«Bezeichnenderweise beziehen sich die Gegner der Seenotrettung nie auf die Bibel»

Die Evangelische Kirche in Deutschland schickt ein Rettungsschiff ins Mittelmeer, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu bewahren. Die Aktion ist umstritten – auch innerhalb der Kirche. Der Berner Theologe Frank Mathwig stellt sich den Einwänden und erklärt, warum er die Seenotrettung für eine christliche Pflicht hält.

Der reformierte Theologe Frank Mathwig gehört zu den Befürwortern der Rettungsmission im Mittelmeer. Es gehe nicht an, Menschen solange ertrinken zu lassen, bis eine politische Lösung gefunden sei. (Bild: Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz)

Am 24. Februar ist das Rettungsschiff «Sea-Watch 4» aus dem Kieler Hafen ausgelaufen. Im April soll es seinen ersten Einsatz zur Rettung von Bootsflüchtlingen vor der Küste Libyens haben. Finanziert wurde das Schiff vom Bündnis «United4Rescue», das massgeblich von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) initiiert wurde. Mittlerweile gehören dem Bündnis mehrere Hundert Organisationen an, darunter zahlreiche deutsche Landeskirchen. Ebenfalls zu den Unterstützern gehört die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz.

Die Rettungsaktion bekommt in der Kirche allerdings nicht nur Zuspruch. Kritiker werfen den Initianten unter anderem vor, sich zu Komplizen der Schlepper zu machen und die illegale Migration nach Europa zu verstärken. Im Jahr 2019 sind nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR rund 1300 Flüchtlinge beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, ertrunken.

Herr Mathwig, Kritiker der kirchlichen Seenotrettung fordern, die Kirche solle sich lieber auf die Unterstützung von Flüchtlingen in den Ankunftsländern konzentrieren. Sehen Sie das auch so?
Nein, überhaupt nicht. Die Kirche sollte auch in dieser Frage einzig dem Wort Gottes folgen. In der Bibel gibt es zahlreiche Beispiele für Seenotrettungen. Das erste Rettungsboot der Weltgeschichte war die Arche Noah. Jonas Rettung im Fischbauch ist legendär. Ebenso die Tatsache, dass Paulus insgesamt vier Schiffbrüche überlebte. Die Rettung aus Seenot ist in der Bibel ein Ausdruck für die göttliche Erwählung. Insofern liegt es nahe, dass sich die Kirche mit diesem Thema befasst.

Trotzdem ist die Seenotrettung auch innerhalb der Kirche umstritten. Die Gegner werfen der EKD vor, sie unterstütze damit das Geschäftsmodell der Schlepper.
Dieser Vorwurf ist ungerechtfertigt. Zahlreiche Studien widerlegen den behaupteten Pull-Effekt. Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass der Einsatz von Rettungsschiffen die Anzahl der Flüchtenden beeinflusst. Aber auch wenn es einen solchen Effekt gäbe: Die Seenotrettung wegen dieses angeblichen Anreizes in Frage zu stellen, wäre zynisch.

Inwiefern?
Weil damit unterstellt wird, dass Menschen auf der Flucht einem ökonomischen Kalkül folgen. Also ungefähr so, wie wir uns für die Sonderangebote eines Kaufhauses in eine lange Schlange stellen. Flüchtende verlassen ihre Heimat aus existentiellen Gründen wie Krieg, Verfolgung oder Armut, nicht aus ökonomischen Erwägungen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber das berechtigt nicht dazu, alle Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen.

Der Theologe Ulrich Körtner kritisierte in einem Interview mit ref.ch, dass unklar sei, was mit den Geretteten geschehen soll. Er findet es fragwürdig, sie überhaupt nach Europa zu bringen.
Körtner weist auf ein wichtiges Problem hin. Es stimmt, dass mit der Rettung der Bootsflüchtlinge noch nicht geklärt ist, was anschliessend mit ihnen passiert. Die Geretteten landen ja in einem Europa, das die Hürden für Asylsuchende immer höher gesetzt hat. Wer nun aber der Kirche die Folgen dieser Politik in die Schuhe schiebt, macht den Bock zum Gärtner. Fragwürdig sind nicht die Kirchen, die eine Politik sichtbarer machen, sondern die Regierungen, die diese Politik zu verantworten haben.

