Mehr Steuereinnahmen trotz weniger Mitglieder

Gleich mehrere reformierte Kantonalkirchen gaben an ihren Sommersynoden bekannt, dass sie 2018 mehr Steuern eingenommen hätten. Wie es dazu kam – und warum die Kirchen trotzdem wenig Anlass zum Feiern sehen.

Die reformierten Kirchen verlieren Mitglieder. Darüber können auch die positiven Jahresabschlüsse nicht hinwegtäuschen. (Bild: Keystone/Arno Burgi)

Die Klage ist allgegenwärtig: Die reformierte Kirche wird kleiner, älter, ärmer. Doch während die ersten beiden Punkte unbestritten sind, scheint sich der dritte nicht zu bestätigen – zumindest, wenn man die letztjährigen Rechnungen der Kantonalkirchen zugrunde legt.

Eine Analyse der Dokumente zeigt auf, dass praktisch alle deutschschweizer Kirchen 2018 einen Gewinn verbuchen konnten. Lediglich die seit Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfende Baselstädter Kirche schrieb rote Zahlen.

Interessant dabei: Gleich mehrere Kirchen vermeldeten höhere Steuereinnahmen – und dies, obwohl die Zahl der Mitglieder auch 2018 stagnierte oder gar weiter sank. Dies war unter anderem in der Kirche beider Appenzell der Fall, in Zug, Schaffhausen, St. Gallen oder dem Thurgau. Wie kommt es zu diesem Paradoxon?

«Die Leute haben schlicht immer mehr Geld», sagt Richard Rickli, Finanzreferent der Evangelisch-reformierten Kirche Schaffhausen. Die Rechnung seiner Landeskirche schloss 2018 mit einem Plus von 622’000 Franken. Budgetiert war ein Gewinn von 147’000 Franken.

Bereits an der Synode von Mitte Juni stellte Rickli das Ergebnis in Zusammenhang mit den Steuereinnahmen, die pro Kopf seit 2006 um über 100 Franken gestiegen seien. Betrachte man jedoch die letzten dreissig Jahre, gingen die Steuereinnahmen tendenziell zurück – trotz Teuerung. «Es ist also ein relativ kleines Zeitfenster, in dem es uns so gut geht», sagt Rickli.

«Erosion geht weiter»

Eine Steuersenkung, wie sie von liberalen Kreisen bereits gefordert wird, kommt für ihn deshalb nicht infrage. «Wir müssen jetzt umsichtig handeln. Denn eines ist klar: Die Mitgliedererosion geht weiter.»

Die Schaffhauser Kirche habe sich zum Ziel gesetzt, einen halben Jahresumsatz als Reserve anzusparen; dies habe man nun geschafft. Künftige Gewinne sollen deshalb, so schwebt es Rickli vor, in einen Innovationsfonds fliessen, mit dessen Hilfe die Kirche Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft entwickeln will. Im Herbst wird der Kirchenrat der Synode einen entsprechenden Antrag unterbreiten.

Babyboomer machen Ausfälle wett

Mit Zurückhaltung blickt auch Wilfried Bührer, Kirchenratspräsident der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau, auf die positiven Jahreszahlen. Die Thurgauer Rechnung schloss 2018 mit einem Plus von rund 199’000 Franken. Die Einnahmen aus der Zentralsteuer beliefen sich dabei auf 5’146’400 Franken anstelle der budgetierten 5’060’000 Franken.

Bührer erklärt sich das hauptsächlich mit den sogenannten Babyboomern, also der Generation von Menschen, die zwischen Mitte der 40er- und Mitte der 60er-Jahre geboren wurden. «Die Babyboomer sind oftmals Doppelverdiener mit gutem Job und hohem Einkommen – und sie sind weniger häufig aus der Kirche ausgetreten als Menschen der nachfolgenden Generationen.»

Anders gesagt: Da die gutverdienenden Babyboomer in der Kirche überdurchschnittlich vertreten sind, machen sie mit ihren Steuern die durch Austritte wegfallenden Einnahmen wieder wett. Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass sich die finanzielle Lage der Kirche ändern dürfte, sobald die Babyboomer in Rente gehen oder sterben.

«Wir müssen den Kern der Kirche stärken»

Da sich die Demografie aber nicht beeinflussen lässt und Steuern nicht auf Vorrat eingezogen werden können, liegt für den Kirchenratspräsidenten die einzige Lösung des Problems in der Mitgliederbindung. Mitglieder, die mit Herzblut dabei seien, würden sich in der Kirche engagieren – und punktuell vielleicht sogar einen freiwilligen Beitrag an ein Projekt spenden, sagt Bührer. «Für mich heisst das, wir müssen den Kern der Kirche stärken – auch wenn die Ränder bröckeln.»

Dieser Beitrag erschien in leicht gekürzter Form erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.