Kirchenpräsidentin
«Kirche kann nicht anders als politisch sein»
Frau Tietz, vor Ihrer Wahl haben Sie Ihrer Kirche eine Liebeserklärung abgegeben. Hält die Verliebtheit noch an?
Auf jeden Fall. Die ersten Wochen waren eine unheimlich spannende Zeit. Es ist toll, so viele verschiedene Menschen und so vielfältige Arbeitsbereiche kennenzulernen.
War der Wechsel von der Uni in die Kirchenpolitik ein Sprung ins kalte Wasser?
Nein, denn zum einen habe ich mich vorher schon ehrenamtlich in Kirchenämtern engagiert und sass in verschiedenen Gremien. Kirchenpolitik ist mir also nicht fremd. Zum anderen verstehe ich mein Amt als Kirchenpräsidentin auch als geistliches Amt. Hier kann ich meine Kompetenzen aus meiner Arbeit als Theologin gut einbringen. Hinzu kommt, dass ich als Professorin Theologie immer mit einem starken Kirchenbezug betrieben habe.
Inwiefern kommt Ihnen nun Ihre Arbeit als Theologin zugute?
Zu meinen Aufgaben als Kirchenpräsidentin gehört es, zu theologischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen Stellung zu nehmen. Ein Beispiel: Gerade war ich an einer Tagung zum Thema Jugend und Künstliche Intelligenz. Dort konnte ich auch meine theologische Perspektive auf den Umgang mit neuen Technologien einbringen. Aber auch viele Prozesse in der Kirche wollen theologisch begleitet werden. Zum Beispiel, wie wir die Kirche der Zukunft denken können.
Christiane Tietz (57) studierte Mathematik und Theologie in Frankfurt am Main und Tübingen. Mehrere Jahre war sie Professorin für Systematische Theologie an der Universität Mainz, bevor sie 2013 nach Zürich wechselte. Tietz hatte diverse Kirchenämter inne, unter anderem im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Im Herbst 2024 wurde sie als erste Frau an die Spitze der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gewählt. Christiane Tietz ist verheiratet und lebt in Darmstadt. (no)
Welche Themen werden Sie in nächster Zeit besonders beschäftigen?
Unsere Kirche befindet sich ähnlich wie die reformierten Kirchen in der Schweiz in einem Transformationsprozess. Das bedeutet, dass Gemeinden vermehrt zu grösseren Einheiten zusammengeführt werden. Dabei verändert sich auch der Pfarrberuf. Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten nicht mehr allein, sondern in multiprofessionellen Teams. Besonders am Herzen liegt mir, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu unterstützen. Heute ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder in den Familien mit der religiösen Tradition in Berührung kommen. Umso wichtiger ist es, dass die Kirchen dieses Wissen und die Möglichkeit für Glaubenserfahrungen vermitteln.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Umgang mit sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche. Wie weit ist die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau bei dem Thema?
Wir haben schon seit etlichen Jahren eine sehr gut aufgestellte Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt. Uns ist wichtig, an dem Thema dranzubleiben. Mit Fortbildungen und Schulungen wollen wir erreichen, dass die hohe Sensibilität und Sprachfähigkeit auf allen Ebenen der Kirche noch besser wird.
In der EKD ist man bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt schon weiter als in den reformierten Kirchen in der Schweiz. Können die Reformierten Lehren aus den Erkenntnissen in Deutschland ziehen?
Wichtig scheint mir, dass die Betroffenen ihre Perspektive einbringen können und an den Prozessen beteiligt werden. In der EKD ist dafür ein Beteiligungsforum eingerichtet worden, ohne das keine kirchenpolitischen Entscheide getroffen werden. Und auch bei uns auf der Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt arbeiten Betroffene mit.
Ihre Wahl als Kirchenpräsidentin fällt in eine Zeit der politischen Polarisierung. Darf Kirche selbst als politischer Akteur auftreten?
Kirche kann gar nicht anders als politisch sein. Wenn wir das Evangelium ernst nehmen, müssen wir uns auch zu politischen Entwicklungen äussern – etwa dann, wenn wir die Menschenwürde nicht mehr ausreichend geachtet sehen oder Menschen als Gruppe pauschal abgewertet werden. Das heisst aber nicht, dass wir parteipolitisch unterwegs sein sollen. Ich bin der Meinung, dass Christinnen und Christen unterschiedliche parteipolitische Überzeugungen haben können.
Einige Landeskirchen haben AfD-Mitglieder von Leitungsämtern ausgeschlossen. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Meine Haltung ist eindeutig: Rassistische und antisemitische Positionen oder Haltungen, bei denen andere wegen ihrer Religion oder Herkunft ausgegrenzt werden, sind nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar. Insofern bin ich der Meinung, dass AfD-Mitglieder nicht für die Kirche sprechen können und sie nicht nach aussen vertreten dürfen.
Sie haben die letzten zwölf Jahre in der Schweiz gelehrt. Was waren die spannendsten Erfahrungen für Sie?
Zu den spannendsten Projekten, die ich in dieser Zeit realisiert habe, gehört meine Karl Barth-Biografie. Das Spezielle daran war, dass ich in Horgen am Zürichsee gewohnt habe. Das ist die Nachbargemeinde von Oberrieden, wo Barth oft seine Sommerferien verbracht und grosse Teile seines Werks geschrieben hat.
Was fasziniert Sie an Karl Barth?
Mich fasziniert sein Gottesbild. Barths Gott ist ein Gott, der sich vom Menschen und allem Weltlichen radikal unterscheidet. Barth entwarf diese Vorstellung während des Ersten Weltkriegs, als die Deutschen behaupteten, Gott stehe auf ihrer Seite. Gleichzeitig ist Barths Gott dem Menschen zugewandt. Er ist menschenfreundlich und kein Tyrann, vor dem man sich in den Staub werfen muss. Diesen Gedanken nehme ich in meine jetzige Tätigkeit mit.