Krieg im Nahen Osten
«Für das Regime geht es ums Überleben»
Herr Rezaei-Tazik, stehen Sie derzeit noch in Kontakt mit Menschen im Iran?
Seit Kriegsausbruch ist das schwierig geworden. Viele Kontakte sind eingeschränkt oder ganz abgebrochen. Einigen Menschen gelingt es, sich Zugang zum Internet zu verschaffen. Videos deuten darauf hin, dass sich Teile der Bevölkerung offen über den Tod des Revolutionsführers Ali Khamenei freuen.
Heisst das, dass viele Menschen im Iran den Angriff auf ihr Land befürworten?
Viele Iranerinnen und Iraner haben – insbesondere nach dem Massaker an den Protestierenden am 8. und 9. Januar 2026 – Angriffe auf das Regime zunehmend begrüsst, in der Hoffnung, dass dieses gestürzt wird. Der Grund liegt auf der Hand: Alle friedlichen Protestbewegungen der letzten 47 Jahre wurden unterdrückt. Einige setzen das Regime mit dem nationalsozialistischen Regime in Deutschland gleich und erhoffen sich von den US-Angriffen ihre Befreiung.
Mahdi Rezaei-Tazik (42) ist ein iranisch-schweizerischer Politikwissenschaftler und Iranist. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Geschichte der Religionskritik im Iran. Er ist als assoziierter Forscher an der Universität Bern tätig. (no)
Welche strategischen Ziele verfolgen Ihrer Meinung nach die USA und Israel?
In der Aussenpolitik spielt Moral meist nur eine untergeordnete Rolle. Israel will ein Regime loswerden, das seine Existenz fortwährend infrage stellt, und die USA streben ein prowestliches politisches System im Iran an. In einem Punkt scheinen sich die Interessen des iranischen Volkes, Israels und der USA zu überschneiden – nämlich hinsichtlich eines möglichen Sturzes des Regimes. Ob Israel und die USA langfristig wirklich auf den Kronprinzen der letzten Dynastie, Reza Pahlavi, setzen würden – der bei einem Teil der Bevölkerung Rückhalt hat und dessen Name auf den Strassen Irans gerufen wurde – oder ob sie sich nach dem Sturz des Regimes von ihm abwenden und eine andere politische Lösung bevorzugen, ist weiterhin offen.
Wie stehen Ihrer Meinung nach die Chancen, dass das Regime gestürzt wird?
Derzeit schätze ich die Chancen als eher gering ein. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden weder die USA noch Israel Bodentruppen in den Iran entsenden. Zudem sind bislang keine sichtbaren Risse innerhalb der Führung der Revolutionsgarden erkennbar, obwohl zahlreiche hochrangige Vertreter durch Angriffe ausgeschaltet wurden oder weiterhin werden.
Rechnen Sie damit, dass sich das Volk gegen das Regime erheben wird?
Bislang sehe ich keine klaren Anzeichen dafür, dass die Bevölkerung massenhaft auf die Strasse geht. Sowohl Donald Trump als auch Reza Pahlavi haben die Menschen bisher nicht zu Demonstrationen aufgerufen, wohl um ihre Sicherheit angesichts der Bombardierungen nicht zu gefährden. Auch das Regime scheint seine Strategie angepasst zu haben: Zunächst tendierte es dazu, die Bevölkerung zur Abreise aus grossen Städten zu bewegen, um mögliche Aufstände zu verhindern. Inzwischen dementiert es dies und plädiert dafür, in den Städten zu bleiben. Dennoch kann sich die Lage rasch ändern. In vielen Diktaturen gelten Systeme – um ein oft zitiertes Wort von Hannah Arendt aufzugreifen – noch 15 Minuten vor ihrem Sturz als stabil.
Inzwischen haben sich weitere Akteure wie die Hisbollah in den Konflikt eingeschaltet. Wie gross ist die Gefahr eines Flächenbrandes?
Ein solcher ist nicht ausgeschlossen. Das Regime hat sich in der Vergangenheit selten berechenbar oder zurückhaltend verhalten. Es geht um sein Überleben, dafür wird es alles unternehmen.
Wie nehmen iranische Exilanten in der Schweiz die Situation wahr?
Auch sie sind gespalten. Monarchisten sowie ein Teil der Republikaner, die die Führungsrolle von Reza Pahlavi für eine Übergangsphase akzeptieren, haben den Krieg in der Hoffnung begrüsst, dass das Regime rasch gestürzt wird. Gleichzeitig gibt es Stimmen, die eine Destabilisierung des Landes befürchten und trotz ihrer Ablehnung des Regimes den Krieg klar verurteilen. Obwohl allen klar war, dass es wieder zu einem Krieg kommt, hat man sich nur wenig Gedanken über mögliche Szenarien und angemessene Reaktionen gemacht.
Wie sollte die internationale Gemeinschaft Ihrer Meinung nach reagieren?
Als Forscher konnte ich darlegen, dass der dominante Diskurs unter Iranerinnen und Iranern auf eine säkulare Demokratie abzielt. Die internationale Gemeinschaft – insbesondere Westeuropa, das sowohl vom politischen Islam bedroht ist als auch von stabilen Energiebeziehungen profitieren könnte – sollte sich für einen geordneten Übergang einsetzen.
Was sind mögliche politische Szenarien für die Zeit nach dem Regimesturz?
Ich halte drei Szenarien für am wahrscheinlichsten. Im ersten wird das Regime gestürzt und die Opposition gestaltet den Übergang. Sollte es in diesem Zusammenhang zu einem freien und fairen Referendum kommen, könnte sich die Bevölkerung mit grosser Wahrscheinlichkeit für eine konstitutionelle Monarchie nach dem Vorbild einiger westeuropäischer Länder entscheiden. Ein anderes Szenario geht davon aus, dass das Regime an der Macht bleibt. Der nächste Oberste Führer wird vom sogenannten Expertenrat gewählt; faktisch jedoch dominieren die Revolutionsgarden weiterhin die politischen und wirtschaftlichen Schlüsselbereiche.
Und das dritte Szenario?
Das Regime wird gestürzt, das Land jedoch destabilisiert. In diesem Fall könnte es zu erheblichen inneren Spannungen, gewaltsamen Auseinandersetzungen oder sogar zu einem Bürgerkrieg und einem möglichen Zerfall staatlicher Strukturen kommen.
Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft des Iran?
Die Errichtung einer säkularen Demokratie. Das iranische Volk zählt – im politischen wie im religiösen Sinne – zu den säkularsten Gesellschaften in der sogenannten «islamischen» Welt.
Das Interview wurde schriftlich geführt.