Umnutzung kirchlicher Immobilien

«Indoor-Spielplatz und Gottesdienst schliessen sich nicht aus»

Sollen in sakralen Gebäuden Sportanlässe, Bankette oder Rockkonzerte stattfinden? Für Michael Hauser, Immobilien-Verantwortlicher der Kirchgemeinde Zürich, sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Wichtiger findet Hauser, dass Kirchen öffentliche Räume bleiben.

Die Kirche Wipkingen in der Stadt Zürich soll für schulische Zwecke umgenutzt werden. Visualisierung des Siegerprojekts von Vécsey Schmidt Architekt/innen mit einem Musikzimmer und der Schulbibliothek. (Bild: Stadt Zürich Hochbaudepartement / Nightnurse Images AG)

Herr Hauser, Kirchenumnutzungen lösen oft starke Emotionen aus. Warum ist das ein so strittiges Thema?
Die Kirche im eigenen Dorf ist ein Stück Heimat. Regelmässigen Kirchgängern ist sie ein verlässlicher Ort zum Austausch mit Freunden, Pfarrpersonen und Bekannten. Auch kirchenfernen Kreisen bedeuten die Häuser etwas. Die Identität von Kirchen ist wertvoll, ihr muss man Sorge tragen.

Kantonalkirchen und Kirchgemeinden sind aufgrund der schwindenden Mitgliederzahlen gezwungen, neue Nutzungen zu finden. Wie sollen sie dabei vorgehen?
Nur ein kleiner Teil unserer Mitglieder beteiligt sich aktiv am Kirchenleben und beansprucht Raum. Unsere Gebäude sind daher teilweise wenig ausgelastet. Wir wollen sie öffnen und anderen Menschen zugänglich machen. Zur Umnutzung haben wir in der Kirchgemeinde Zürich ein Leitbild erarbeitet. Fachpersonen und Verantwortliche sind in Gesprächen direkt einbezogen worden, es ging nicht darum, etwas zu anzuordnen. Mitgestaltung war möglich. Wichtig war uns, auf die Chancen hinzuweisen, die eine Öffnung von Kirchen und Kirchgemeindehäusern bietet.

Zur Person

Michael Hauser arbeitet als Coach und hat an der ETH in Zürich Architektur studiert. In der Exekutive der Reformierten Kirche der Stadt Zürich ist der 59-Jährige zuständig für das Ressort Immobilien. Der frühere Stadtbaumeister von Winterthur (ZH) ist zudem tätig als Stiftungs- und Verwaltungsrat.

Welche könnten das sein?
Erstens muss das Gebäude bei einer Umnutzung nicht verkauft und auch nicht abgerissen werden. Zweitens bedeutet ein Haus zu teilen nicht, es für das kirchliche Leben aufzugeben. In der Bullingerkirche in der Stadt Zürich zum Beispiel tagen Kantons- und Gemeinderat, die beiden Synoden der Landeskirchen und das reformierte Zürcher Stadtparlament unter einem Dach. Ebenfalls in Zürich wird eine Kirche unter der Woche als Mittagstisch genutzt und steht am Wochenende der kirchlichen Nutzung zur Verfügung. Eine andere Stadtzürcher Kirche wird zur Tagesschule mit Bibliothek umgestaltet. Dort halten sich künftig unzählige Schülerinnen auf. Sie werden in kirchlichen Räumen sozialisiert und sollen sich später erinnern, dass dieses Haus einzigartig war.

Umnutzungen könnten also Identität schaffen. Dennoch tut man sich in der Schweiz schwer damit. Im Ausland dagegen sind sie etabliert. Weshalb ist das so?
Das hat einen einfachen Grund: Unsere Steuereinnahmen sind nach wie vor komfortabel. Wir wollen sinnstiftende Partnerschaften wählen und uns dafür Zeit lassen.

Gibt es Nutzungen, die Sie ausschliessen und die undenkbar sind?
Wir wünschen uns öffentliche Nutzungen, die unseren Werten entsprechen. Möglich ist unserer Ansicht nach vieles – vom Asyl- oder Musikort bis zu Sportnutzungen oder Indoor-Spielplätzen für Familien. Ich träume von einer Kletterkirche, in der einmal ein Gottesdienst stattfindet.

Was ist mit Wohnungen?
Wohnungen haben für uns wenig Priorität, weil die Gebäude dann nicht mehr öffentlich zugänglich wären. Zudem wäre es sehr teuer und anspruchsvoll, Kirchgebäude in Wohnräume umzubauen.

Sie haben kürzlich an einer Gesprächssynode der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Glarus über Immobiliennutzung gesprochen. Worin unterscheidet sich diese in einem ländlich geprägten Kanton im Vergleich mit der Stadt Zürich?
In Zürich ist die Raumnot grösser als in Glarus, das ist ein Vorteil, wir finden leichter sinnstiftende Partner. Mit Beharrlichkeit lässt sich aber für jedes Kirchenhaus eine sinnvolle Nutzung finden. Manchmal ist auch Erfindergeist nötig. In Glarus kann zum Beispiel in einem Kirchturm übernachtet werden. Das ist eine tolle Idee. 

Die Kirchen müssen in Zukunft mit weniger Einnahmen rechnen. Ist das Vermieten von Immobilien ein Rettungsanker?
Primär geht es für uns darum, unsere Gebäude zu beleben und besser auszulasten. Erträge sind ein schöner Nebeneffekt. Wir verlangen nicht grundsätzlich Marktpreise, sondern richten uns nach der Zahlungsfähigkeit der Nutzer: Wer ehrenamtlich Deutschlektionen für Migrantinnen anbietet, zahlt weniger als jemand, der eine kommerzielle Nutzung anstrebt.