Ökumene

«Ich bin überrascht, wie unverblümt das Ziel ausgesprochen wird»

Ein Papier des Vatikan schlägt vor, dass alle christlichen Kirchen symbolisch den Papst als Oberhaupt akzeptieren sollen. Der reformierte Kirchenhistoriker Peter Opitz sieht darin vielmehr den Versuch einer Unterordnung.
Einer für alle: Papst Leo ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. (Bild: AP/ Gregorio Borgia)

Das kann den Reformierten nicht gefallen: Der Vatikan hat ein Studiendokument ausgearbeitet mit Vorschlägen für einen ökumenischen Ehrenprimat des Papstes. Sie sollen anderen christlichen Kirchen ermöglichen, den Papst auch als ihr Oberhaupt zu akzeptieren.

Seit Jahrhunderten beanspruchen die Bischöfe von Rom die Vorrangstellung für alle christlichen Kirchen, was diese ablehnen – unter anderem wegen der Unfehlbarkeit sowie der obersten Befehlsgewalt des Papstes. Einer der aktuellen Vorschläge lautet nun, dass der Papst einerseits das «Oberhaupt der der katholischen Kirche» und andererseits «Garant der Einheit aller Christen» sein soll. Man könnte auch sagen: Papstprimat für die katholische Kirche und Ehrenprimat für alle anderen Christinnen und Christen.

Der emeritierte Theologieprofessor Peter Opitz, der an der Universität Zürich Kirchen- und Dogmengeschichte von der Reformation bis zur Gegenwart lehrte, hat auf Anfrage von ref.ch das Vorhaben des Vatikans unter die Lupe genommen. Er betont, der Katholizismus sei eine Weltreligion mit vielen verschiedenen, auch widersprüchlichen Gesichtern – nur schon in der Schweiz. Er kenne und schätze viele katholische Christinnen und Christen. Und längst nicht immer seien reformierte Predigten besser als katholische. «Aber Sie fragen mich zur offiziellen katholischen Amtskirche, und nur darauf beziehen sich meine Antworten», sagt er.

500 Jahre nach der Reformation wird der Vorschlag formuliert, alle Christen zumindest symbolisch wieder unter dem «Ehrenprimat» des Papstes zu versammeln. Wie blicken Sie als Experte für Kirchen- und Dogmengeschichte darauf?
Als Reformierter ist man dankbar, dass politische Mächte im 18. Jahrhundert die Päpste dazu gezwungen haben, auf die gewaltsame Verbreitung der katholischen Religion und die Unterdrückung von Andersgläubigen zu verzichten. Mir ist kein Papst bekannt, der von selbst auf diese Idee gekommen wäre. Dies nur als kleiner Hinweis, in welche Tradition man sich mit einem solchen «Ehrenprimat» als Reformierter begeben würde. Über die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962-65 reden wir besser nicht.

Zur Person

Peter Opitz (65) war von 2009 bis im Frühling 2022 Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich sowie Leiter des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte. Er studierte Theologie und Philosophie und war einige Jahre als reformierter Pfarrer tätig.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören neben der Schweizerischen Reformationsgeschichte und der reformierten Theologie die Epoche der Spätaufklärung, der Schweizer Protestantismus im 19. Jahrhundert und Karl Barth. Opitz ist verheiratet und lebt in Zürich. (no)

Was änderte sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil?
Es wird meist als Öffnung der katholischen Kirche zur Welt und als grosser Fortschritt bezeichnet. In der Tat anerkannte die katholische Kirche damals offiziell, dass Religionsfreiheit keine Erfindung des Teufels ist; und zudem, dass Gottes Geist auch ausserhalb der Mauern und Strukturen der katholischen Kirche wirken kann. Die «Einheit» der Kirche sollte nicht mehr durch eine «Wiedereingliederung» in die katholische Kirche erreicht werden, wie es bisher formuliert worden war.

Sondern?
Sie sollte nun stattdessen durch ein «gemeinsames Voranschreiten» erreicht werden. Bei genauerer Lektüre der vielen schönen Worte wird allerdings klar: Das Ziel kann nur sein, dass sich schliesslich alle christlichen Gemeinschaften in die hierarchische römische Papst- und Bischofkirche einfügen. Der aktuelle Vorschlag passt hier genau hinein und wäre ein Schritt in diese Richtung. 

Kardinal Kurt Koch benutzt in seiner Einführung in das besagte Studiendokument als fünftes Wort «ökumenisch». Wie viel Ökumene sehen Sie in diesem Vorschlag?
«Ökumene» ist ein Gummiwort. Alle benutzen es und nutzen die damit verbundenen positiven Emotionen rhetorisch aus, nur wenige machen sich Gedanken, was genau damit gemeint ist. 

