Auf der Spur von Zürichs letzter Äbtissin

Mit beinahe detektivischem Geschick haben vier Frauen das Leben von Katharina von Zimmern aufgearbeitet. Ihr Buch wirft nicht nur ein neues Licht auf die letzte Äbtissin des Zürcher Fraumünsters, sondern auch auf die Reformation.

Christine Christ-von Wedel, Irene Gysel, Jeanne Pestalozzi und Marlis Stähli (von links) haben das Leben von Zürichs letzter Äbtissin aufgearbeitet. (Bild: Ruben Hollinger)

Der Auftritt ist eindrücklich: In vollem Ornat platzt Katharina von Zimmern, die Äbtissin des Zürcher Fraumünsters, mitten hinein in die Disputation von Huldrych Zwingli und dessen katholischen Kontrahenten. Später übergibt sie, mit einer ebenso grossen Geste, die Schlüssel ihres Stiftes an die Stadt und verpasst damit der Reformation wie dem Schicksal Zwinglis den entscheidenden Dreh.

Diese beiden Szenen aus dem Film-Hit Zwingli dürften für viele Schweizerinnen und Schweizer das einzige sein, was sie je von Katharina von Zimmern gesehen oder gehört haben. Denn obwohl die letzte Äbtissin des Fraumünsters die Auflösung der Klöster einleitete und damit die Reformation entscheidend prägte, ist sie in der breiten Öffentlichkeit bisher kaum thematisiert worden. Fakten über ihr Leben sind nur wenige bekannt.

Auf Spurensuche

Zu wenige, finden Irene Gysel und Jeanne Pestalozzi. Die beiden ehemaligen Zürcher Kirchenrätinnen beschäftigen sich seit Jahren mit der Äbtissin: Pestalozzi ist unter anderem Präsidentin des Vereins Katharina von Zimmern, der 2004 einen Erinnerungsort im Hof des Fraumünsters eingerichtet hat. Gysel wiederum hat bereits 1999 ein erstes Buch zu von Zimmern mit herausgegeben.

Nun haben sich die beiden mit der Historikerin Christine Christ-von Wedel und der Handschriftenkonservatorin Marlis Stähli zusammengetan, um das Leben der historischen Figur weiter zu erforschen.

Die vier Frauen stöberten in Archiven zwischen Solothurn und Karlsruhe, lasen, fotografierten und übersetzten tausende Dokumente, interpretierten neue und alte Quellen und setzten Details in einen grösseren Zusammenhang. «Unsere Arbeit glich einem Puzzle. Wir fügten viele einzelne Informationen zu einem Bild zusammen, das immer mehr Konturen annahm», sagt denn auch Jeanne Pestalozzi in einem Interview in der aktuellen Ausgabe des bref-Magazins.

Belege für eine heimliche Schwangerschaft

Entstanden ist durch diese Detektivarbeit das Buch Die Äbtissin, der Söldnerführer und ihre Töchter. Es ermöglicht einen neuen Blick auf die Reformationsgeschichte, die auch nach 500 Jahren vorwiegend aus der Sicht von Männern erzählt wird.

Vor allem aber bringt es neue Informationen über Katharina von Zimmern ans Licht. So haben die vier Frauen weitere Belege dafür gefunden, dass die Äbtissin eine uneheliche Tochter gehabt haben könnte, die während ihrer Zeit im Fraumünster zur Welt kam.

Der Vater soll Eberhard von Reischach gewesen sein, den Katharina kurz nach dem Weggang aus dem Stift heiratete. «So dramatisch das klingt – tatsächlich wurde das unter Historikern schon zuvor vermutet», sagt Christine Christ-von Wedel dem bref-Magazin. «Nach der Auswertung der weiteren Quellen würde ich sagen, wir können uns dessen zu neunzig Prozent sicher sein.»

Eine Frau mit Grandezza?

Trotz der akribischen Recherche bleibt jedoch weiterhin vieles im Dunkeln. Wo die uneheliche Tochter aufgewachsen sein könnte, darüber kann Christ-von Wedel nur spekulieren. Ebenso wenig lassen sich die genauen Motive, die Katharina von Zimmern für die Übergabe des Fraumünsters hatte, mit hundertprozentiger Sicherheit festlegen. Und ob sie über die Grandezza verfügte, die Zwingli-Regisseur Stefan Haupt ihr zuschrieb, das muss weiterhin der Fantasie überlassen bleiben. (vbu)

Das ganze Interview lesen Sie in bref, dem Magazin der Reformierten, Ausgabe 18.