Papstwahl
«Um die Frauenfrage wird Leo nicht herumkommen»
Frau Hardegger, die Papstwahl hat die ganze Welt bewegt. Wie haben Sie diese Tage erlebt?
Es war eine sehr intensive Zeit. Nach dem Tod von Papst Franziskus an Ostermontag begann eine neuntägige Trauerzeit. Dennoch waren viele in ihren Gedanken schon beim Konklave. Es wurde bereits im Vorfeld wild spekuliert über den möglichen Nachfolger.
Für viele kam die Wahl von Robert Francis Prevost überraschend – auch für Sie?
Auch ich hatte Prevost nicht auf dem Schirm. Seinen Namen habe ich wenige Stunden vor der Wahl zum ersten Mal in einer Diskussion gehört. Dort wurde er aber eher beiläufig erwähnt, nicht als Kandidat mit ernsthaften Chancen.
Der neu gewählte Papst wird oft als «Mann der Mitte« bezeichnet. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Ich halte den neuen Papst für einen klugen und besonnenen Menschen. Er verfügt über Führungserfahrung in seinem Orden und kennt die Kurie in Rom gut. Darüber hinaus ist er spirituell geerdet und bringt pastorale Erfahrung aus seiner Zeit in Lateinamerika mit. Leo XIV. vereint Eigenschaften, mit denen sich sowohl progressive als auch konservative Katholiken identifizieren können.
Ungewöhnlich ist, dass die Wahl auf einen relativ jungen Papst fiel.
Das stimmt, die letzten beiden Päpste waren bei Ihrer Wahl deutlich älter. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass das Kardinalskollegium keinen Übergangspapst wollte, sondern jemand, der Kontinuität verspricht.
Sibylle Hardegger ist römisch-katholische Theologin mit langjähriger Erfahrung in der Pfarreiarbeit im In- und Ausland. Von 2002 bis 2010 war sie Pastoral- und Regionalverantwortliche im Bistum Basel. 2011 lebte sie in Kolumbien und danach in Schweden, wo sie ein Projekt für die katholische Kirche in den nordischen Ländern aufbaute.
Seit 2021 ist sie Radio- und Fernsehbeauftragte für die deutschsprachige Schweiz und betreut die katholischen Radiopredigten und das «Wort zum Sonntag» sowie die Radio- und Fernsehgottesdienste bei SRF, eine Kooperation, an der auch die «Reformierten Medien» beteiligt sind. Hardegger ist zudem Präsidentin der Kinderhilfe Bethlehem, die das Kinderspital in Bethlehem betreibt.
Der neue Papst nennt sich Leo. Was ist Ihnen bei der Namenswahl durch den Kopf gegangen?
Ich fand den Namen zuerst ziemlich altertümlich. Mir wurde aber schnell klar, dass er sich damit auf Papst Leo XIII. und damit auf den Begründer der katholischen Soziallehre bezieht.
Und was bedeutet das konkret?
Da muss ich etwas ausholen: Leo XIII. veröffentlichte 1891 die Sozialenzyklika «Rerum Novarum», in der er sich mit der sozialen Frage und den Herausforderungen der industriellen Revolution auseinandersetzte. Die Namenswahl deutet darauf hin, dass Leo XIV. dieses soziale Erbe aufgreifen und im Kontext neuer Herausforderungen – etwa durch Künstliche Intelligenz, Menschenwürde, Gerechtigkeit – weiterentwickeln will.
Vorgänger Franziskus hat mit dem synodalen Prozess Reformen angestossen. Wird Leo XIV. daran anknüpfen?
In seiner ersten Ansprache nach der Wahl auf der Loggia und in seiner Ansprache an die Kardinäle hat Leo XIV. deutlich gemacht, dass er den eingeschlagenen Weg weitergehen will. Er betonte zentrale Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils – etwa Kollegialität, Synodalität, eine missionarische Kirche mit Christus im Zentrum und den Einsatz für Armutsbetroffene.
Was ist vom neuen Papst in der Frauenfrage zu erwarten?
Papst Leo XIV. wird um die Frauenfrage nicht herumkommen, denn sie gehört wesentlich zum synodalen Prozess dazu. Ich denke, dass er dieser Frage gegenüber aufgeschlossen ist und etwa Frauen in Führungsämtern fördern wird. Die Synode hat diesen Weg ohnehin schon geebnet.
Wie sieht es mit Frauen im Priesteramt aus?
Die Priesterweihe ist noch einmal ein anderes Thema. Hier wird Leo XIV. auf die Einheit der Weltkirche achten wollen. Dennoch habe ich das Gefühl, dass Frauen mit ihm grundsätzlich einen Fürsprecher haben.
Schon vor seiner Wahl wurde Leo XIV. der Vertuschung von Missbrauchsfällen bezichtigt. Ist er der richtige Mann, um das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche anzupacken?
Ich kann mich hier nur auf eine Einschätzung des Missbrauchs-Experten Hans Zollner stützen. Er bescheinigt Papst Leo XIV. ein gutes Zeugnis: Er habe sich in der Missbrauchsbekämpfung engagiert und verfüge über eine hohe Sensibilität gegenüber dem Thema. Zu den Vorwürfen: Die Fälle in Peru und Chicago sind kirchenrechtlich und zivilrechtlich abgeschlossen. Soweit ich weiss, stand der Papst nie direkt in der Verantwortung.
Auch die Reformierten verfolgten die Papstwahl mit Spannung. EKS-Präsidentin Rita Famos schrieb in einer Botschaft, sie erhoffe sich einen guten ökumenischen Dialog. Ist diese Hoffnung berechtigt?
Papst Leo XIV. hat den Wahlspruch «In dem Einen sind wir vielen eins» gewählt – das scheint mir ein klares ökumenisches Zeichen zu sein. Aus seiner Zeit in Lateinamerika ist ihm zudem der Umgang mit anderen Konfessionen vertraut. Ich halte es daher für gut möglich, dass Leo XIV. ein ökumenischer Papst werden könnte.