Rüetschi in Aarau

Die Letzte ihrer Art

Die Glockengiesserei Rüetschi in Aarau hält ein aussterbendes Handwerk am Leben. Ein Augenschein vor Ort zeigt: Das ist nur möglich, weil die fast 660 Jahre alte Firma auf andere Märkte setzt.
Der Kontrollblick, kurz bevor der Schmelztiegel aus dem Ofen gehoben wird. (Foto: Gaëtan Bally)

Der Schmelzofen speiht. Grünlich züngeln die Flammen empor und erhellen die dunkle Halle. Ein Giesser tritt heran. An seinem Helm ein Visier, das er nach unten klappt, um in die Hitze zu blicken. Mit einer Lanze prüft er den Fluss des geschmolzenen Metalls. Fast wie ein Ritter, der einem Drachen vorsichtig den Puls fühlt.

Dann verstummt das raumfüllende Dröhnen des Ofens. Nur der Kran surrt. Langsam hebt er den orange-glühenden Schmelztiegel heraus. Darin befindet sich flüssige Bronze, über 1100 Grad heiss. Der Giesser – er trägt einen silbernen Handschuh, der bis zum Ellbogen reicht – streut Salz hinein. Es bildet sich Schlacke, die er abschöpft.

Mit einem surrenden Geräusch hebt der Kran den orange-glühende Tiegel aus Graphit an.
(Bild: Gaëtan Bally)

Dann muss jeder Handgriff sitzen. Zwei weitere Giesser packen die langen Stahlstangen, die den Tiegel umschliessen, heben ihn hoch und neigen ihn behutsam zur Seite. Ein ununterbrochener, orangeglühender Strom ergiesst sich in eine Öffnung im Boden. Es riecht nach heissem Metall und verbranntem Öl.

Beim Giessen ist das Tempo entscheidend. Fliesst das Metall zu schnell, wirbelt es in der Form umher, das führt zu Luftblasen oder Verunreinigungen. Ist der Guss zu langsam, kühlt das Metall aus und verschmilzt nicht mehr richtig miteinander.

Kaum ein Tropfen geht daneben: Der glühende Strahl fliesst in die Gussform.
(Bild: Gaëtan Bally)

Das Tempo stimmt. Kurz bevor die Form gefüllt ist, ist ein Blubbern zu hören. «Jop», sagt jener Giesser, der beobachtend danebensteht – es ist das Zeichen, dass die Form voll ist. Der Tiegel wird wieder in waagrechte Position gebracht. Surrend bewegt ihn der Kran zur nächsten Form. Kippen, Strahl, Blubbern, «Jop!». Kaum ein Tropfen landet daneben. «Mit Gefühl giessen», nennt das der Mann mit Schnauz, der seit 30 Jahren in der Glockengiesserei Aarau arbeitet.

So entstehen Bauteile für die Starkstrom-Industrie. Alle drei bis vier Tage wird in Aarau Metall in neue Formen gegossen. Glocken entstehen dabei nur noch selten. Wirtschaftlich spielen sie kaum mehr eine Rolle. «Jährlich stellen wir etwa drei bis vier Glocken her», sagt Geschäftsführer Jari Putignano während eines Rundgangs.

Trotzdem prangt an der Fassade der Fabrik in goldenen Lettern der Name «Glocken-Giesserei H. Rüetschi». Sie verlieh Aarau sogar ihren Übernamen als Glockenstadt.

Von der Hauptstrasse aus ist der Zweck der Firma klar umschrieben. Im Innern sieht es jedoch vielfältiger aus.
(Bild: Gaëtan Bally)

Die Geschichte des Unternehmens reicht fast 660 Jahre zurück. Bereits 1367 entstand die Barbara-Glocke für die Kathedrale von Fribourg, die erste nachweisbare Glocke aus Aarau. Seit fast 420 Jahren befindet sich die Giesserei am heutigen Standort mitten in der Stadt, zehn Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt.

