Raunächte
Sie bringen das Raue in die Nacht
Von Weihnachten bis Mitte Januar lässt man es ruhiger angehen. Es ist die Zeit zwischen den Jahren. Während die einen in diesen Tagen ausruhen und ausschlafen, zelebrieren andere die Raunächte. Die Herkunft des Wortes ist nicht eindeutig gesichert – und kann je nach Bedarf verwendet werden.
«Raunacht» könnte sich aus «Rauchnacht» entwickelt haben. Das käme jenen entgegen, die ihr Zuhause ausräuchern, um die Räume von «schlechten Energien» zu befreien. «Rauh» hingegen deutet auf etwas «Wildes» hin. Das mittelhochdeutsche «rûch» lässt noch mehr Spielraum: von «grob» und «hässlich» über «hart», «herb», «streng», «schwarz», «pelzig», «struppig» oder «zottig» reichen die Bedeutungen.
Da finden Karin Kehl und ihre Kolleginnen einen nahtlosen Anschluss. Die Frauen aus Altstätten im St. Galler Rheintal sind die «Perchtawiiber» und damit gleichzeitig Pionierinnen und ein Dorn im Auge mancher Traditionalisten.
Perchten sind keine typischen Brauchtumsfiguren in der Schweiz (siehe Box). Doch in Altstätten, mit Blick ins Vorarlbergische, gründeten 2006 ein paar Männer die «Riettüfel Triber». Es war die erste Schweizer Perchtengruppe. Kehl erinnert sich, dass eine ihrer Bekannten Mitglied in dieser wilden Truppe werden wollte. «Doch die wiesen sie ab und sagten, der Verein sei nur für Männer», erzählt Kehl.
Die Frauen machen ihr eigenes Ding
In Bayern oder Tirol wäre eine Frau vielleicht gar nicht auf eine solche Idee gekommen, denn dort stecken nur ledige Männer im Percht-Kostüm. Doch in Altstätten fanden sich bald acht Frauen zusammen, die sagten: «Dann gründen wir halt unsere eigene Gruppe.» So kam es, dass direkt neben der ersten Perchtengruppe der Schweiz die ersten Frauenperchten der Welt entstanden.
Der Percht oder die Perchten sind Brauchtums-Figuren, die zwischen Weihnachten und Dreikönig aktiv sind. Sie sind vor allem in Bayern und in Tirol verbreitet. Es gibt schöne und «wüste» Perchten – analog zu den Silvesterkläusen in Appenzell. Diese Bräuche sind verwandt aufgrund der Lage im Kalender, der Figuren und weil es sich bei beiden um Heische- oder Einkehrbräuche handelt: Die Verkleideten besuchen Menschen zuhause und werden bewirtet.
Die moderne Brauchtumsforschung ordnet die Perchten im Kirchenjahr ein. Ihr Bezugsdatum ist der Dreikönigs- oder Berchtoldstag. Der Name verweist auf das Epiphaniasfest: das mittelhochdeutsche Wort «bërcht» oder «bërchtel» bedeutet «leuchtend» oder «glänzend». «Bërchteltac» gilt als mittehochdeutsche Übersetzung des algriechischen Begriffs «epiphaneïa». Die Percht-Figur ist danach benannt. Unter dem Einfluss der Romantik und der Ideologie des Nationalsozialismus wurden den Perchten mystisch-germanische Wurzeln angedichtet und der Brauch umgedeutet zum Austreiben des Winters und nicht näher beschriebener Dämonen. (dst)
Schon kurz nach ihrer Gründung wurden die «Perchtawiiber» an die grössten und wichtigsten Perchtenläufe eingeladen. Denn sie sind nicht minder schrecklich anzuschauen als ihre männlichen Pendants. Aber Kehl sagt: «Wir sind die sanfte Variante.» In den vergangenen Jahren seien die Perchtenläufe immer wilder geworden, die Verkleideten hätten mit ihren Ruten und Stöcken die Zuschauenden geschlagen. «Die jungen Männer kennen häufig kein Mass», sagt Kehl. Für viele Veranstalter seien die «Perchtawiiber» das Highlight des Umzugs.
Ablehnung durch männliche Perchten
Traditionsbewusst lassen sie ihre Kostüme bei einer spezialisierten Schneiderei in Österreich herstellen, die Masken schnitzt ein Handwerker im Zillertal. «Er gestaltet sie so, dass sie zu den jeweiligen Trägerinnen passen und wer uns sieht, erkennt, dass wir eine Familie sind», erklärt Kehl.
Trotzdem stiessen die Rheintalerinnen zu Beginn auf grosse Ablehnung bei österreichischen Perchtengruppen. Die Männer akzeptierten keine Frauen in diesen Kostümen. Die «Perchtawiiber» wurden dennoch zu Läufen eingeladen, die sonst keine neuen Gruppen aufnehmen, und sie inspirierten eine Art Revolution: «Jetzt schliessen sich auch in Tirol die ersten Frauen zu Perchtengruppen zusammen», sagt Kehl.
Der wichtigste Tag für die «Perchtawiiber» ist übrigens jeweils der 2. Januar. Dann feiern sie in Altstätten ihre Raunacht. Der Abend ist Frauen vorbehalten und so beliebt, dass es mittlerweile einen Vorverkauf für die Eintrittskarten braucht. Rund 120 Frauen besuchen die Veranstaltung, bei der jeweils eine Referentin über ein Thema spricht, das zur Raunacht passt. Die Perchten halten sich verkleidet im Saal auf. «Da entsteht eine spezielle Energie», sagt Karin Kehl. Danach werfen alle gemeinsam ihre «Sorgenzettel» in eine Feuerschale, um Belastendes hinter sich zu lassen, und beschliessen den Abend mit Suppenessen.
Die Raunächte
Die Zeit von Weihnachten bis Dreikönig ist für Anhängerinnen und Anhänger der Raunächte magisch. Es gilt Rituale durchzuführen, Regeln zu befolgen und sich auf das kommende Jahr einzustimmen.
Das Feiern der Raunächte boomt – vielleicht auch deshalb, weil sich hier Achtsamkeit, Esoterik und Mittelalterromantik mehrheitsfähig zu einer wohligen Consommé verbinden. Für mystische Tiefe sorgen Naturgeister, angebliche keltische und germanische Wurzeln des Brauchs oder die Vorstellung einer Durchlässigkeit zwischen Dies- und Jenseits.
Während der zwölf Nächte kann man spezielle Räuchermischungen verbrennen und damit Räume und Gedanken reinigen. Die Nächte sollen auch Fähigkeiten eines Orakels haben. Demzufolge steht jede Nacht für einen Monat: Der Traum oder das Wetter jener Nacht wird sich im entsprechenden Monat des kommenden Jahres ereignen.
Manche Raunacht-Regeln könnten aber auch damit zu tun haben, dass die Menschen einfach ihre Ruhe haben wollten: Am Morgen darf man nicht pfeifen, Türen zuschlagen ist untersagt, Haare und Fingernägel schneiden soll Kopfweh oder Gicht bringen, Wäsche waschen und aufhängen ist verboten und die Wohnung muss ordentlich sein.