Von Club bis Kita – wie Kirchen umgenutzt werden
Gottesdienste wird es in der Zürcher Bullingerkirche vorerst keine mehr geben. Sie werden in den nächsten vier Jahren im ehemaligen Pfarrhaus stattfinden. Denn ab dem 20. Februar 2023 werden das Zürcher Kantonsparlament und das Stadtparlament von Zürich wöchentlich in der Kirche tagen. Dazu wurde die Kanzel abmontiert, die Orgel hinter einem Vorhang versteckt und der Kirchenraum für rund neun Millionen Franken umgebaut. Das Provisorium besteht so lange, bis das Rathaus an der Limmat fertig saniert ist.
Bei der Besichtigung lobten die meisten Ratsmitglieder die Atmosphäre im umfunktionierten Gotteshaus. «Die Architekten haben gezaubert», sagte Ratspräsidentin Esther Guyer (Grüne) im «Tages-Anzeiger». Baudirektor Martin Neukom (Grüne) gefiel vor allem die ringförmige Konstruktion an der Decke, in der Beleuchtung, Schallschutz und Lautsprecher eingebaut sind.
Die Bullingerkirche ist nicht die einzige kirchliche Immobilie in der Schweiz, die zweckentfremdet wird. Eine Datenbank der Uni Bern führt Kirchen, Kapellen und Klöster auf, die in den letzten 25 Jahren ein zweites Leben erhalten haben oder vor einer Umnutzung stehen. Aktuell sind das über 180 Gebäude. Sie machen neuen Wohnbauten Platz, geben Asylsuchenden ein Dach über dem Kopf, werden zu Privatwohnungen umgebaut oder – wie in der Elisabethenkirche in Basel – für Bankette und Tanzabende zur Verfügung gestellt.
Wenn Kirchenaustritte weiter zunehmen, immer mehr Kirchen leer stehen und die Kirchgemeinden die Kosten für Unterhalt und Sanierung nicht mehr tragen können, dürfte die Zahl der Umnutzungen weiter steigen.
Blickt man über die Schweiz hinaus, zeigt sich, dass manche Länder sehr offen sind gegenüber solchen Zweckentfremdungen. Gerade in England, Deutschland und Holland scheint die Hemmschwelle vergleichsweise tief zu sein. Allein in den Niederlanden wurden bereits über 2000 Kirchen umgenutzt oder verkauft.
Club
In Amsterdam wird beispielsweise in einer ehemaligen Kirche unter Discokugeln getanzt und gerockt. Im Club «Paradiso» finden regelmässig Konzerte und Tanzabende statt. Seit 1968 wird das Gebäude nicht mehr für kirchliche Aktivitäten genutzt, dies mit dem Ziel, die Lokalität der jungen einheimischen Szene zu öffnen.
Bibliothek
Deutlich leiser ist es in einer Kirche im holländischen Maastricht. Denn in der Dominikanerkirche aus dem 13. Jahrhundert wird vor allem gelesen, gestöbert und Kaffee getrunken. Die älteste gotische Kirche der Niederlande ist seit 2006 eine Bibliothek – und mittlerweile ein Magnet für Touristen. Davor fanden auch schon Boxkämpfe und Automobilshows darin statt.
Designhotel
Ebenfalls im Zentrum von Maastricht stand lange ein Kloster aus dem 15. Jahrhundert, bis es zusammen mit der angrenzenden gotischen Kirche in ein Designhotel umgebaut wurde. Das Kruisherenhotel bietet neben Zimmern und Konferenzräumen einen alten Klostergarten. Zum 5-Sterne-Haus gehört auch eine Wein- und Kaffeebar sowie ein grosser Frühstücksraum.
Restaurant
Wer einmal in einer ehemaligen Kirche speisen will, wird unter anderem in London fündig. Die denkmalgeschützte St.-Thomas-Church aus dem 17. Jahrhundert beherbergt heute ein Restaurant. Im «Duddells» wird kantonesische Sterneküche geboten. Die Gäste dinieren unter Kronleuchtern, die an der acht Meter hohe Decke hängen und an Orgelpfeifen erinnern. Wer früh genug reserviert, kann sich sogar einen Tisch auf der Empore sichern.
Streetfood-Markt
Etwas weniger gediegen, aber nicht weniger spektakulär ist der ebenfalls in London gelegene Mercato Mayfair. In diesem Streetfood-Markt befinden sich die Imbissstände unter der Galerie der reformierten Kirche St. Mark’s, gegessen wird im ehemaligen Kirchenschiff. Vor der Umnutzung im Jahr 2019 war die Kirche auch schon Austragungsort der London Fashion Week.
Supermarktkette
Im Vergleich zu den beiden vorherigen Neugestaltungen in London wirkt jene im südenglischen Städtchen Westbourne etwas lieblos. Die methodistische Kirche stand lange leer, bis sie von der Supermarktkette Tesco Express übernommen wurde. In einem Artikel zur Eröffnung des Shops schrieb der lokale «Daily Echo»: «John Wesley, der Begründer des Abstinenzler-Methodismus, dürfte sich im Grab umdrehen, wenn er bemerkt, dass nun in der ehemaligen methodistischen Kirche Alkohol verkauft wird.»
Kita
Eine im wahrsten Sinne des Wortes spielerische Form der Umnutzung realisierte das Architekturbüro BOLLES+WILSON. 2013 baute es die 50 Jahre alte St. Sebastian-Kirche in Münster in eine Kita um. Seither hüpfen, rutschen und fahren dort Kinder durch das ehemalige Gotteshaus.
Skate-Halle
Im nordspanischen Asturien dürfen sich dafür Jugendliche über die neue Nutzung einer Kirche freuen. Im Jahr 2015 wurde die Kirche Santa Bárbara de Llanera zu einer Skate-Halle. Der Wallfahrtsort für Skateboarder ist zugleich eine Galerie für Strassenkunst.
Gym
In der Nähe von London wurde eine Kirche sogar in einen Wellnesstempel umgebaut. Zur Anlage gehören neben Schwimmbecken und Dampfbädern auch Whirlpools. Und wo früher gebeichtet wurde, schwitzen heute Saunagänger ihre Sünden aus den Poren. Für sportliche Aktivitäten wird auch die ehemalige Konradkirche im westfälischen Gellendorf genutzt. Für jene, deren Religion die Fitness ist, bietet das Gym «The Church» die passende Umgebung.
Den umgekehrten Weg ging übrigens ein Fitnesststudio im polnischen Krakau. Um während der Corona-Pandemie einer vorübergehenden Schliessung zu entgehen, liessen die Betreiber ihre Muckibude als Kirche eintragen. Auf ihrer Facebook-Seite schrieben sie dazu: «Weil Fitnesskurse nicht erlaubt sind, bieten wir ab heute religiöse Versammlungen für Angehörige der Kirche des gesunden Körpers an.»