Pfarrwechsel

«Man muss den Kontakt zu den Menschen aufnehmen»

Nach 17 Jahren am Fraumünster in Zürich predigt Niklaus Peter am Sonntag zum letzten Mal. Ganz ohne kritische Anmerkungen geht er nicht.

Niklaus Peter will sich künftig vermehrt um seine Enkel kümmern. Das Bild zeigt ihn bei einer Predigt im Fraumünster am Ostersonntag im vergangenen Jahr während der Corona-Krise. (Keystone/Ennio Leanza)

Fast zwanzig Jahre lang hat der Basler Niklaus Peter in Zürich gepredigt. Seine Kirche, das Fraumünster, ist dank der von Marc Chagall geschaffenen Fenster weltbekannt. Kirchen sollten ein Ort für alle sein, sagt Peter in einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung», das am 22. Juni erschienen ist.

Formen von Bildung und Vermittlung seien wichtig. Die spirituellen Bedürfnisse dürften aber nicht zu stark überspielt werden. «Das Zentrum muss der Gottesdienst bleiben, es darf nicht in Richtung Tourismustheologie ausarten», betont Peter im Gespräch mit der NZZ.

Raum für Begegnungen fehlt

Studentenseelsorger und Stadtpfarrer

Niklaus Peter ist am 18. Juni 65 Jahre alt geworden. Er hat in Basel, Berlin und Princeton Theologie studiert und war danach Oberassistent an der Universität Basel sowie Studentenseelsorger in Bern. Von Oktober 2004 an war er Pfarrer am Fraumünster. Zudem arbeitet er auch als Autor, unter anderem schreibt er Kolumnen für das Magazin des «Tages-Anzeiger». Ende Monat lässt er sich ordentlich pensionieren. Peter ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder sowie vier Enkel, das fünfte Enkelkind ist unterwegs. Am Sonntag, 27. Juni 2021, finden die Abschiedsgottesdienste statt (alle Plätze vergeben). Zuvor gibt es am Donnerstag und Freitag Konzerte (freie Plätze vorhanden). (jow)

Zu predigen sei für ihn eine höchst beglückende Erfahrung gewesen, aber stets auch eine grosse Herausforderung. In seinen 17 Jahren am Fraumünster sei es schwieriger geworden, den direkten Kontakt und die Kommunikation mit Gottesdienstbesucherinnen zu pflegen. «Wir müssen aufpassen, uns aufgrund der Strukturen nicht in Sitzungen zu verschlaufen», präzisiert Peter auf Nachfrage.

Die reformierte Kirche sieht er als schwindende Organisation, in der die Administration ausgebaut werde. Es gelte darüber nachzudenken, wo man sich verschlanken und somit beweglicher werden könne. Freie Kapazitäten sollten dann für Bildungsveranstaltungen, Besuche und Gespräche genützt werden, wünscht sich Peter.

«Man muss den Kontakt zu den Menschen aufnehmen, selbst wenn Reibungen damit einhergehen». Peter mahnt davor, in den Gottesdiensten einen abgehobenen religiösen Service zu bieten. Wichtiger sei aus seiner Sicht, mit der Gemeinde zusammen zu feiern und somit starke Bindungen aufzubauen.

Gemeinsamkeiten betonen

Einen intensiveren theologischen Diskurs hätte er sich auch in seiner Funktion als Dekan innerhalb der Pfarrschaft gewünscht. Es sei ihm nicht gelungen, die Freude an theologischen Diskursen zu wecken. An Sitzungen sei es oft nur um Kirchenstrukturen statt um Inhalte gegangen, sagt Peter. Obwohl die Pfarrpersonen theologisch unterschiedlich aufgestellt seien, gebe es doch viele gemeinsame Elemente, die sich in allen Gottesdiensten fänden.

«Wenn wir über unsere Gemeinsamkeiten sprechen, wirken wir dem Ausfransen entgegen», meint Peter. Es sei besser darüber zu reden, was einen verbinde, statt das Trennende ins Zentrum zu stellen. Von intensiveren theologischen Auseinandersetzungen hätte er sich auch eine höhere Qualität der Gottesdienste sowie vielleicht eine höhere Partizipation versprochen. «Mein Anliegen war ins Bewusstsein zu rufen, dass wir trotz Unterschieden so viel Gemeinsames haben».

Nach seiner ordentlichen Pensionierung will Peter nun erst einmal zur Ruhe kommen und seinem Nachfolger, dem Deutschen Johannes Block, Raum lassen. In seiner freien Zeit möchte er sich intensiv dem Lesen und Schreiben widmen und sich verstärkt um seine Enkelkinder kümmern.