Über die Jahrhunderte hat sich ein enormes Wissen angesammelt. Der 46-jährige Putignano führt eine Treppe hinunter ins Archiv. Er blättert durch Karteikarten, bevor er aus einer der hunderten Ablagen ein Mäppchen zur Hand nimmt.

Einer von unzähligen Plänen zu Glücken und Türmen, die im Archiv der Rüetschi lagern.
(Bild: Gaëtan Bally)

«Wenn irgendwo in der Schweiz ein Kirchturm abbrennt, finden sich hier die Unterlagen für einen Wiederaufbau.» In den Plänen ist zu sehen, wie die Glocken aussehen, wie sie gestimmt und montiert wurden. Auch zu den Turmuhren finden sich Pläne. Selbst der Schriftverkehr mit den Behörden ist fein säuberlich abgelegt.

Umdenken vor 25 Jahren

Das Geschäft mit den Glocken prägte den Erfolg des Unternehmens über Jahrhunderte. Noch um die Jahrtausendwende machte es die Hälfte des Umsatzes aus. «Da merkte man aber, dass Glocken definitiv keine Zukunft mehr haben», sagt Putignano.

Er spricht schnell und leidenschaftlich, holt in seinen Antworten weit aus und verwendet bildhafte Metaphern. So verschachtelt wie seine Sätze manchmal sind, ist auch das Firmenkonstrukt der Rüetschi heute. Man könnte es mit einer Matrjoschka vergleichen, dieser russischen Holzpuppe, in der sich in jeder Figur nochmals eine Figur verbirgt.

Die Leidenschaft von Geschäftsführer Jari Putignano für Rüetschi ist auf dem Rundgang spürbar.
(Bild: Gaëtan Bally)

Putignano ist Geschäftsführer von gleich acht Firmen. Die 55 Mitarbeitenden teilen sich auf zehn Berufe an fünf Standorten auf. In Aarau trifft man Architekten, Elektroingenieure, Spengler, Bauleiter. Putignano nennt vier Kernbereiche: Kunst, Türme und Restauration, Industrie sowie Arealentwicklung.

Wer durch die Werkstätten geht, begegnet monumentalen Gussformen, filigranen Kunstobjekten, Uhrwerken, Elektronikschränken und Wachsformen aus dem 3D-Drucker. Wenig erinnert an den traditionellen Glockenguss.

«Die grosse Frage ist immer: Wie teilt man all diese Geschäftsfelder auf, um zu überleben?», sagt Putignano. In Deutschland ist Rüetschi an einer Firma beteiligt, die eine leichte Aluminiumlegierung mit Stahleigenschaften entwickelt. Ein Werkstoff, der unter anderem für die Drohnenproduktion interessant ist.

Fokus auf Arbeiten im Turm

Früher deckten Rüetschi und andere Anbieter sämtliche Arbeiten an den Kirchen ab. Heute spezialisieren sich die Unternehmen stärker. In Aarau fokussiert man sich mit einem neuen Tochterunternehmen, der Turmwerk AG, auf alle Arbeiten in den Türmen.

Nicht etwa wegen der Glocken, sondern wegen der Uhren. «Sie sind viel verbreiteter als Glockentürme und werden wohl länger überleben.» Putignano, ehrenamtlicher Präsident der Aargauer Katholiken, und somit der Kirche verbunden, zeigt sich überzeugt, dass Glocken immer weniger läuten werden. «Stundenschläge in der Nacht verschwinden vielerorts.» Natürlich bekämen sie auch Aufträge, die Glocken leiser einzustellen, aber irgendwann werde der Zweck der Glocke hinfällig. «Und wer sich am Klang stört, dem ist es immer zu laut.»

