Jüdische Fundamentalisten wollen wieder in Gaza siedeln
Die Siedlerbewegung in Israel will nach den Worten des langjährigen Israel-Korrespondenten der ARD, Richard C. Schneider wieder in Gaza siedeln. Die Räumung der jüdischen Siedlungen im Gaza-Streifen 2005 sei für die religiös motivierte Siedlerbewegung traumatisch gewesen, erklärte der Filmemacher und Autor auf der Konferenz «Der 7. Oktober» des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Die jüdischen Fundamentalisten strebten die Besiedlung ganz Palästinas als «Land Israel» an, um der erhofften Wiederkehr des Messias den Weg zu bereiten. Nun sähen sie im gegenwärtigen Krieg gegen die Hamas die Gelegenheit, den «Fehler» der Räumung von Gaza rückgängig zu machen.
Zehntausende Menschen haben am Sonntagabend in Jerusalem gegen die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu demonstriert. Die Teilnehmer forderten den Rücktritt des rechtskonservativen Politikers sowie sofortige Neuwahlen. Laut israelischen Medien handelte es sich um den grössten Protest gegen die Regierung seit Ausbruch des Krieges zwischen Israel und der islamistischen Terrororganisation Hamas Anfang Oktober.
Die Regierungsgegner haben ein Protestcamp mit rund hundert Zelten errichtet, das nach Angaben der Demonstranten in den kommenden vier Tagen weiter wachsen soll. An den Aktionen sind verschiedene israelische Gruppen beteiligt, darunter Teile der Protestbewegung, die im letzten Jahr Massenproteste gegen die Justiz-Reformen organisiert hatten.
Unter den Demonstranten, die sich vor dem israelischen Parlament versammelten, waren zahlreiche Angehörige der noch immer im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln. Die Teilnehmer forderten eine Wiederaufnahme der Verhandlungen mit der radikalislamischen Hamas und eine sofortige Freilassung der Geiseln. Die letzten Gespräche zwischen der israelischen Regierung und der Hamas waren vor etwa einer Woche gescheitert. (epd/ pef)
Die religiöse Ideologie der Siedler spiele heutzutage eine wichtige Rolle in Israel, erklärte Schneider. Nach dieser sei «das Land von entscheidender Bedeutung zur Erlösung». Das Konzept des messianischen Judentums sei ein völlig anderes als das Konzept des Zionismus von Theodor Herzl, dem es um politische Unabhängigkeit der Juden und damit um Freiheit gegangen sei. Heute habe sich in Israel das religiöse Konzept von Freiheit als Erlösung durchgesetzt. Die Siedler hätten ihren «Marsch durch die Institutionen» gemacht und stellten Koalitionspartner in der derzeitigen Regierung. Ihr Denken bestehe darin: «Wenn das ganze Land gewonnen wird, kommt der Messias, und alles wird gut.»
Viele Israelis hofften, dass die Regierungskoalition von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach Beendigung des Krieges in Gaza am Ende sei, sagte Schneider. Aber dann gebe es die Ideologie der Siedler weiterhin. Diese wollten keine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern. «Ich sehe noch lange nicht, wie ein israelischer Premier die Siedlungen auflösen könnte, selbst wenn er wollte, ohne ein Blutbad auszulösen», sagte der Journalist. «Und wenn jetzt Gaza nicht wiederbesiedelt wird, wird die Aggression der Fundamentalisten wachsen.» Der säkulare Teil Israels werde es sehr schwer haben. Die Juden in anderen Ländern müssten ihren Einfluss für die säkulare Demokratie in Israel geltend machen.
Die jüdischen Fundamentalisten unterschieden sich jedoch stark von den islamischen Fundamentalisten der Hamas, erklärte Schneider. Die Siedler übten zwar Gewalt gegen Palästinenser aus, um sie zu vertreiben, sie verübten aber keine Massaker an Frauen und Kindern. Die Hamas als palästinensischer Ableger der Muslimbruderschaft hingegen wolle die Juden vernichten. Die Muslimbruderschaft habe den «eliminatorischen Antisemitismus» der Nazis übernommen, dass die Juden das Böse schlechthin seien und vernichtet werden müssten, um die Welt zu erlösen. Ein solches Denken gebe es umgekehrt in der jüdischen Siedlerbewegung nicht. (epd/ pef)