Höchste Schweizerin

«Kirche sollte ein Ort der Wertschätzung sein»

Die neue Nationalratspräsidentin Maja Riniker ist ein überzeugtes Mitglied der Reformierten Kirche. Mehr Zurückhaltung wünscht sie sich jedoch bei politischen Fragen.
Die Aargauer Sicherheitspolitikerin Maja Riniker (FDP) ist zur Nationalsratspräsidentin gewählt worden. (Bild: Alessandro della Valle/ Keystone)

Die höchste Schweizerin Maja Riniker macht kein Geheimnis daraus, dass Religion in ihrem privaten Leben eine untergeordnete Rolle spielt. Weder besucht die neu gewählte Nationalratspräsidentin regelmässig den Gottesdienst noch betet sie oder liest in der Bibel. Dennoch ist die Aargauerin ein überzeugtes Mitglied der Landeskirche. «Ich bin zutiefst dankbar für das soziale Engagement der Kirche», sagt Riniker im Gespräch mit ref.ch.

Für die FDP-Politikerin ist die Bedeutung der Kirche als Institution, die sich für die Schwächeren in der Gesellschaft einsetzt, unbestritten. «Mit ihren seelsorgerischen Angeboten und ihrem humanitären Engagement leisten die Kirchen einen unverzichtbaren Beitrag für die Gemeinschaft», betont sie. Auch persönliche Erfahrungen haben ihre Sicht geprägt: Als Jugendliche überlebte sie einen schweren Unfall und stand kurz davor, ihr Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen zu sein. «Zum sozialen Netz, das mich damals aufgefangen hat, gehörte auch meine Pfarrerin», erinnert sich Riniker.

Jüdische Vorfahren

Für Riniker, die verheiratet ist und drei Kinder im Teenageralter hat, ist die Kirche zudem Trägerin eines Bildungsauftrags. «Ich finde es wichtig, dass Kinder und Jugendliche den christlichen Glauben kennenlernen und den Religionsunterricht besuchen. Ob sie danach Kirchenmitglied bleiben, bleibt ihnen überlassen», so Riniker. Diese Haltung lebt sie auch in ihrer eigenen Familie. Ihre Kinder wurden alle getauft, und es war ihr Wunsch, dass sie am Religionsunterricht teilnehmen. «Die reformierte Kirche hat in diesem Bereich tolle Arbeit geleistet», sagt sie.

Aufgewachsen ist Riniker in einer reformierten Familie, doch schon ihre Eltern waren keine regelmässigen Kirchgänger. Eine prägende Erfahrung war, dass ihr Grossvater mütterlicherseits Jude war und in Zürich in die Synagoge ging. «Gleichzeitig besuchte er mit uns die reformierte Kirche. Dieses Nebeneinander verschiedener Religionen war für mich als Kind ganz normal», erinnert sie sich. Auch deshalb geht ihr der jüngst aufflackernde Antisemitismus nahe: «Ich frage mich, wie eine Gesellschaft funktionieren kann, wenn Minderheiten ausgegrenzt werden.»

Mit Panzern in die Schlagzeilen

Politisch aktiv wurde Riniker bereits als Jugendliche: Mit 19 Jahren trat sie aus Neugierde am Austausch in der Gemeinde in die FDP ein. Ihre politische Laufbahn startete sie in der Schulpflege ihres heutigen Wohnorts Suhr. 2014 wurde sie in den Grossen Rat des Kantons Aargau gewählt, wo sie als Präsidentin der Kommission für Öffentliche Sicherheit (SIK) tätig war, 2019 folgte ihre Wahl in den Nationalrat.

Momentan ist der Arbeitsalltag der 46-Jährigen eng getaktet. Als Präsidentin der Grossen Kammer leitet sie die Verhandlungen im Nationalrat und erstellt die Tagesordnungen für die Sessionen. Hinzu kommen Botschaftsempfänge und die internationalen Beziehungspflege. So ist für April etwa eine Reise nach Japan geplant. Nicht selten hat Riniker erst gegen 21 Uhr Feierabend. «Es ist eine intensive Zeit», sagt sie.

Politisch gesehen ist dieses Jahr für Maja Riniker hingegen eine Verschnaufpause. Als Nationalratspräsidentin kommentiert sie keine tagespolitischen Themen. Zu den politischen Schwerpunkten gehörte für die Tochter eines Panzerbataillon-Kommandanten die Sicherheitspolitik. Mit ihrer Forderung, einen Teil der eingemotteten Leopard-Panzer ins Ausland zu verkaufen, um indirekt die Ukraine zu unterstützen, war sie in die Schlagzeilen geraten.

Politische Einmischung unerwünscht

Beim Thema Politik hört bei Maja Riniker dann auch das Verständnis für die Kirche auf. Über die politische Einmischung der Kirchen etwa bei der Konzernverantwortungsinitiative (KVI) hat sie sich aufgeregt. In der Abstimmungskampagne vor vier Jahren hatten sich hunderte von Kirchgemeinden engagiert und mit Bannern an Kirchtürmen für die Initiative geworben. «Man muss sich dann nicht wundern, wenn Unternehmen keine Kirchensteuer mehr zahlen wollen oder Mitglieder der Kirche den Rücken kehren», sagt Riniker.

Gänzlich unpolitisch muss Kirche auch für Riniker nicht sein. So findet sie es richtig, dass die Kirchen auf humanitäre Katastrophen aufmerksam machen. «Aber die Kirche hat keinen Meinungsbildungsauftrag und es ist nicht ihre Aufgabe, sich zu aktuellen politischen Themen zu äussern», sagt Riniker. Gerade in Zeiten der Polarisierung habe die Kirche vielmehr die Aufgabe, zu verbinden. «Sie sollte ein Ort sein, wo ich als Mensch Wertschätzung erfahre – unabhängig von der politischen Haltung.»

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