«Manche Gräber sind einfach mit einer Nummer versehen»

Hunderte von Flüchtlingen ertrinken jedes Jahr beim Versuch, nach Europa zu gelangen. Die Religionswissenschaftlerin Daniela Stauffacher hat in Süditalien untersucht, was mit den geborgenen Toten passiert. Die Politik müsse endlich etwas tun, um das Sterben im Mittelmeer zu beenden, sagt sie im Interview.

Auf dem Friedhof von Lampedusa ist ein kleiner Abschnitt für die Gräber von ertrunkenen Migranten reserviert. (Bild: KEYSTONE / Pascal Mora)

Frau Stauffacher, Sie forschten während mehrerer Monate in Süditalien zum Umgang mit ertrunkenen Migranten. Wie kamen Sie auf das Thema?
Ich habe früher schon in einem Flüchtlingscamp in Calais geforscht. Dort unterhielt ich mich mit Migrantinnen über ihre Reisebiographien. Viele von ihnen hatten auf der Fahrt übers Mittelmeer Freunde oder Verwandte verloren und nie erfahren, was mit ihnen geschehen war. Über die Frage, wie mit toten Migranten umgegangen wird, ist bisher wenig bekannt. Deshalb entschied ich mich, dies vor Ort zu untersuchen. Da ich gut italienisch spreche, fiel meine Wahl auf Italien.

Wie sind Sie vorgegangen?
Als erstes reiste ich nach Reggio Calabria, weil es dort einen der wenigen Migrantenfriedhöfe gibt. Danach recherchierte ich auf Sizilien und Lampedusa. Ich sprach mit allen Menschen, die in irgendeiner Form mit toten Flüchtlingen in Berührung gekommen sind. Unter anderem suchte ich Bestattungsämter und Spitäler auf und unterhielt mich mit Friedhofswärtern, Gerichtsmedizinern und Polizisten. Die meisten von ihnen gaben bereitwillig Auskunft, denn auch sie fühlten sich von der Tragödie unmittelbar vor ihrer Haustüre betroffen.

Wie werden die Toten aus dem Mittelmeer geborgen?
Die meisten Ertrunkenen werden nie gefunden. Sie sind für immer in den Fluten verschwunden. Es kommt aber vor, dass die Küstenwache oder ein NGO-Schiff im Meer treibende Leichen finden. Eine systematische Suche nach Vermissten gibt es meist nur bei grösseren Unglücken. Oder dann, wenn ein Schiff in unmittelbarer Küstennähe gesunken ist.

Gibt es so etwas wie ein einheitliches Prozedere im Umgang mit den geborgenen Leichen?
Wie mit den Toten umgegangen wird, hängt stark von der einzelnen Gemeinde ab. Ein Problem ist, dass die Identität der Toten meist nicht bekannt ist. Viele kleine Küstenorte verfügen aber nicht über die nötige Infrastruktur, um forensische Untersuchungen anzustellen. Oft werden die Leichen deshalb in ein Spital in der nächst grösseren Stadt geschafft. Das Gesetz schreibt vor, dass bei Toten, deren Identität unbekannt ist, eine DNA-Probe entnommen werden muss. Diese soll dann längere Zeit aufbewahrt werden. Ich hatte bei meinen Nachforschungen aber nicht den Eindruck, dass das systematisch getan wird.

«Es kommt vor, dass Leichen viele Tage liegenbleiben und sich bereits zersetzen, bevor sie endlich abgeholt werden.»

Was wird sonst noch unternommen, um die Identität dieser Menschen herauszufinden?
Die Identität eines Menschen zu ermitteln, ist äusserst schwierig und mit hohen Kosten verbunden. Dieser Aufwand wird meist gescheut. Hinzu kommt, dass es keine internationalen Datenbanken gibt, anhand derer man die DNA abgleichen könnte. Es existiert auch kein zentrales Verzeichnis für vermisste Migranten. Das macht es für die Hinterbliebenen schwer, an Informationen über ihre Angehörigen zu kommen.

Was können Angehörige dann überhaupt tun?
Die Hinterbliebenen organisieren sich zum Teil in den sozialen Medien wie Facebook, wo viele Fotografien von Vermissten kursieren. Daneben gibt es einige private Akteure wie zum Beispiel die Organisation Alarm Phone, bei der sich Menschen in Seenot melden können und die deshalb über Informationen über neuste Vorfälle im Mittelmeer verfügt. Es gibt auch einige kirchliche Exponenten, die Informationen über Vermisste sammeln und so zur Anlaufstelle für Hinterbliebene werden. Das Rote Kreuz hat zudem das Projekt «Trace the Face» ins Leben gerufen. Auf dieser Plattform werden Fotos von Menschen publik gemacht, die einen Angehörigen suchen.