Künftig fokussiert das neue Tochterunternehmen Turmwerk AG auf Türme. Dies in erster Linie wegen der mechanischen Turmuhren. Hier ein Modell von Johann Mäder, die Firma gehört seit 2007 zur Rüetschi AG.
(Bild: Gaëtan Bally)

Hingegen könne er sich nicht vorstellen, dass sich die Turmuhren eines Tages nicht mehr bewegen würden. «Zu wichtig ist das Uhrenhandwerk in der auf Pünktlichkeit getrimmten Schweiz.»

Jede Glocke ein Verlustgeschäft

Dass Rüetschi überhaupt noch Glocken giesst, hat wenig mit wirtschaftlicher Vernunft und viel mit der besonderen Eigentümerstruktur zu tun. Die Firma gehört seit 1993 einer Unternehmensstiftung. Ihr Zweck ist der dauerhafte Erhalt des traditionsreichen Handwerks und die Ausbildung künftiger Glocken- und Kunstgiesser.

Rentabel ist das nicht. «Jede Glocke, die wir giessen, ist eigentlich ein Verlustgeschäft», sagt Putignano.

Das erstaunt bei Preisen, die bei 100'000 Franken beginnen. Es erklärt sich aber durch die viele Handarbeit. Jede Gussform besteht aus verschiedenen Lehm-Mischungen, die schichtweise aufgetragen und immer wieder aushärten müssen. Das braucht viel Zeit.

Gekochtes Bier, Rossmist und Kalbshaar

Der Mischung wird unter anderem gekochtes Bier beigefügt. Die Stärke darin wirkt wie ein Leim, der die Schichten zusammenhält. Damit beim Guss und durch die extreme Hitze die Form nicht reisst, wird als eine Art Armierung Kalbshaar oder Stroh beigefügt. Rossmist kommt zum Einsatz, weil er den Lehm porös und somit gasdurchlässig macht, damit Wasserdampf entweichen kann.

Ein 3D-Drucker würde die Form um ein Vielfaches schneller produzieren, akustisch gäbe es keinen Unterschied. «Eine Glocke merkt nicht, ob sie im Lehm gegossen wurde oder nicht», sagt Putignano, fährt mit den Fingern über eine Glocke, schlägt daran und lässt ihren hellen Ton erklingen.

Das traditionelle Verfahren, das erhalten werden muss, ist dagegen deutlich aufwändiger: Die Form baut man von innen nach aussen. Zuerst entsteht eine kleine Pyramide aus Backsteinen. Sie bildet den späteren Hohlraum der Glocke. Schicht für Schicht wird die Lehm-Mischung aufgetragen, mit einer Schablone die spätere Innenform der Glocke definiert.

Ein Modell in der Glockenwerkstatt erklärt das System
(Bild: Gaëtan Bally)

Dann folgt die sogenannt «falsche Glocke»: Ein Abbild der späteren Bronzeform. Diesmal wird mit einer Schablone die Aussenform der Glocke modelliert. Darauf bringt ein Arbeiter Verzierungen und Inschriften aus Wachs an. Danach wird die falsche Glocke mit der Aussenschicht zugedeckt.

Getrocknet wird der Lehm jeweils von innen mit Kohle. Wie ein kleiner Vulkan raucht die Form in der Halle vor sich hin.

Die Lehmform trocknet von innen, ein Mitarbeiter gibt Kohle hinzu.
(Bild: Gaëtan Bally)

«Damit man auch den Guss beherrscht, ist Routine extrem wichtig», sagt Putignano. Deshalb giesse man oft für Kunst und Industrie, insgesamt 10 bis 15 Tonnen im Jahr. «Dort kalkulieren wir preislich knapp, damit wir die Guss-Routine erhalten können.» Treffsicherheit ist etwa gefragt, wenn ein Künstler wie Niclas Castello seine Vorstellung eines 186 Kilogramm schweren Goldwürfels umsetzen will und sich Edelmetall im Wert von mehreren Millionen Franken im Schmelztiegel befinden.

Für Künstlerinnen und Künstler ist die «Rüetschi» interessant, weil die Herstellung von beweglichen und klingenden Skulpturen für das Unternehmen kein Problem darstellt. «Vom Prinzip her ist eine Glocke auch eine acht Tonnen schwere Skulptur, die sich bewegt und klingt.»

