Von wegen verstaubt
Wer mitten in Zürich-Altstetten einen Ort abseits von Hektik und Verkehr sucht, findet ihn auf dem Hügel der reformierten Kirche. Vor dem Eingang springen Kinder um den Brunnen. Im Chilehügel-Bistro trinkt ein alter Mann Kaffee, und auf einer Parkbank unter Linden lehnt ein junges Paar Schulter an Schulter.
Matthias Berger hat die Grosse Kirche Altstetten, wie sie offiziell heisst, nicht der Idylle wegen als Treffpunkt vorgeschlagen. Berger ist Präsident der St. Lukasgesellschaft. Ein Netzwerk, das sich als Anwältin für modernen Kirchenbau und Gegenwartskunst in Kirchen versteht. Für Berger ist die Grosse Kirche eine architektonische Meisterleistung. Und ein gutes Beispiel dafür, dass moderner Geist und Kirche sich nicht ausschliessen.
Von 1939 bis 1942 erbaut, war die Kirche eine der ersten in der Schweiz, die als Zentrum konzipiert wurden. Direkt unter dem Kirchenschiff befindet sich ein grosser Veranstaltungssaal mit eigenem Zugang. Angebaut ist ein Trakt mit Sitzungszimmern, der zum früheren Sigristenhaus führt. Heute wird darin ein Bistro betrieben.
Matthias Berger, Präsident der St. Lukasgesellschaft, ist reformierter Theologe mit einem Master in Bildwissenschaft. Er arbeitet als Seelsorger in der Bahnhofkirche Zürich und schreibt nebenbei journalistische Beiträge und szenische Texte. (hz)
«Die Säkularisierung war zu jener Zeit schon weit fortgeschritten», sagt Berger. «In vielen reformierten Gemeinden war man sich einig, dass Kirche nicht allein aus Gottesdiensten und Seelsorge bestehen kann, sondern auch Erwachsenenbildung, Begegnungen und Diskussionen ermöglichen soll.»
Der Zürcher Architekt Werner Max Moser wurde diesem Bedürfnis mit einer funktionalen Bauweise gerecht. Mit klaren und kubistischen Formen setzte er moderne Akzente. «Die Kirche hat etwas Urbanes und Industrielles», sagt Berger. Das Pultdach erinnert an die Fabrikbauten der damaligen Zeit, der Turm gleicht einem Kamin.
Das Innere der Kirche ist auffällig grosszügig und hell. Nebst Holz und Stein wurde viel Beton eingesetzt. «Letzteres war damals im Sakralbau sehr ungewöhnlich», sagt Berger. Moser designte auch Möbel. Das zeigt sich an den eleganten Formen der Bänke und Lampen.
Vor einigen Jahren liess die Kirchgemeinde den Innenraum mit einem Werk von «huber.huber» bespielen. Sie störte sich an einem grossen Holzrelief, auf dem noch heute ein patriarchaler Bibel-Spruch zu lesen ist:
EINER IST EUER MEISTER
CHRISTUS
IHR ALLE ABER SEID BRÜDER
Die beauftragten Künstler-Zwillinge Markus und Reto Huber reagierten darauf mit einer Lichtskulptur, die das Wort BRÜDER mit SCHWESTERN in Neonschrift überschrieb. Die Intervention wurde am Internationalen Frauentag vom 8. März 2018 eingeweiht.
Es sei wichtig, Traditionen zu hinterfragen und weiterzudenken, sagt Matthias Berger. Gerade in reformierten Kirchen: «Nicht von ungefähr heisst es Protestantismus.» Problematisch findet Berger solche Aktionen nur dann, wenn es um reine Provokation gehe. «Provokation gelingt für mich dann, wenn sie mir genügend Raum lässt, sie zu deuten und gegebenenfalls abzulehnen.»