Die Religionswissenschaftlerin Daniela Stauffacher (32) befasst sich mit dem Thema Religion und Migration. Derzeit schreibt die Doktorandin an den Universitäten Zürich und Fribourg an ihrer Dissertation über den Umgang mit toten Flüchtlingen in Süditalien. (Bild: Joel Hunn)

Kommen wir auf die toten Migranten in den Leichenkammern zurück. Was geschieht mit ihnen?
Wenn die ärztlichen Untersuchungen abgeschlossen sind, werden die Leichen vom Bestatter abgeholt. Das kann aber dauern. Diese Arbeit ist bei den Bestattungsunternehmen nicht sehr beliebt, weil sie oft lange auf ihre Bezahlung warten müssen. Die Wege der öffentlichen Hand in Süditalien sind oft unergründlich. Vor allem, wenn es um Geldflüsse geht, die von den lokalen Administrationen gesteuert werden. Es kommt deshalb vor, dass Leichen viele Tage liegenbleiben und sich bereits zersetzen, bevor sie endlich abgeholt werden.

Wo werden die Toten anschliessend bestattet?
Das hängt davon ab, welche Gemeinde einen Platz auf ihrem Friedhof zur Verfügung stellt. Das kann auch ein Ort irgendwo im Hinterland sein. Eigentlich wäre die Gemeinde, die zuerst mit einem unbekannten Toten in Berührung kommt, für die Bestattung verantwortlich. Da die Toten aber mit dem Schiff in die immer gleichen Hafenstädte gebracht werden und auf diesen Friedhöfen nicht unlimitiert Platz ist, schliessen sich die Bürgermeister der einzelnen Gemeinden kurz. Eine Rückverfolgung der Toten wird dadurch manchmal erschwert.

«Für mich hatte es aber auch etwas Abstraktes, vor einem Grab zu stehen, auf dem lediglich eine Ziffer vermerkt ist. Was das nun bedeutet und welches Schicksal sich dahinter verbirgt, konnte ich mir nur schwer vorstellen.»

Gibt es religiöse Zeremonien wie zum Beispiel einen Trauergottesdienst zur Verabschiedung der Verstorbenen?
Religiöse Zeremonien gibt es nur bei grösseren Unglücken mit zahlreichen Toten. Im Normalfall werden die Toten ohne jede religiöse Handlung beigesetzt. Die Bestattungen werden meist von ein bis zwei Friedhofsmitarbeitern durchgeführt, welche die Särge in die in Süditalien üblichen Grabwände einlassen. Dort finden die Migranten zwischen den Gräbern der Einheimischen ihre letzte Ruhe. Eigene Grabfelder oder gar Friedhöfe für Flüchtlinge sind hingegen die Ausnahme.

Sind diese Gräber speziell gekennzeichnet?
Da die Namen der Toten meist nicht bekannt sind, sind manche Gräber einfach mit einer Nummer versehen. Manchmal findet man auch den Vermerk «sconosciuto» («unbekannt») oder «migrante».

Sie haben zahlreiche dieser Gräber besucht. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Ich fand das natürlich sehr bedrückend. Für mich hatte es aber auch etwas Abstraktes, vor einem Grab zu stehen, auf dem lediglich eine Ziffer vermerkt ist. Was das nun bedeutet und welches Schicksal sich dahinter verbirgt, konnte ich mir nur schwer vorstellen. Das wurde mir erst bewusst, als man mir auf einem Polizeiposten verschiedene Habseligkeiten von ertrunkenen Flüchtlingen zeigte. Das waren simple Alltagsgegenstände wie Handys, Schlüsselbunde oder Fotografien, die auch wir mit uns herumtragen. Erst da bekamen die Toten für mich ein Gesicht.

Italien ist stark katholisch geprägt. Welche Rolle spielt die Kirche bei der Bestattung von Migranten?
Die katholische Kirche schaltet sich vor allem bei grösseren Unglücksfällen mit vielen Toten ein. Dann gibt es auch öffentliche Bestattungsfeiern. Das war zum Beispiel bei den schweren Bootsunglücken vor Lampedusa und im Kanal von Sizilien 2013 und 2015 der Fall. Manchmal werden lokale Geistliche auch vom Hafenarzt hinzugezogen, um einen geborgenen Toten zu segnen.

«Die eigentliche Tragödie ist die europäische Flüchtlingspolitik. Dass es überhaupt soweit kommen kann, dass Menschen in ein Gummiboot steigen müssen, um nach Europa zu gelangen, ist verwerflich.»

Sie sagten, dass sich die Identifizierung der Toten sehr schwierig gestaltet. Was geschieht, wenn es trotzdem gelingt?
Einige wenige Verstorbene können in ihr Herkunftsland überführt werden. Solche sogenannten Repatriierungen gibt es vor allem in Länder, die in Italien eine grössere Community haben. Zum Beispiel Tunesien. Dass eine Leiche identifiziert wird, ist aber die Ausnahme. In den meisten Fällen weiss man ja nicht einmal, wo ein Boot untergegangen ist und wie viele Menschen an Bord waren.

Was müsste getan werden, um die Situation zu verbessern?
Unser Umgang mit den Toten und ihren Angehörigen ist problematisch. Dringend nötig wäre eine zentrale Datenbank, in der alle Informationen über die Vermissten gesammelt werden. Ebenso braucht es eine niederschwellige Anlaufstelle, an die sich die Hinterbliebenen wenden können. Die eigentliche Tragödie ist aber die europäische Flüchtlingspolitik. Dass es überhaupt soweit kommen kann, dass Menschen in ein Gummiboot steigen müssen, um nach Europa zu gelangen, ist verwerflich. Das müsste sich ändern.