Krieg im Nahen Osten
Ein Drittel des Gazastreifens unter israelischer Kontrolle
Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz hatte Anfang des Monats angekündigt, die Armee werde grosse Gebiete im Gazastreifen erobern. Sie sollen als israelisch kontrollierte «Sicherheitszonen» dienen. Inzwischen hätten Israels Truppen etwa ein Drittel des abgeriegelten Gazastreifens eingenommen und die dortigen Bewohner vertrieben, berichtete das «Wall Street Journal». Diese Strategie unterscheide sich von der zu Beginn des Kriegs, als Israel Truppen von Ort zu Ort verlegte und erklärte, es werde kein Gebiet besetzt.
Nach UN-Angaben wurden allein zwischen dem 18. März und dem 8. April fast 400'000 Palästinenser innerhalb des Küstenstreifens vertrieben. Insgesamt leben in dem dicht besiedelten Gebiet am Mittelmeer mehr als zwei Millionen Menschen. Kürzlich beklagte das UN-Menschenrechtsbüro, die immer häufigeren Evakuierungsbefehle hätten dazu geführt, dass die Palästinenser gewaltsam in immer kleiner werdende Gebiete gedrängt werden, in denen sie kaum oder gar keinen Zugang zu Wasser, Nahrung und Unterkünften hätten.
Es droht eine Wiederbesetzung
Israel droht damit, die eroberten Gebiete auf unbestimmte Zeit unter eigener Kontrolle zu halten, um die islamistische Hamas zum Einlenken zu zwingen. Sie soll die restlichen 24 lebenden Geiseln freilassen und die Leichen der verstorbenen Geiseln übergeben. Sie waren beim Terrorüberfall der Hamas und anderer islamistischer Extremisten auf den Süden Israels am 7. Oktober 2023 nach Gaza verschleppt worden.
Die Hamas überdenke derzeit einen Vorschlag der ägyptischen Vermittler zur Freilassung von bis zu elf der 24 Geiseln sowie der Leichen mehrerer weiterer Entführter im Gegenzug für eine neue Waffenruhe von bis zu 70 Tagen, zitierte das «Wall Street Journal» ägyptische Beamte. Der Vorschlag beinhaltet auch die Forderung, dass die Hamas ihre Waffen abgibt, was die Terrororganisation zurückwies.
Netanjahu drängt auf ein Abkommen, das die Freilassung der Geiseln vorsieht, Israel aber erlaubt, den Krieg fortzusetzen, bis die Hamas vollständig besiegt ist oder von sich aus die Waffen niederlegt. Die Islamisten sind jedoch nur zur Freilassung der Entführten bereit, wenn Israel einem Ende des Kriegs zustimmt.
Kritik aus Armee und Gesellschaft
In Israel mehren sich derzeit Stimmen aus den Reihen der Armee und Gesellschaft, die Kritik am Vorgehen der Streitkräfte im Gazastreifen äussern. Der Gaza-Krieg diene politischen Interessen, bringe Geiseln und Soldaten in Gefahr und führe zu Leid und Tausenden Opfern auf beiden Seiten, heisst es in verschiedenen Schreiben von Soldaten oder bekannten Persönlichkeiten an die Regierung. Laut Medienberichten verweigern immer mehr Reservisten die Rückkehr zu den Kämpfen, weil sie etwa eine israelische Wiederbesetzung des Gazastreifens fürchten.
Netanjahus rechtsextreme Koalitionspartner fordern seit längerem eine Wiederbesiedlung des Küstenstreifens, aus dem Israel sich vor 20 Jahren zurückgezogen hat. US-Präsident Donald Trump als Netanjahus wichtigster Verbündeter sagte kürzlich, Israel hätte das «unglaublich wichtige Stück Grundbesitz» – wie er das Kriegsgebiet bezeichnet – nicht aufgeben sollen. (sda/ pef)