Konversion

Katholischer Seelsorger wechselt zu den Reformierten

Er nennt es eine Gewissensentscheidung: Matthias Wenk sagt der katholischen Cityseelsorge in St. Gallen Adieu und wird ab April für die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde St. Gallen Centrum arbeiten. Dort wird er mit offenen Armen empfangen.
Matthias Wenk ist heute katholischer Seelsorger in St. Gallen und übernimmt bald eine evangelisch-reformierte Pfarrstelle als Stellvertreter. (Bild: Katholische Kirche im Lebensraum St. Gallen)

Als Hansdampf in allen Gassen könnte man Matthias Wenk bezeichnen. Der katholische Seelsorger hält bei Radio SRF Radiopredigten. Er wendet sich auch in den Sozialen Medien an seine Mitmenschen. Auf Instagram postet er beispielsweise ein Unterstützungsvideo für die beiden Pfarrpersonen, die in Deutschland ins Visier der AfD geraten sind (ref.ch berichtete). Oder er lädt ein Bild eines Brotlaibs hoch und schreibt dazu: «30 Sekunden ausruhen – mal abschalten – vielleicht geht es hiermit?! – Frisch gebackenes Brot: sein Duft erfüllt die ganze Wohnung.»

Die katholische Kirchgemeinde St. Gallen beschreibt Wenk als innovativ und als einen, der neue Formate «mit Verve» ausprobiere. Elf Jahre hat der 48-Jährige im Bistum St. Gallen gearbeitet, davon sechs in der katholischen Cityseelsorge St. Gallen. «Er war oft in den Gassen der Stadt unterwegs, wo er in Kontakt mit Menschen trat», schreibt die Katholische Kirche im Lebensraum St. Gallen in einer Mitteilung.

Nun kommt es zu einer Veränderung für Wenk: Er verlässt die Cityseelsorge, um zur Cityseelsorge zu gehen – aber zur neu geschaffenen der Reformierten.

Mit Strukturen gerungen

Der beliebte und stadtbekannte Seelsorger wechselt also Konfession und Arbeitgeberin. Er habe sich den Entscheid nicht leicht gemacht, heisst es in der Mitteilung. Schliesslich habe er bei der Arbeit im Bistum St. Gallen gute Erfahrungen gesammelt. Doch Wenk hat seit längerer Zeit mit den Strukturen der römisch-katholischen Kirche gerungen. Und trotz allem sei die katholische Kirche in St. Gallen auch Teil dieser Struktur.

«Ich möchte als Seelsorger und Theologe im Dienst der Menschen stehen. In der evangelisch-reformierten Kirche kann ich das mit gutem Gewissen und glaubwürdig tun», erklärt Wenk. Seine Konversion bezeichnet er deshalb als Gewissensentscheidung.

Ab April wird er Pfarrstellvertreter in der Kirche Riethüsli, die seit 2019 von Reformierten und Katholiken gemeinsam genutzt wird. In einem Teilzeitpensum arbeitet er – wie erwähnt – für die evangelisch-reformierte Cityseelsorge in den Gassen der Stadt. Da ist er wieder, der Hansdampf.

Seltener Wechsel

Personen in kirchlichen Positionen, die ihre Konfession gewechselt haben, gibt es in der Schweiz wenige. Auf Anfrage von ref.ch nennt Stephan Jütte, Leiter Kommunikation Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS), den Organisten der Offenen Kirche St. Jakob in Zürich. Sacha Rüegg wuchs katholisch auf, identifizierte sich mit den Jahren aber stärker mit der reformierten Kirche (ref.ch berichtete). Josef Hochstrasser war katholischer Priester, heiratete, wurde deshalb mit einem Berufsverbot belegt und studierte anschliessend reformierte Theologie. «Ab 1989 war er Pfarrer», sagt Jütte. Systematisch erfasst die EKS solche Wechsel jedoch nicht.

Wenks Entscheid sei Ausdruck seiner Gewissensfreiheit, meint Jütte, und seines Wunsches, in einer Kirche tätig zu sein, mit der er sich identifizieren könne. «Solche Wechsel bereichern die Kirche durch neue Perspektiven und Erfahrungen», sagt Jütte. Die EKS begrüsst diesen Schritt.

Für den EKS-Sprecher zeigt sich im Seitenwechsel des St. Galler Seelsorgers, wie nah sich die Kirchen in der konkreten praktischen Arbeit sein können. Er bezeichnet ihn auch als «Beispiel für den Dialog und die Zusammenarbeit» zwischen Reformierten und Katholiken. Seit Jahrzehnten sei die Konfessionsgrenze durchlässiger geworden. Jütte sagt: «Als Schwesterkirche bieten wir Hand, aber wir strecken sie nicht aus, um Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter abzuwerben.»

Matthias Wenk beginnt in rund zwei Monaten als Angestellter der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde St. Gallen Centrum. Damit startet auch das zweijährige Probeverfahren. Endet dieses positiv, wird die Kirchgemeindeversammlung Wenk als evangelisch-reformierten Pfarrer wählen können.

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