Digitalisierung
KI hilft bei der Suche nach Schiffbrüchigen
Künstliche Intelligenz kann man für Vieles einsetzen: Hausaufgaben schreiben, Ferien planen, absurde Bilder erstellen, Kinofilme drehen oder den Stadtverkehr überwachen. An der Universität im norddeutschen Lübeck arbeiten Forschende daran, mithilfe von KI Schiffbrüchige schneller zu finden.
Mit im Boot sind die Bundeswehr und die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Gerade Mitglieder letzterer wissen, wie schwierig es ist, mit blossem Auge Menschen zwischen den Wellen zu entdecken: Die Wasseroberfläche ist grau, die Köpfe Schiffbrüchiger heben sich wenig davon ab. Manchmal schwimmen Holzstücke, Bojen oder Kanister herum und machen die Bestimmung noch schwieriger.
So wird die KI eingesetzt
Auch für Retter, die sich im Hubschrauber oder Flugzeug an einer Suche beteiligen, ist die Aufgabe ähnlich schwierig. Ein Computerprogramm hingegen kann durch maschinelles Lernen Muster und Strukturen schneller und sicherer erkennen, als das menschliche Auge. Das ist der Ansatz der Forschenden.
Sie wollen dafür sorgen, dass «in Zukunft verstärkt KI-gestützte Assistenzsysteme» in der Seenotrettung eingesetzt werden, wie es im Projektbeschrieb formuliert wurde. Nun arbeiten sie daran, Algorithmen zu entwickeln, die Datenquellen wie Infrarot- und Radarbilder in Kombination auswerten, die Position der Schiffbrüchigen bestimmen und die Angaben an die Retter weiterleiten können.
Um das zu erreichen, wird das KI-Modell mit unzähligen Bilder gefüttert: Surfbretter, Robben, Bojen – und Menschen im Wasser. Auch bei stürmischer See soll die Maschine Menschen von Treibgut zuverlässig unterscheiden können.
Das sagen die Retter
«An sich ist das eine gute Sache und es lohnt sich, die Entwicklung zu beobachten», sagt Ruben Neugebauer. Er arbeitet bei der deutschen Seenotorganisation Sea-Watch und ist Vorstandsmitglied der Schweizer Human Pilots Initiative (HPI) aus dem Kanton Appenzell Ausserhoden. Er fliegt auch selbst Einsätze über dem Mittelmeer und hat sich immer wieder Hilfsmittel gewünscht: «Ich habe oft genug Menschen unter mir ertrinken sehen und wenn ich mir das ersparen kann, habe ich nichts dagegen.»
Projekte, die in eine ähnliche Richtung gingen wie heute «PosAIdon» habe es bereits vor zehn Jahren gegeben. Mit den rasanten Fortschritten in der Drohnentechnologie würden sich nun neue Möglichkeiten eröffnen, sagt Neugebauer. Er hofft auf günstige Drohnen mit leistungsstarkem Akku, Sensoren, einer KI an Bord und direkter Übermittlung der Daten an die Retter. «Doch das ist Zukunftsmusik», sagt er. Aktuell werde eher Grundlagenforschung betrieben und das menschliche Auge sei der KI-Bilderkennung noch überlegen.
Dass das Interesse von Organisationen wie Sea-Watch gross ist, zeigt ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit. Um ein ähnliches Projekt wie «PosAIdon» zu unterstützen, an dem in Berlin gearbeitet wird, haben die Seenotretter ein echtes Flüchtlingsboot aus dem Mittelmeer in die deutsche Hauptstadt gebracht. «Normalerweise versenken wir sie, nachdem wir die Menschen gerettet haben», erklärt Neugebauer. Dieses Boot allerdings verankerten sie in einem der vielen Seen Berlins. Die Forschungsgruppe konnte damit ihre Tests durchführen.
Das sind die Hürden
Die Aufbruchsstimmung unter den KI-Startups ist gross, die Rettungsorganisationen warten sehnlich auf die Technologie, die Drohnenentwicklung geht – auch aufgrund des Kriegs in der Ukraine, der zu wesentlichen Teilen mit Drohnen geführt wird – in Sprüngen voran.
Weshalb bremst Neugebauer die Euphorie? Es liegt an der Politik und administrativen Auflagen. «Drohnen dürfen nicht in allen Lufträumen fliegen, für eine Kamera braucht es eine Bewilligung und sobald man Oberflächenradar oder multispektrale Kameras einsetzt, braucht man für jeden Start eine Genehmigung», erklärt er. Nichtsdestotrotz sei die KI-gestützte Suche nach Ertrinkenden «die richtige Stossrichtung».