Klimakrise

Von der anderen Hälfte der Wahrheit

Alt-Bundesrat Christoph Blocher argumentiert, alles sei gottgegeben – auch der Klimawandel. Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist hält in diesem Gastbeitrag dagegen.

Es gibt unterschiedliche Auslegungen der Bibel, auch über Fragen, die den Umgang des Menschen mit der Natur betreffen. (Bild: Gaëtan Bally/ Keystone)

Alt-Bundesrat Christoph Blocher endet in einem Interview über den Klimaschutz in der «NZZ am Sonntag» mit seiner Glaubenseinsicht: «Die wichtigsten Ereignisse, die Geburt und der Tod, liegen nicht in unserer Hand. Wann es eine Apokalypse gibt, entscheiden nicht wir.» Es sei «alles Gottes Gnade», folgern die Journalisten, worauf Blocher «So ist es» antwortet. So sicher, wie das Amen in der Kirche.

So sicher wie das Amen auf der Kanzel, so sicher wie das Amen im Kirchenschiff. Menschen beten individuell während der Wochentage. Am Sonntag betet die Gemeinde im Gottesdienst gemeinsam. Und immer geht es um Gerechtigkeit, Frieden – und die Bewahrung der Schöpfung.

Politisch debattieren

«Es ist alles Gottes Gnade» das heisst: Geburt und Tod liegen in Gottes Hand. Das ist die eine Hälfte der Wahrheit. «Alles ist dem Menschen unter die Füsse gelegt» (Psalm 8,7) heisst aber: Die Verantwortung gegenüber allen Leben, das geboren wird und stirbt, liegt in der Hand des Menschen. Das ist die andere Hälfte der Wahrheit.

Beides sind die zwei Seiten derselben Medaille. Der zweiten Seite haben sich von der reformierten Tradition geprägte Menschen besonders angenommen. Argumentiert ein Politiker aus seinem Glauben heraus theologisch, hat ein Pfarrer in seiner Existenz als Citoyen politisch zu debattieren.

« Gottes Gnade und die Verantwortung des Menschen sind mit zwei Stimmgabeln zu vergleichen. »

Vor 500 Jahren reformierten in Zürich Pfarrer wie Ulrich Zwingli oder Heinrich Bullinger, sein Nachfolger, die Kirche, indem sie die Gesellschaft transformierten. Die Zusage göttlichen Rechts spiegele sich im Schutz menschlichen Rechts, schrieben sie.

Zur Person

Christoph Sigrist ist seit rund zwanzig Jahren reformierter Pfarrer am Grossmünster in Zürich. Daneben unterrichtet er Diakoniewissenschaft an der Universität Bern und ist Mitglied des Stiftungsrats des Hilfswerks der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) und Präsident der Stiftung Urbane Diakonie.

Sigrist verfasst immer wieder Gastbeiträge, unter anderem hat er bereits für die «Neue Zürcher Zeitung» geschrieben. Im Februar 2024 möchte er seine Stelle abgeben, um Platz zu machen für jüngere Kräfte und sich auf seine Arbeit in der Diakonie zu konzentrieren. (jow)

Christengemeinde und Bürgergemeinde gerieten in Resonanz, lehrte Jahrhunderte später der Theologe Karl Barth im zweiten Weltkrieg. Zusammen mit dem Flüchtlingspfarrer Paul Vogt, der Flüchtlingsmutter Getrud Kurz und vielen anderen in Kirche und Zivilgesellschaft trat er gegenüber der Flüchtlingspolitik des Bundesrats politisch in Widerstand.

Gottes Gnade und die Verantwortung des Menschen sind mit zwei Stimmgabeln zu vergleichen. Beide sind aufeinander abgestimmt. Wird die eine Stimmgabel leiser oder bewusst gedämmt, erklingt die andere. Der Klang, den beide Gabeln erzeugen, wird durch die Reibung von Unrecht, Krieg und Zerstörung der Schöpfung in Obertöne gebrochen.

Position beziehen

Für Christinnen und Christen gilt: So sicher wie das Amen nach dem Gebet in der Kirche ist der politische Kampf gegen die Armut draussen vor dem Gerede: «So ist es halt!» «Es ist halt schwierig!» Nicht nur beim Schutz des Klimas sind öffentliche Stellungsnahmen und Taten von Christinnen und Christen wie auch von kirchlichen Leitungsverantwortlichen gefragt.

Wenn das Unrecht bis in den Himmel schreit, der Krieg seine Bomben vom Himmel fallen lässt, können wir nicht schweigen und die Hände in den Schoss legen. Warum? Weil dem Menschen von Gott alles unter die Füsse gelegt ist, um es zu bewahren, zu schützen und zu gestalten.

« Erst wer vertraut, dass Geburt und Tod in Gottes Händen liegen, bekommt die eignen Hände frei für die wichtigsten Ereignisse. »

Der Einsatz für den Schutz des Klimas, der Kampf gegen Armut und die Arbeit für den Frieden ist nicht der Feind der Gnade Gottes, sondern der Raum, in dem sich die Gnade Gottes offenbart. Gottes Gnade bedeutet: Erst wer vertraut, dass Geburt und Tod in Gottes Händen liegen, bekommt die eignen Hände frei für die wichtigsten Ereignisse. Dann wird der Mensch befreit, die Geburt zu schützen und gutes Leben zu ermöglichen.

Dazu möchte ich zwei «Mutanfälle» stellen (eine Wortschöpfung der feministischen Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle) aus dem Grossmünster Zürich

In das aufliegende Gebetsbuch schreibt jemand angesichts der permanenten Krise, global in der Welt und lokal an Ort, im August vergangenen Jahres: «Ich wünsche mir, dass wieder Frieden einkehrt – in Europa und anderswo. Und ich hoffe, dass das Gute die Menschen aufklärt und Vernunft und Umsicht über Populismus und Propaganda siegen werden, damit die Umwelt gerettet werden kann.»

Seit bald einem Jahr, seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine, bekennt die Gemeinde in jedem Gottesdienst im Grossmünster zusammen mit mir unseren Glauben, aufgeschrieben im Gesangsbuch: «Ich glaube an Gottes Verheissung, die Macht der Sünde zu brechen und sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens zu errichten. Ich bestreite, dass Krieg, Armut und Hunger unvermeidbares Schicksal sind. Ich behaupte, dass Gott die Entstellung seiner Welt nicht hinnimmt.»

So ist es.