Nationalratspräsident im Gespräch

«Die Mehrheit nimmt die Kirche als rückständig wahr»

Der Sozialdemokrat Eric Nussbaumer ist der erste Methodist, der das Amt als höchster Schweizer bekleidet. Seine Ernennung hält er aus politischer Sicht für eine Nebensache – seinen Glauben hingegen nicht.

Für Eric Nussbaumer ist als Nationalratspräsident auch taktisches Geschick gefragt. (Bild: Alessandro Della Valle/ Keystone)

Eric Nussbaumer, was bedeutet es Ihnen, der erste Methodist im Nationalratspräsidium zu sein?
Weder habe ich dieses Amt für die evangelisch-methodistische Kirche (EMK) angestrebt, noch bin ich missionarisch unterwegs. Politik hat für mich schon mit meinem christlichen Glauben zu tun, aber nicht so, dass meine Ernennung kirchenpolitisch motiviert wäre. Ich versuche eher, gemeinsam mit anderen Menschen Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich voranzubringen. Darin spiegeln sich meine Werte wider, und deshalb bin ich als Mitglied in der Sozialdemokratischen Partei gelandet. Im Übrigen gab es im Parlament immer wieder Methodisten, beispielsweise Erich von Siebenthal (SVP) aus dem Kanton Bern oder Heiner Studer (EVP) sowie Hans Letsch (FDP) aus dem Aargau.

Wie verlief Ihre politische Sozialisierung?
Ich wurde in der Kirche gross. Schon in der Jugendarbeit der EMK habe ich Workshops zu politischen Themen besucht. Der Gedanke der Nächstenliebe und der Einsatz für eine solidarische Gesellschaft liegen nicht weit auseinander. Meine Politisierung hat mit den Fragen um die Einführung eines Zivildienstes eingesetzt. Der SP beigetreten bin ich erst mit 30 Jahren.

Vor zehn Jahren sagte Erich von Siebenthal im «Beobachter», dass seine Wahl in den Nationalrat Gottes Plan gewesen sei. Hatte Gott auch bei Ihrer Wahl die Finger im Spiel? 
Nein, so verstehe ich meinen Gott nicht. Gott begleitet mich durch das Leben, ob ich gewählt werde oder nicht. Das Leben ist kein Plan, das Leben ist ein Geschenk. 

Der «Tages-Anzeiger» hat kürzlich in einem Artikel festgestellt, dass 75 Prozent der Parlamentarier Kirchenmitglieder sind, aber nur noch 58 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Politologen sprechen von einem «Elite-Basis-Religionsgraben». Wie erklären Sie sich diesen Graben?
Die meisten Politiker verfügen über ein breites historisches und kulturelles Interesse. Sie wollen verstehen, wie die Gesellschaft funktioniert. Daher hängen sie vielleicht bei der Kirche nicht so schnell ab.

Manche Politiker betonen im Artikel, sie seien nur noch wegen des sozialen Engagements in der Kirche. Was heisst das für die Institution, wenn der spirituelle Aspekt keine Rolle mehr spielt?
Theologisch gesehen ist das für mich gar nicht so schlimm. Das diakonische Handeln ist schliesslich eine wichtige Dimension der Kirche. Und selbst wenn die spirituelle oder die liturgische Dimension für viele Menschen eine untergeordnete Rolle spielt, können das Gemeinschaftsgefühl und das diakonische Handeln interessant sein. Natürlich unterscheidet sich das Erlebnis von Kirchgemeinde zu Kirchgemeinde.

Ausgerechnet die Sozialdemokratische Fraktion, zu der Sie zählen, ist im Parlament die Einzige, in der die Konfessionslosen eine Mehrheit stellen. Stört Sie das?
Ich halte das aus, sonst wäre ich nicht in der Politik. Die Mehrheit nimmt die Kirche offenbar als konservativ und rückständig wahr. Das war bei mir nie der Fall. Aber natürlich gab es in der Kirche Entwicklungen, die nicht immer schön waren oder sehr viel Zeit beanspruchen.

Woran denken Sie dabei?
Das Traditionelle deckt im schlechten Fall auch neue Lebenserfahrungen zu. Und wenn meine Lebenserfahrung nicht in der Kirche gelebt werden kann, wird es schwierig. Denken Sie nur daran, wie lange es ging, bis Pop- und Rockkultur auch in der Kirche erlebbar war. Und die vielen Missbrauchsfälle im kirchlichen Umfeld haben zu viel zerstört. 

Zur Person

Der 64-jährige Eric Nussbaumer ist verheiratet, Vater von drei Kindern und Grossvater von sieben Enkeln. Er ist im Kanton Zürich aufgewachsen, hat in Winterthur Elektrotechnik studiert und wohnt seit fast vier Jahrzehnten im Kanton Basel-Landschaft. Nussbaumer war zehn Jahre Captain vom FC Nationalrat und ist Orientierungsläufer. Er ist Doppelbürger und besitzt zwei Staatsbürgerschaften (CH/FR).

Die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) in der Schweiz ist eine evangelische Freikirche mit rund 12’500 Mitgliedern, weltweit zählt die EMK ungefähr 13 Millionen Mitglieder. Die Wurzeln der EMK reichen ins 18. Jahrhundert zurück, als Gründer gilt der anglikanische Pfarrer John Wesley.

Die Diakonie und Diakonieinstitutionen sind ein wichtiger Arbeitszweig der EMK. In der Schweiz ist die EMK sowohl Mitglied der Evangelischen Allianz als auch in der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz vertreten. (pef)

Der Nationalrat will, dass der Bund Kirchen oder Sportvereine verpflichtet, Schutzkonzepte zur Missbrauchsprävention einzuführen. Was halten Sie davon?
Ich finde, das ist in der heutigen Zeit normal. Jede anständige Organisation sollte eine entsprechende Präventionspolitik haben. Man muss es nicht «Schutzkonzept» nennen, aber zu guter Vereins- und Organisationsführung gehört die Missbrauchsprävention dazu. 

Seit bald neun Monaten sind Sie Nationalratspräsident. Was gefällt Ihnen am Amt?
Die aussenpolitische Dimension ist ein schöner Aspekt. Zum ersten Mal ist als Nationalrat auch diplomatisches Geschick gefragt. Viele Botschafter oder Parlamentsdelegationen aus anderen Ländern – etwa aus Kasachstan oder der Volksrepublik China – besuchen uns. Es ist interessant, ihre Perspektive auf die Welt und die Schweiz kennenzulernen. Schliesslich sind wir nicht der Nabel der Welt. Ausserdem hatte ich die Gelegenheit, unter anderem in den Kosovo, nach Marokko oder in die USA zu reisen.

Gab es etwas an Ihrer Aufgabe, das Sie überrascht hat?
Eigentlich nicht. Als Vizepräsident lernt man das Amt zwei Jahre lang kennen und ist somit ziemlich gut darauf vorbereitet. Die meisten Debatten laufen in der Schweiz sehr korrekt. Bei Migrationsdebatten muss man vielleicht etwas aufmerksamer sein, weil es zu persönlichen Angriffen kommen kann. In solchen Fällen gilt es, zu intervenieren, damit der respektvolle Umgang im Parlament gewahrt bleibt. 

Können Sie ein Beispiel machen? 
Ich interveniere in einem persönlichen Gespräch, nicht öffentlich.

Mitarbeit: Johanna Wedl