Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz

«Die humanitären Krisen sind viel komplexer geworden»

Nach über einem Jahr Krisenmanagement beim Schweizerischen Roten Kreuz hat Karolina Frischkopf die Leitung des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) übernommen. Sie freut sich darauf, öffentlich für die Werte des Heks einzustehen.

Seit dem 1. März 2024 ist Karolina Frischkopf Direktorin des Heks. (Bild: Annette Boutellier/ zVg)

Frau Frischkopf, Sie haben lange als Diplomatin gearbeitet und waren danach stellvertretende Direktorin beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). Weshalb haben Sie in den humanitären Bereich gewechselt?
Ich gehöre zu jener Generation, die durch den Irak-Krieg mobilisiert wurde. Hunderttausende gingen damals auf die Strasse. Schon seit meiner Jugend habe ich mich für die Rechte von Frauen, Jugendlichen und Flüchtlingen eingesetzt und war die erste Vertreterin der jungen Generation im Vorstand des SRK. Insofern habe ich zum Beruf gemacht, wofür ich mich seit langem freiwillig und ehrenamtlich engagiert habe.

Umgekehrt gefragt: weshalb der zehnjährige Abstecher in die Diplomatie? 
Nach dem Studium habe ich für die Stiftung Kinderschutz Schweiz gearbeitet und mich gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern in Form von Kindersextourismus, Kinderpornografie und Kinderhandel eingesetzt. Dabei habe ich festgestellt, dass bei solchen globalen Problemen auf der institutionellen Ebene noch viel geschehen muss. Es fehlten beispielsweise internationale Abkommen, nationale Gesetzgebungen oder verbindliche Verhaltenskodexe für Wirtschaftsbranchen. Die Diplomatie ist eine gute Schule dafür. Man lernt das Verhandlungshandwerk von Grund auf und wie globale Probleme multilateral angegangen werden. Mir war von vornherein klar, dass ich nicht für immer Diplomatin bleiben würde.

Im Dezember 2022 hat sich der Rat des SRK vom langjährigen Direktor Markus Mader getrennt. Danach haben Sie die Geschäftsstelle geleitet. Inwiefern haben diese Ereignisse Ihren Wechsel zum Heks beeinflusst?
Die Ereignisse waren für das SRK einschneidend und haben der Belegschaft zugesetzt. Als ich das Krisenmanagement im Dezember 2022 übernommen habe, war für mich klar, dass ich im Anschluss das SRK verlassen würde. Im Krisen- und Changemanagement ist ein Schlusspunkt zentral. Das geht am besten, wenn auch die Schlüsselfiguren, die mit dem Krisenmanagement identifiziert werden, bewusst gehen. Nun ist der Moment gekommen, sagen zu können, die institutionelle Krise ist überstanden. Die Organisation ist stabil, die Geschäftsleitung und der Vorstand sind vollständig und eingearbeitet.

«Akteure wie das Heks haben die Aufgabe und Verantwortung, öffentlich für ihre Werte einzustehen.»
Karolina Frischkopf, Heks-Direktorin

Das Heks mischt im Vergleich zum SRK häufiger in der Politik mit. Können Sie das mit Ihrem diplomatischen Hintergrund vereinbaren?
Das fällt mir leicht. Ich war schon immer sehr direkt. Es war eher so, dass ich mich mit meiner Meinung beim SRK manchmal zurückhalten musste, weil das SRK aufgrund seiner speziellen Rolle neutral ist. Akteure wie das Heks haben hingegen die Aufgabe und Verantwortung, öffentlich für ihre Werte einzustehen. Darauf freue ich mich.

Manche Kirchenmitglieder oder Politiker sind jedoch der Ansicht, dass sich das Heks stärker auf die humanitäre Hilfe konzentrieren sollte, statt sich politisch zu äussern. Wie sehen Sie das?
Da ist meine diplomatische Ader gefragt. Wenn man sich politisch äussert, gibt es immer wieder Situationen, in denen nicht alle gleicher Meinung sind. Das gilt es auszuhalten. Wichtig ist ein klarer Kompass. Beim Heks sind das die Menschenrechte und der rechtsbasierte Ansatz. Bei diesem geht es darum, die Einhaltung der Menschenrechte für alle einzufordern – unabhängig davon, wo und wie sie leben. Wichtig ist auch, dass das Heks für sein gesellschaftliches Engagement ein explizites Mandat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz hat.

Nun leiten Sie ein christliches Hilfswerk. Was bedeutet Ihnen der religiöse Bezug?
Er spielt eine grosse Rolle. Der christliche Bezug stellt die Basis dieser Organisation dar. Es geht um die christlichen Grundwerte wie Respekt, Nächstenliebe, Mitbestimmung und Transparenz, mit denen ich mich sehr gut identifizieren kann und nach denen auch ich mein Leben ausrichte.