So sind schon Glockenklänge entstanden, die jedes mal in einer anderen Melodie zur Pause läuten. Eine Installation des Künstlers Lorenz Schmid in einer kaufmännischen Schule greift etwa den morgendlichen Rhythmus der Schritte auf und spielt basierend darauf eine Pausengong-Melodie ab.

Der Kunstbereich nimmt bei Rüetschi einen grossen Platz ein. Hier wird ein Kalb aus Messing, einst von Rüetschi gegossen, restauriert.
(Bild: Gaëtan Bally)

Anders als bei der Kirchenglocke, bei der man das mathematisch perfekte Modell längst ausgearbeitet hat, gibt es in der Kunst Raum für Experimente. Auf einer Werkbank liegt ein Wachsmodell einer norwegischen Künstlerin. Sie hat eine abstrakte, deformiert wirkende Glocke konzipiert, die die Schwingungen des Klangs darstellen soll. «Wir wissen nicht, wie sie klingen wird.»

Wie sich klassische Glockentechnik und Kunst kombinieren lassen, zeigt ein Blick nach draussen. Dort liegt die «stumme Glocke» von Roman Signer. Der Klöppel im Innern ist festbetoniert.

Moderne Technologie ergänzt das Handwerk

Wer nun aber denkt, dass das Wissen rund um die Glocke bei Rüetschi nur konserviert wird, täuscht sich. Sie kombiniert das traditionelle Handwerk mit moderner Technologie: Um die Lebensdauer der Glocken besser abzuschätzen, setzt die Firma auf den musikalischen Fingerabdruck. Dabei wird eine Glocke im Kirchturm angeschwungen und die Frequenzen und Schwingungen gemessen. «So lässt sich erkennen, ob das Material irgendwo ermüdet ist, bevor ein Riss sichtbar wird.» Für die Denkmalpflege und Kirchgemeinden sei das sehr interessant, um einen Ersatz besser vorausplanen zu können. Ausgewertet werden die Daten von einer technischen Universität, um die Unabhängigkeit der Ergebnisse zu gewährleisten.

Früher habe man die Glocken übrigens schneller wieder ersetzt, als es nötig gewesen wäre, sagt Putignano. «Die Kirchgemeinden schenkten ihren Leuten gerne einen Glockenaufzug, weil das ein besonderes Ereignis war.»

Reparaturen sind ab und an nötig. Dann muss in den meisten Fällen der Klöppel ersetzt werden. «Früher verwendete man stets dieselbe Art, heute kann dieser individuell einer Glocke angepasst werden.» Dadurch halte auch die Glocke länger. Denn Risse zu reparieren sei schwierig und oft nur eine Massnahme zur Verzögerung.

Moderne, individuell angepasste Klöppel sollen die Lebensdauer der Glocken verlängern.
(Bild: Gaëtan Bally)

Auf dem Rundgang stellt Putignano immer wieder Fragen zur Zukunft in den Raum: «Was, wenn es irgendwann keine Landeskirchen mehr gibt?» Dann stünde es schlecht um den Stiftungszweck. Oder: «Müssen wir weiterhin 15-Tonnen-Glocken giessen können oder ist das Handwerk auch erhalten, wenn sie kleiner sind?» Dann könnte man sich auf dem Areal anders organisieren.

Nebst einem Steinmetz, der eingemietet ist, will die Stiftung weiteres Handwerk ansiedeln. So sollen beispielsweise Jugendliche, die eine Lehre abgebrochen haben, in Mini-Werkstätten auf dem Areal eine Tagesstruktur erhalten.

Die Rüetschi, das wird nach dem Rundgang auf dem Areal klar, befindet sich in einem stetigen Wandel. Die Glocke ist längst nicht mehr das wichtigste Produkt des Unternehmens, nur so hat sie überhaupt eine Zukunft.

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