Nach Schüssen auf Jesusbild

Christoph Sigrist fragt: «Was, wenn ich an dieser Stelle wäre?»

Eine junge Frau begeht eine Dummheit und wird zur Aussätzigen. Man dürfe nicht vergessen, dass jeder Mensch hinter der Fassade fragil ist, sagt der ehemalige Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist.

Einen Shitstorm zu verarbeiten, fällt niemandem leicht. Das Foto zeigt ein Kunstwerk von Sigmar Polke im Zürcher Grossmünster. (Bild: Walter Bieri/ Keystone)

«Viele Menschen haben sich diese Woche bei mir gemeldet, obwohl ich nicht mehr im Pfarramt arbeite, sondern mich an der Universität und in Verbänden engagiere. Der Beitrag von Sanija Ameti in einem Sozialen Netzwerk hat viele in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Andere waren konsterniert über das Ausmass der Reaktionen und die Konsequenzen, die auf den Vorfall folgten.

Jemand sagte zu mir: ‘Wenn es den Begriff ‘Shitstorm’ bis jetzt nicht gegeben hätte, wäre er nun geboren worden.» Manche Menschen fragten mich, wie sie angesichts ihrer Verletztheit mit der Vergebung umgehen sollten. Es gab auch eine Person, die sagte: ‘Du bist doch reformiert, wir haben keine Heiligenbilder. Bist du wirklich verletzt?’

Die Menschen sind auf vielen Ebenen bewegt worden und es gibt keine einfachen Antworten auf diese Fragen.

Eine Dummheit mit Folgen

Wie es der Zufall wollte, hatten wir gerade eine Sitzung der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS), als die Geschichte bekannt wurde. Die GMS vertritt unter anderen die jüdische und die muslimische Minderheit in der Schweiz. Für uns war gleich klar, dass diese Dummheit etwas auslösen wird in einer Gesellschaft, in der Menschen verschiedener Religionen leben und die vor dem Hintergrund des Kriegs im Gaza-Streifen und nach den Messerattacken in Zürich und Solingen in einer hoch fiebrigen Stimmung ist.

Dass die Empörung so hochkochte, hatte ich aber nicht erwartet. Man verlor völlig aus den Augen, was da alles geschah. Viele gaben ihren archaischen Gefühlen nach. Ich hörte Aussagen wie: ‘Ein religiöses Symbol wurde beschädigt, das darf nicht sein.’ ‘Fehler darf man machen.’ ‘Ich bin als Frau und Mutter verletzt.’ ‘Ich fühle mich bedroht durch den Islam’. Dabei beobachte ich einen fortschreitenden Analphabetismus in religiösen Themen – man kennt sich immer weniger aus. Vielleicht war das allgemeine Urteil deshalb so plakativ: Sanija Ameti war die Täterin, es handelte sich um einen Angriff auf christliche Werte. Dabei vergisst man leicht, dass Maria und Jesus eine sehr hohe Bedeutung auch im Islam hat und im Koran beschrieben wird.

Schaden angerichtet

Als langjähriger Seelsorger bei Menschen in ähnlichen Situationen jedoch halte ich für wahr, dass Sanija Ameti selbst Opfer ihrer eigenen Dummheit und Blindheit geworden war. Dazu kommt, dass sie als Vertreterin einer Minderheit instrumentalisiert wurde, um anderen Minderheiten zu schaden. Erst nach ein paar Tagen sind in der Öffentlichkeit Stimmen hörbar geworden, die darauf hinwiesen, dass etwas schiefgelaufen ist. Der Schaden jedoch war bereits angerichtet.

Über die Jahre habe ich viele Menschen begleitet, die in ähnliche Situationen wie Sanija Ameti geraten sind. Eines haben sie gemeinsam: Sie sind ultraschnell zu Aussätzigen der Öffentlichkeit geworden. Alle litten unter Gefühlen der Schuld und der Scham und sie waren isoliert. Als Seelsorger helfe ich ihnen, indem ich physisch präsent bin, zuhöre und schweige, dem Gegenüber seinen verbale und nonverbalen Worten vertraue, und selber ehrlich als Person da bin. Meistens dauert es Jahre, bis die Menschen einen Shitstorm verarbeitet haben.

Verletzlichkeit spüren

Aus christlicher Sicht, und mit Bezug auf Paulus, unterscheiden wir zwischen Tat und Person. Ein Mensch hat eine Tat begangen, die öffentlich wahrgenommen wird. Aber unabhängig davon bleibt er ein Mensch. Diese Unterscheidung ist matchentscheidend.

Denn auch wenn eine Person eine grosse Souveränität ausstrahlt – und das war bei Sanija Ameti jeweils der Fall – darf man nicht vergessen, dass jeder Mensch hinter der Fassade fragil ist. Wenn diese Verletzlichkeit des Lebens nun der Öffentlichkeit zum Frass hingeworfen wird, spürt bald jeder selbst den Schrecken: Was, wenn ich an dieser Stelle wäre?

Das Anerkennen der eigenen Verletzlichkeit und jene der anderen ist für mich der Schlüssel, um als Gesellschaft mit diesem Vorfall umzugehen. Wir haben das Geschehene zu reflektieren und das Verhalten zu korrigieren zugunsten unserer Mitmenschen. Mit einer Theologie der Verletzlichkeit ist uns eine ausgezeichnete Brille geschenkt, um anders auf dieselbe Wirklichkeit zu sehen.

Dazu kommt: Das Zusammenleben von und mit Minderheiten ist entscheidend für die Wohlfahrt aller. Man darf keinen Menschen zu einem Zweck oder einer Absicht instrumentalisieren, denn seine Würde ist – egal in welcher Religion – vom Schöpfer gegeben und unantastbar. Ich als Christ spreche von der Gottebendbildlichkeit des Menschen, oder davon, dass in jedem Menschen in Not und in seiner Verletzung das Gesicht Christi aufscheint.»

Aufgezeichnet von Daniel Stehula.