Krieg in der Ukraine

«Wir haben die Hoffnung nicht verloren»

Pastor Alexander Gross lebt mit seiner Frau in der Nähe der ukrainischen Küstenstadt Odessa. Wie er die Tage mitten im Krieg erlebt und mit welchen Schwierigkeiten die Kirchgemeinde zu kämpfen hat, erzählt er im Interview.

Luftalarme sollen die Menschen in der Ukraine vor russischen Raketenangriffe warnen. Wenn, wie hier, etwa eine russische Rakete von Belgorod aus abgefeuert wird. (Bild: AP Photo/Vadim Belikov).

Herr Gross, wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?
Uns geht es gut. Das Wichtigste für meine Frau und mich ist, dass unsere beiden Töchter in Sicherheit sind. Dank einer amerikanischen Mission können sie in den USA sein. Beide werden dort zur Schule gehen können. Die Jüngere auf die Grundschule, die Ältere ans College.

Ist der Krieg in Ihrem Alltag präsent?
Ja, mehrmals am Tag wird der Luftalarm ausgelöst. Das ist für das Leben und die Arbeit sehr störend. Mittlerweile ignorieren ihn die Menschen, ansonsten kommt man zu nichts. Bis jetzt ist es zum Glück bei uns zu keinen Raketenangriffen gekommen. Anders war das in der nahe gelegenen Stadt Odessa, deren Hafen in jüngster Vergangenheit bombardiert wurde.

Wie kommen Sie mit der Arbeit in der Kirchgemeinde zurecht?
Wir haben sehr viel zu tun. Aufgrund des Krieges sind einige Mitarbeitende geflohen. Deshalb müssen die anderen umso mehr anpacken. Wir betreuen zurzeit viele Projekte. Unter anderem haben wir einen Kinderspielplatz gebaut. Auch haben wir 14 Flüchtlinge aufgenommen.

Zur Person

Alexander Gross ist Pastor und Synodepräsident der Deutsch Evangelisch Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU). Er lebt mit seiner Frau in einem Dorf in der Nähe der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Seine beiden Töchter sind in die USA geflüchtet.

Wie ist Stimmung nach fünf Monaten Krieg im Land?
Wir haben die Hoffnung noch immer nicht verloren, dass wir den Krieg gewinnen. Mittlerweile ist in vielen Regionen der Alltag zurückgekehrt. Ich war vor Kurzem in der Westukraine. Dort merkt man gar nicht, dass Krieg herrscht.

Auf internationaler Ebene sorgt der Nicht-Ausschluss der russisch- orthodoxen Kirche aus dem Weltkirchenrat für Gesprächsstoff. Was ist Ihre Meinung dazu?
Es spielt keine Rolle, ob sie ausgeschlossen wird oder nicht. Patriarch Kyrill ist das egal. Er wird so oder so Putin treu bleiben. Für mich ist die russisch-orthodoxe Kirche gar keine Kirche, sondern eine politische Partei. Sie motivieren die Menschen für den Krieg, sie führen Krieg gegen die Menschenrechte, rufen gar zum Heiligen Krieg auf. Das hat nichts mit Religion zu tun. Auch zum Dialog sind sie nicht bereit. Erst wenn die Stimmung in Russland kippt, könnten sie vielleicht ihre Position ändern. Aber danach sieht es zurzeit nicht aus.

Wie sollten die europäischen Länder die Ukraine weiter unterstützen?
Zum einen mit Waffen. Die neuen Waffen, mit denen die Ukraine auch weiter entfernte Ziele treffen können, haben uns sehr geholfen. Zum anderen ist finanzielle Unterstützung dringend. Zurzeit ist nicht genug Geld da, um alle Menschen für ihre Arbeit zu bezahlen. Das versuchen die Russen auszunutzen, in dem sie etwa ukrainische Lehrer an russische Schulen locken. Damit das nicht passiert, benötigen wir finanzielle Mittel.

Was erwarten Sie von den kommenden Monaten?
Die Lage wird sich nicht gross verändern. Wir konzentrieren uns auf den Alltag und die Kirchenarbeit. Wir werden ein Zentrum für Kinder eröffnen, deren Eltern süchtig nach Alkohol sind. Ausserdem starten wir einen Computerkurs für Teenager. Wir haben viel zu tun.