Die Schweizerische St. Lukasgesellschaft für Kunst und Kirche (SSL) zählt rund 250 Mitglieder aus den Disziplinen Architektur, Kunst, Theologie, Kunstgeschichte und -vermittlung. Sie wurde 1924 gegründet mit dem Ziel, den Positionen zeitgenössischer Architektur und Kunst beim Bau von Kirchen zum Durchbruch zu verhelfen. Ursprünglich eine römisch-katholische Bewegung, ist die SSL seit den 1960er-Jahren ökumenisch ausgerichtet und verfolgt heute einen überkonfessionellen Ansatz. Sie bietet Beratung beim Umbau und der Umnutzung von Kirchen oder beim Bau und der Gestaltung von Räumen der Stille. Ihr 100-jähriges Bestehen feiert die SSL von Mitte August bis Ende Jahr mit verschiedenen Veranstaltungen. Unter anderem zeigen Kunstschaffende in 30 Schweizer Kirchen ortsspezifische Interventionen. (hz)
Wenig hält Berger von spektakulären Lichtshows, die zuletzt unter anderem in der Citykirche Offener St. Jakob in Zürich zu sehen waren. «Für mich ist diese Kunstform zu plakativ. Sie arbeitet mit einer Überwältigungsstrategie, die mir wenig Freiraum lässt.»
Bei der Frage, ob Kunst in eine reformierte Kirche gehört, scheiden sich die Geister schon seit den Anfängen des Protestantismus. Mit dem Bildersturm vor 500 Jahren wurden Gemälde und Skulpturen aus vielen Kirchen entfernt oder mutwillig zerstört. Bis heute sind reformierte Kirchen von Schlichtheit und Reduktion geprägt. Das Wort hat mehr Bedeutung als das Bild. Was kann Gegenwartskunst unter solchen Voraussetzungen leisten? Braucht es sie überhaupt, wenn man im Alltag schon genug visuellen Reizen ausgesetzt ist?
Eine gewisse Skepsis gegenüber Bildern sei gesund, findet Berger. «Bilder können auch etwas Manipulatives haben. Aber wir leben heute in einer bilderreichen Zeit, wir haben uns daran gewöhnt.» Er stelle zudem ein Bedürfnis nach mehr sichtbaren Impulsen fest – auch in reformierten Kirchen. Diese seien dafür geeignet, gerade weil sie oft unverbraucht wären und dadurch Raum für Kunst liessen.
Ein gutes Beispiel, was ein zeitgenössisches Werk in einer reformierten Kirche leisten könne, sei in Jegenstorf bei Bern zu sehen. Dort lässt Frantiček Klossner, Schweizer Künstler und einst Mitglied der St. Lukasgesellschaft, aus einem Trichter an der Decke Wasser in das Taufbecken tropfen. Die Tropfen fallen in unregelmässigen Zeitabständen, sodass man den Moment oft verpasst.
Die «Quelle von oben» bleibt erkennbar, entzieht sich aber gleichzeitig dem Zugriff. «Dies kann man durchaus symbolisch verstehen», sagt Berger: «Mir gefallen Werke, die sichtbar sind, aber auf etwas verweisen, das jenseits des Sichtbaren ist.» Klossner nehme gleichzeitig die reformierte Bilderskepsis auf und beweise, dass der Verzicht auf Bilder zu kreativen und gescheiten Neuschöpfungen führen könne.
Nebst Beratungen beim Umbau und der Umnutzung von Kirchen wird die St. Lukasgesellschaft immer häufiger auch für die Gestaltung von Räumen der Stille beigezogen: etwa in Pflegezentren und Spitälern. Einer, an dem die Gesellschaft zwar nicht beteiligt war, der Berger jedoch besonders überzeugt, ist jener im Kirchgemeindehaus Männedorf ZH.
Die Wände und die tieferliegende Ebene hat die Genfer Künstlerin Carmen Perrin dezent mit einem Liniennetz überzogen, das sich am sogenannten Marteloire orientiert: eine kartographische und aus der Seefahrt stammende Navigationshilfe. Die Linien sollen helfen, einen in die Mitte und die Stille zu führen. Auch das kann Kunst leisten.