieren, wenn Sachen in einem Graubereich geschehen? Wie sage ich, dass ich es nicht mag, mit drei Müntschi begrüsst zu werden oder wenn mir jemand regelmässig die Schulter tätschelt? Haben wir bei uns eine Kultur, die es mir ermöglicht, solches anzusprechen? Eine gute Vorlage für Gespräche zu diesen Themen ist der Verhaltenskodex der Reformierten Kirche Aargau. Darin gibt es etwa ein Kapitel, das überschrieben ist mit «Sprache, Rede von Partnerschaft und Sexualität.» Hier geht es um die Frage, wie ich angemessen über Sexualität sprechen kann. Andere Leitfragen, die im Kodex aufgeführt sind, nehmen das Thema ebenfalls auf, ermöglichen eine kritische Reflexion und laden dazu ein, dass ich mich grundsätzlich frage: «Welchen Auftrag habe ich im Themenbereich Sexualität».  

Frau Borter, Sie sagten im Herbst 2025 im Nachgang zu einem Missbrauchsfall in der Reformierten Kirche Baselland, bekannt geworden als Übergriffe eines sogenannten Jugendpfarrers (ref.ch berichtete), in einem «Kirchenbote»-Interview: «Prävention ist kein abgeschlossener Prozess. Wir müssen unsere Kultur des Hinschauens, Ansprechens und Handelns kontinuierlich weiterentwickeln. Das bedeutet auch, Räume zu schaffen, in denen offen über das Thema gesprochen werden kann.» An welche Art von Räumen denken Sie dabei?

Borter: Wir müssen auf allen Ebenen Räume schaffen, auf der Führungsebene, in den Kantonalkirchen, in den Kirchenpflegen und vor Ort in den Kirchgemeinden. Wir müssen in den kirchlichen Teams immer wieder über das Thema Missbrauch sprechen. Denn wenn wir keine Angst davor haben, löst das etwas aus, vielleicht ein Bewusstsein, wie es junge deutsche Theologinnen und Theologen vor ein paar Jahren in einer Kampagne formuliert haben: «Faith Spaces must Be Safe Spaces» – Glaubensorte müssen sichere Plätze sein

Scheuter: Neue Räume sind gut, vertrauliche Räume ebenso. Genauso wichtig ist aber, dass wir uns auch in bestehenden Räumen für das Thema öffnen. Während Teamsitzungen, Lagervorbereitungen, Mitarbeiter- und Bewerbungsgesprächen. 

Walser: Bringen wir es auf den Punkt: Wenn wir davon sprechen, wer sexuellen Missbrauch begeht, sind 97 Prozent der Beschuldigten Männer. Deshalb favorisieren wir in der Männerarbeit geschlechtsspezifische Räume. Frauen müssen doch nicht mit Männern zusammen über Missbräuche reden. Es sind die Männer, die für ihre Sexualität und die patriarchale Verstrickung die Verantwortung übernehmen müssen. 

Wie können sie das tun?

Walser: Der Kanton Zürich erarbeitet für Eltern und Fachpersonen, die fürchten, ihre Söhne und männlichen Jugendlichen könnten in den Sog der Manosphere geraten (damit werden antifeministische und frauenfeindliche Denkfiguren und Diskurse im digitalen Raum bezeichnet; Anm. d. Red), ein Beratungsangebot. Das ist ein guter Ansatz. Zusätzlich müssen wir Jugendliche und junge Männer frühzeitig abholen. Die Kirche hätte hier, mit der Konfirmationsarbeit und mit der Jugendarbeit, eine Chance, zum Thema Sexualität mit Jungs geschlechtsspezifisch zu arbeiten. 

So lautete auch ein Vorschlag von Andreas Borter. Er sagte, die Kirche habe mit der Konfirmation ein Initiationsritual ins Erwachsenenleben und könne damit gerade jungen Männern eine Begleitung auf ihrem Weg in die Sexualität anbieten. Was halten Sie von diesem Vorschlag? 

Borter: Grundsätzlich finde ich, sexualethische Themen sollten, wie auch andere ethische Themen im Konfirmationsunterricht Platz haben. Wichtig ist, dass wir darauf achten, dass wir überall da, wo wir über Sexualität reden, mit grosser Sorgfalt vorgehen und die Rollen klären. Ich erinnere mich an einen Anlass zum Thema «So viel Sex. Sexualisierung im Alltag von jungen Menschen», den wir von der Fachstelle Bildung und Diversität der reformierten Kirche Baselland vor einer Weile zusammen mit der kantonalen Fachstelle Gleichstellung organisiert hatten. Mich beeindruckte, was ein junger Mann sagte: Wie stark sie leiden würden unter dem Bild von männlicher Sexualität, das überall transportiert werde: «Der Mann kann jederzeit und überall». Der Konfirmationsunterricht bietet die Möglichkeit, solche Geschlechterstereotypen zu thematisieren.  

Walser: Ich finde es gut, wenn im Konfirmationsunterricht über männliche Sexualität gesprochen wird. Wenn die Pfarrperson das nicht kann oder nicht will, gibt es externe Fachstellen, die das übernehmen können. Im Jugendalter ist Sexualität ein sehr wichtiges Thema. Aber es sollte geschlechtsspezifisch besprochen werden. Die Buben sagen kein Wort, wenn die Mädchen dabei sind und die Mädchen auch nicht. Wahrscheinlich dachte Andreas bei seinem Vorschlag an ein Mentorenkonzept. Wenn es um Fragen der Sexualität geht, wäre es gut, wenn Buben auf seelsorgerliche Anteilnahme und die Präsenz von jungen und älteren Männern zählen könnten. 

Scheuter: Bei den Diskussionen zu Schutzkonzepten und Prävention wird Sexualität häufig als Gefahr betrachtet. Ich finde es wichtig, dass Sexualität in den Kirchen auch positiv thematisiert und mit christlichen Werten wie Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit verbunden wird. Wir wollen weitergeben, dass Sexualität auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen füreinander und für sich selbst. 

Zum Weiterlesen

Tobias Künkler, Tabea Peters, Ramona Wanie, Tobias Faix: «Sexualität und Glaube». Prägungen, Einstellungen und Lebensweisen. Quantitative Ergebnisse der Empirica-Sexulitätsstudie, R. Brockhaus-Verlag 2025, 41.90 Franken

Thorsten Dietz / Tobias Faix: «Transformative Ethik – Wege zur Liebe». Eine Sexualethik zum Selberdenken, Neukirchener Verlagsgesellschaft 2025, 44.90 Franken

Gerhard Schreiber: «Im Dunkel der Sexualität. Sexualität und Gewalt aus sexualethischer Perspektive», De Gruyter-Verlag 2022, 68.90 Franken

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