Was heisst das in Bezug auf die katholischen Kirche?
Sie führt zwar mittlerweile vielfältige Gespräche mit anderen Kirchen und Konfessionen, ist der «Ökumenischen Bewegung» aber nie beigetreten. Der Grund: Sie kann bis heute andere Kirchen nicht wirklich als Kirchen auf gleicher Höhe anerkennen. Das steht so auch im berühmten «Lumen gentium» des Zweiten Vatikanischen Konzils (Die Kirche Christi bestehe einzig in der katholischen Kirche, heisst es dort – Anm.d.Red.). Dennoch spricht man oft von «ökumenischen» Gesprächen oder Kontakten.

Zumindest in Kirchgemeinden findet das auch häufig statt.
Ja, auf dieser Ebene gibt es viele Kontakte und gemeinsame Veranstaltungen, die meist auch als «ökumenisch» bezeichnet werden. Der Vorschlag des Studiendokuments versteht allerdings unter «ökumenisch» nur das, was auch die katholische Kirche darunter versteht: Ein Prozess der vielen Worte und Freundlichkeiten, der nur ein Ziel haben kann.

Das welches ist?
Die Unterordnung aller christlichen Kirchen unter das römische Papstamt. Meist ist dieses Ziel gut versteckt. Ich bin überrascht, wie unverblümt es hier ausgesprochen wird. Über den Massstab, an welchem entschieden wird, ob die «volle Kirchengemeinschaft» erreicht ist, bestimmt die katholische Kirche allein. Faire Vereinbarungen sehen anders aus.

Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, hat sich kritisch zu diesem Vorschlag geäussert. Sie argumentiert, dass der Papst keinen Primat beanspruchen könne, solange in der katholischen Kirche keine Gleichstellung von Frauen in allen Ämtern bestehe. Ausserdem genüge die mediale Prominenz des Papstes nicht, um einen Leitungsanspruch zu begründen.
Das Papstamt ist nicht einfach ein Punkt unter vielen anderen. Es symbolisiert das theologische Selbstverständnis der katholischen Kirche als Ganzes. Dieses besteht darin, Stellvertreterin Christi in der Welt zu sein, und als der verlängerte Arm Gottes die göttliche Gnade verwalten zu können. Dadurch steht die katholische Kirche auf der Seite Gottes, nicht auf der Seite der Welt.

Studiendokument zur Einheit der Christen

Seit Montag, 2. September 2025, liegt das katholische «Studiendokument zur Förderung der Einheit der Christen» auf Deutsch vor. Im April hatte der Schweizer Kardinal Kurt Koch eine Einführung in das Dokument vorgelegt.

Der Vatikan hatte es im Juni 2024 veröffentlicht. Laut einer Mitteilung des Vatikans handelt es sich dabei um eine Antwort auf die Bitte Papst Johannes Paul II. von 1995, einen Dialog über «die Ausübung des Petrusdienstes» zu führen.

Das Dokument fasst 30 Jahre des Dialogs zusammen und formuliert Vorschläge für die künftigen Gespräche mit den anderen christlichen Kirchen. (dst)

Wie wirkt sich das aus?
Solange die katholische Kirche sich so versteht, kann sie gar nicht auf Augenhöhe mit anderen Kirchen sprechen, denn sie allein verwaltet ja die göttliche Wahrheit. Sie würde sich selbst widersprechen. Im Vergleich zu diesem Problem ist das Problem des biologischen Geschlechts der Päpste und Bischöfe vernachlässigbar. 

Verbittet es sich der Reformierten Kirche nicht per se, einen Ehrenprimat des Papstes zu akzeptieren?
Natürlich. Im Unterschied zur katholischen verstehen sich reformierte Kirchen als Stück der menschlichen Welt. Sie verwalten nicht von oben herab Göttliches, sondern blicken von unten gleichsam nach oben auf zu Gott. Die reformierte Kirche versteht sich als Gemeinschaft von sehr menschlichen Menschen, die gemeinsam auf Christus hören, sich von ihm kritisieren, belehren, trösten und leiten lassen wollen.

Wie liesse sich eine «Einheit der Christen» überhaupt bilden?
Nach reformiertem Verständnis realisiert sich die «Einheit der Kirche» nicht in einer Organisation, sondern in dieser gemeinsamen Bewegung, die ich eben skizziert habe. Sie ist letztlich ein Geschenk des göttlichen Geistes. Und gar nicht so selten vollzieht sie sich in der Schweiz in Gemeinschaft mit katholischen Christinnen und Christen.

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