«Jesus war ein Besser-Wisser»

Der Autor Josef Hochstrasser hat sich Kirchenbundspräsident Gottfried Locher an die Fersen geheftet und ihn zum Reden gebracht. Das daraus entstandene Buch über Gottfried Locher zeigt, wie dieser tickt.

Gottfried Locher.
Gottfried Locher. (Bild: Ausschnitt Buchcover)

Im Berner Münster waren die beiden, in einem Asyl-Empfangszentrum oder an einen Fussballmatch. Und immer haben sie geredet – über Gott, Suizid, Migration, Sex oder Sport. Hochstrasser ist als ehemals katholischer, jetzt reformierter Pfarrer ein guter Sparringpartner für Locher, zudem ist er auch publizistisch kein Unbekannter («Religion ist heilbar», bekannt auch seine Hitzfeld-Biographie). Locher redet bei Hochstrasser nichts schön. Er benennt Brüche und Widersprüche, sie scheinen sein theologisches Denken sogar zu befeuern. Mit dem Wort Solidarität hat er zum Beispiel Mühe: «Ich weiss nie genau, was man damit meint. Wenn du im Dreck steckst und ich stelle mich zu dir, dann stecken wir beide im Dreck. Bin ich jetzt solidarisch? Oder wenn ich zurufe: ‹Nur Mut, ich denke an dich dort unten im Dreck›, bin ich dann solidarisch?»

Reiche brauchen Arme

Locher bevorzugt deshalb das Wort Nächstenliebe: «Weder euphorisch gleich mit in den Dreck springen, noch distanziert lächelnd zuwinken und zuschauen. Stattdessen Brücken bauen und Hand reichen.» Es gehe um den Ausgleich, den er so auf den Punkt bringt: «Arme brauchen Reiche zum materiellen Überleben. Reiche brauchen Arme zum spirituellen Überleben.» Zu Recht konstatiert Hochstrasser, dass Locher nicht pfarrherrlich um den heissen Brei herumredet, zum Beispiel beim Thema Prostitution: «Christen, welche die Prostituierten verabscheuen, müssen sich fragen, wie sie noch zu jener Gemeinschaft gehören können, die Jesus im Sinne eines geschwisterlichen Umgangs miteinander ins Leben gerufen hat», so Locher. Und er geht noch weiter: «Sexuell unbefriedigte Männer sind unruhige Männer . . . Als Mann ahne ich von mir selber, dass Gewalt Lust verschaffen kann. Befriedigte Männer sind friedlichere Männer. Darum sage ich, wir sollten den Prostituierten dankbar sein. Sie tragen auf ihre Art etwas zum Frieden bei.» Es sei nicht gut so, aber es sei so. Diese Sätze gehen wahrscheinlich nicht jeder frommen Seele gleich gut runter.

Über die Versuchung

Hochstrasser leistet gute Hebammendienste: Seine quirlige Art fordert den Präsidenten heraus, treibt ihn zu Aussagen, die manchmal Aphorismusqualität haben: «Wer immer nur an sein Ende denkt, hat nie richtig gelebt. Wer nie an sein Ende denkt, auch nicht», sagt Locher. Oder: «Die Freiheit der Jungen hat einen Preis. Den bezahlen die Alten.» Hier ist oft ein Quer- und Neudenker am Werk, zum Beispiel bei der Versuchung, die Locher nicht verteufelt, sondern als Kreativitätsmotor anerkennt: «Versuchungen sind unverzichtbare Impulse. Sie reizen, inspirieren, machen mich kreativ. Versuchungen sind Triebfedern für Faule.» Es seien die grossen und kleinen Verlockungen, die das Gewissen ständig in Betrieb hielten. Und da kann es nicht überraschen, dass auch Jesus nicht einfach der gute, liebe Mann ist: «Wer von sich sagt, er sei die Wahrheit, ist ein etwas schwieriger Gesprächspartner. Der Mann aus Nazareth sah sich als Wegweiser. Im wörtlichen Sinn ein Besser-Wisser.» Und auch Gott ist nicht einfach klar. «Wer Gott sagt, spricht von etwas, wozu er nichts zu sagen hat . . . Jedes Gottesbild ist ein Skandal für die Vernunft.» Und damit sei Gott «eine Kampfansage an den in sich selbst verliebten Intellekt». Das macht auch ihm, dem manchmal wohl ebenfalls eitlen Präsidenten, keine Freude: «Ich habe sozusagen theologische Kopfschmerzen, die ein reiner Humanist ohne Gottesglaube bestimmt nicht erleiden muss.»

«Frauen, Freiheit, Kohle, Karriere»

Locher, dem Hochstrasser einen optimistischen Skeptizismus bescheinigt, nimmt sich Zeit für seine Antworten, er gibt auch zu, wenn er etwas nicht weiss. Bei der Theodizee versucht er schon gar nicht, sich einen Reim darauf zu machen. Auch vom privaten Locher erfährt man einiges. Er sei ein typischer junger Mann gewesen, mit den vier Träumen junger Männer: «Frauen, Freiheit, Kohle, Karriere.» Und über seine Untugenden meint er: «Heikel wird es immer dann, wenn ich unter Zeitdruck stehe. Dann kann ich harsch reagieren. Worte können verletzen. Hinterher tut es mir immer schrecklich leid.»
Zwar ist er Präsident des Kirchenbundes, aber dieses Amt hat ihm die Sprache offensichtlich nicht «verschlagen», wie dieses Buch zeigt. Da sind keine blutleeren Funktionärsfloskeln, kein diffuses theologisches Geraune, keine abstrakten wissenschaftlichen Schachtelsätze. Der Präsident weiss zu reden und damit auch zu überzeugen.

 

Josef Hochstrasser: Gottfried Locher. Der «reformierte Bischof» auf dem Prüfstand. Zytglogge-Verlag 2014. 168 Seiten, Fr. 32.–.

 


 

Buchvernissage: Gottfried Locher im Gespräch mit Josef Hochstrasser am Dienstag, 11. November um 20 Uhr an der Spitalgasse 47/51, Buchhandlung Thalia, Bern.