Weniger Taufen als Chance für die Kirche

Die Zahl der Konfessionslosen nimmt zu, die Zahl der Taufen ab. Entgegen dem Trend könne dies für die Reformierte Kirche eine Chance sein, sagt Christoph Müller, emeritierter Professor für Praktische Theologie.

In den vergangenen 25 Jahren nahm die Zahl reformierter Taufen um mehr als 50 Prozent ab.

Jüngst publizierte das Bundesamt für Statistik (BfS) seine neusten Zahlen zur Religionszugehörigkeit der Schweizer und Schweizerinnen. Wie in den vergangenen Jahren nimmt die Zahl der Konfessionslosen stetig zu, wobei vor allem die Reformierte Kirche an Mitgliedern einbüsst.

Auch die Stadt Zürich vermeldete daraufhin so viele Konfessionslose wie noch nie. «Zwinglis Zürich wird zur Stadt der Gottlosen» schrieb etwa der Tages-Anzeiger.

Zahl der Taufen halbierte sich

Auswirkungen hat dies nicht nur darauf, wie gut gefüllt die Kirchenbänke an den Sonntagen sind. Sondern auch auf Rituale, die jahrhundertelang selbstverständlich waren und eine eigentliche christliche Pflicht darstellten.

Besonders drastisch zeigt sich dies bei der Anzahl der Taufen: Diese nahm in den vergangenen 25 Jahren um ganze 50 Prozent ab, wie Zahlen des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) belegen.

Reformierte Taufen nahmen in den vergangenen 25 Jahren um mehr als 50 Prozent ab. (Quelle: SPI)

Raum für das Wunder der Geburt

Wurde man bis vor wenigen Jahrzehnten als Ungetaufter in der Gemeinschaft geschnitten, geht damit heute keine gesellschaftliche Ächtung einher. Doch was geht verloren mit dem Bedeutungsverlust der Taufe? Was fehlt der Gesellschaft, wenn Kinder nicht mehr mit einem solchen Ritual in die Gemeinschaft aufgenommen werden?

Der emeritierte Professor für Praktische Theologie an der Universität Bern, Christoph Müller, befasste sich fast sein ganzes Forscherleben mit dem Ritual der Taufe. So führte er etwa im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogramms unzählige Interviews mit Eltern und Paten über ihre Erfahrungen mit der Taufe. 

Theologe Christoph Müller

Müller sagt: «Mit dem Verzicht auf die Taufe kann die Chance verloren gehen, das Wunder der Geburt eines Kindes wirklich zu feiern». Eine Geburt sei ein solch einschneidendes Erlebnis, da könne man nicht einfach zum Alltag übergehen. Die Taufe sei eine Feier des Lebens, der «Ahnung von etwas Göttlichem, das dem Leben Würde, Halt und Hoffnung gibt», sagt Müller.

Für ihn hat die Taufe noch immer eine umstürzende Aussage: «Die Taufbotschaft besagt, jedes Kind hat eine Würde, die nicht verletzt werden darf. Das ist eine höchst gesellschaftskritische Botschaft!» Denn damit widerspreche sie der «faktischen Missachtung von Menschenwürde und Menschenrechten, wie sie tagtäglich passiert», sagt er.

Chance für die Kirche

Bei der Taufe gehe es somit nicht nur um eine innerfamiliäre Angelegenheit. «Bei der Taufe wird die Kleinfamilie aufgetan, sie öffnet sich für die Gemeinschaft. So kommt sie in Kontakt mit der Kirchgemeinde und ihren sozialen Tätigkeiten.»

Dass weniger getauft wird, darin sieht er sogar das Potential für eine positive Entwicklung. Müller, der selber zehn Jahre Pfarrer war, weiss, dass früher nicht selten unachtsam und unter Zeitdruck getauft wurde: vor dem eigentlichen Gottesdienst, in wenigen Minuten, formalisiert. «Da hat die Kirche sicherlich einiges versäumt und viele enttäuscht. Das würde man sich bei Trauungen oder Beerdigungen auch nicht wünschen.»

Nun haben die Kirchen die Chance, diesem Ritual wieder mehr gerecht zu werden. Sie sollten Taufen vermehrt persönlicher, lebensnaher und damit bedeutungsvoller gestalten: etwa durch spezielle Taufgottesdienste mit mehreren Tauffamilien, Taufen von älteren Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen sowie Tauf-Erinnerungsfeiern. Briefe der Kirchgemeinde an die Eltern kurz nach der Geburt könnten als Willkommensgruss bereits eine Wirkung haben und neue Kontakte ermöglichen.

Vor allem die Vorbereitungsgespräche mit den Eltern sind enorm wichtig, zeigten Müllers Untersuchungen. Er ist überzeugt: «Sorgfältig vorbereitete und durchgeführte Taufen können beitragen, dass weniger Leute aus der Reformierten Kirche austreten.» Sie seien eine Möglichkeit, Menschen näher mit dem christlichen Glauben zu verbinden.

Feiern ohne kommerzielles Interesse

Dass sich die Gesellschaft als Ganzes entritualisiert, bezweifelt Müller. So fänden als Ersatz für die Taufe heute manchmal «Willkommensfeste» für Kinder statt. «Das will ich nicht abwerten, es ist viel besser als gar nichts», sagt er. Dennoch könnten mit dem Abbruch christlicher Traditionien und Rituale «kostbare Erfahrungen abhanden kommen». Ein Verlust, den Müller auch bei anderen Zeremonien wie Trauungen und Bestattungen beobachtet.

Was Müller beunruhigt, ist die zunehmende Kommerzialisierung von Ritualen, die ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen: Sportspektakel, Shows, Events. «Rituale, die ein Gefühl der Zugehörigkeit erzeugen, werden zunehmend ausgenützt, um Geschäfte zu machen.»

Umso wertvoller sei es, dass die Kirche Rituale anbietet, die frei von kommerziellen Interessen sind. «Wenn die Menschen merken, dass etwa bei der Taufe ein wahres Interesse an ihnen dahinter steckt, erlebt man viel Dankbarkeit.»