Körtner kritisiert weiter, dass die Kirche durch ihre Kooperation mit «Sea-Watch» auch deren migrationspolitischen Forderungen übernehme. Zum Beispiel ein Menschenrecht auf Asyl, das es juristisch gar nicht gebe. Wie stehen Sie dazu?
Die Behauptung, dass es kein Menschenrecht auf Asyl gebe, stimmt nur zur Hälfte. Jeder Mensch hat das Recht, um Asyl nachzusuchen und ein faires und rechtstaatliches Asylverfahren zu beanspruchen. Aber was folgt überhaupt aus dem Einwand, die EKD verfolge migrationspolitische Interessen? Sicher nicht, dass wir Schiffbrüchige solange ertrinken lassen, bis sich alle über die Motive der an der Seenotrettung beteiligten Institutionen einig geworden sind.

Die EKD hat angekündigt, die geretteten Migranten nach Deutschland zu bringen. Dafür will sie die Städte und Gemeinden mobilisieren. Erleben wir gerade, wie die Kirche zum politischen Akteur wird?
Die EKD verfolgt keine alternative migrationspolitische Agenda. Die kritische Begleitung staatlichen Handelns gehört zum Selbstverständnis evangelischer Kirchen. Die Kirche mischt sich ein, um auf Probleme und Missstände aufmerksam zu machen. Sie masst sich nicht an, diese Probleme zu lösen. Erstaunt bin ich über manche innerkirchliche Kritik.

Was genau erstaunt Sie?
Es wird unterstellt, das Eintreten der Kirche für Bedürftige, Schwache und Hilflose sei eine Ausnahme, die politisch begründet werden müsse. Aus biblischer Sicht ist es genau umgekehrt: Begründungspflichtig sind Entscheidungen, die den diakonischen Auftrag der Kirche einschränken wollen. Bezeichnenderweise beruft sich die Kritik an der kirchlichen Seenotrettung nirgendwo auf die Bibel.

Dass Menschen in Not gerettet werden sollen, stellen aber auch die Gegner nicht in Frage. Ihnen geht es darum abzuwägen, ob eine Rettungsaktion langfristig nicht zu mehr Opfern führt.
Die unbedingte Pflicht zur Nothilfe wird zwar auch von kritischen Stimmen anerkannt, aber anschliessend systematisch relativiert. Das moralische Prinzip verschwindet dann vollständig hinter politischen und ökonomischen Bedenken. Das ist so, als würden wir die unbedingte Pflicht zur Rettung von Unfallopfern von dem Nachweis ihres Versicherungsschutzes abhängig machen, um keine Folgekosten für das Gemeinwesen zu riskieren. Das widerspricht nicht nur der Bibel und der christlichen Tradition, sondern auch unseren gesellschaftlichen Vorstellungen von Solidarität und Mitmenschlichkeit.

Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) hat für ihre Unterstützung des Bündnisses viel Applaus erhalten. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die ihr vorwerfen, ihr Engagement sei halbherzig. Müsste die EKS noch mehr tun?
Wie schon gesagt: Die Politik ist halbherzig und tut zu wenig, nicht die Kirche, die darauf aufmerksam macht. Der Rat der EKS hat mit seiner Unterstützung ein Zeichen gesetzt: Die Seenotrettung geht alle an, unabhängig davon, ob die Kirche am Wasser oder in den Bergen gebaut ist. Gleichzeitig lenkt der Rat den Blick auf die Kirchen vor Ort, die sich für die ausgeschifften Geretteten einsetzen. Ratspräsident Gottfried Locher hat es auf den Punkt gebracht: «Seenot ist immer Seenot.» Das wird jede Person bestätigen, die vor dem Ertrinken gerettet wurde.

Frank Mathwig (59) ist Beauftragter für Theologie und Ethik bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz und Titularprofessor für Systematische Theologie/Ethik an der Theologischen Fakultät Bern.