Die evangelisch-reformierten Landeskirchen gehören zu den Hauptspenderinnen des Heks, verlieren aber viele Mitglieder. Machen Sie sich Sorgen um die finanzielle Zukunft Ihrer Organisation?
Die Kirche und die Gesellschaft befinden sich im Wandel. Die Einnahmen vom Heks aus dem kirchlichen Bereich sind tendenziell rückläufig und machen heute weniger als ein Fünftel des Gesamtertrages aus. Gleichzeitig ist die Solidarität ein Grundwert, der vielen Menschen wichtig ist – unabhängig davon, ob sie Kirchenmitglied sind oder nicht. Das Heks hat eine starke zivilgesellschaftliche Verankerung und ist diversifiziert aufgestellt, mit Beiträgen von Stiftungen und Leistungsvereinbarungen mit Bund, Kantonen und Gemeinden. Solange das Heks zeigen kann, dass es Wirkung erzielt, mache ich mir daher keine Sorgen. Ich freue mich zudem darauf, die Kantonalkirchen kennenzulernen. Eine Tour für den Dialog auf der institutionellen Ebene und mit den Mitgliedern ist bereits geplant.

«Hierarchische Strukturen funktionieren höchstens in einer einfach gestrickten Welt.»
Karolina Frischkopf, Heks-Direktorin

Vor zwei Jahren haben das Heks und «Brot für alle» fusioniert. Sehen Sie nach der Restrukturierung noch Handlungsbedarf?
Von aussen betrachtet habe ich den Eindruck, dass die Fusion sehr gut über die Bühne gegangen ist. Nach einem solchen Wandel verspüren die Menschen normalerweise das Bedürfnis, über allfällige Probleme zu sprechen. Das habe ich beim Heks bisher gar nicht erlebt. Intern ist aber noch eine entsprechende Evaluation vorgesehen.

Durch den Zusammenschluss sind hierarchische Strukturen auf holokratische Strukturen getroffen. Welche Organisationsform ziehen Sie vor?
Ich habe in beiden gearbeitet. Die Diplomatie ist extrem hierarchisch organisiert. Beim SRK befanden wir uns in einem Wandel in Richtung rollenbasiertes Arbeiten. Das geht heute – auch mit Blick auf die Generation Z – gar nicht mehr anders. Autoritäre, hierarchische Strukturen funktionieren höchstens in einer einfach gestrickten Welt, in der es wenige Inputs für die richtigen Entscheidungen braucht. Sobald es komplexer wird, man Fachleute braucht und verschiedene Perspektiven integrieren muss, braucht es eine andere Form von Entscheidungsprozess. Das wurde bei der Fusion sehr ernst genommen und gut umgesetzt.

Der Zusammenschluss ist laut eigenen Angaben in einem «zunehmend kompetitiven Umfeld» erfolgt. Wie kompetitiv geht es in der Welt der Hilfswerke zu und her?
Meiner Meinung nach ist es noch zu kompetitiv. Die humanitären Krisen und Katastrophen sind viel komplexer geworden und häufen sich. Zudem wirken sie sich jahrzehntelang auf die betroffenen Regionen aus. Deshalb braucht es mehr Kooperation und Synergien zwischen den Hilfswerken. Jede Organisation sollte sich überlegen, in welchen Bereichen sie den grössten Mehrwert erbringen kann, und sich darauf spezialisieren. Da besteht sowohl in der Schweiz als auch international noch Handlungsbedarf.

Das heisst, auch das Heks sollte sich aus gewissen Bereichen zurückziehen?
Das Heks hat vier thematische Schwerpunkte: Klimagerechtigkeit, Recht auf Land und Nahrung, Flucht und Migration sowie Inklusion. Das halte ich bereits für einen klaren Fokus. Wichtig ist aber, selbstkritisch zu bleiben und die Projekte und Dienstleistungen immer wieder auf die Wirkung zu überprüfen. Nur weil ein Angebot bisher das richtige war, heisst das nicht, dass es das auch in den nächsten 20 Jahren ist. Deshalb hat sich das Heks in der Vergangenheit beispielsweise auch nicht gescheut, sich aus dem langjährigen Schwerpunktland Indien zurückzuziehen.

«Selbst das Schutzemblem des Roten Kreuzes wird zur Zielscheibe.»
Karolina Frischkopf, Heks-Direktorin

Gilt denn für Hilfswerke nicht auch, dass Konkurrenz die Qualität verbessert?
Jein. Qualität, um der Menschenwürde gerecht zu werden, hat ihren Preis. Da wäre ein Preisdruck, wie ihn die Konkurrenz mit sich bringt, kaum förderlich. Es ist aber wichtig, sich neuen Qualitätsstandards und Professionalisierungsanforderungen auszusetzen. Das Heks mit seinen internationalen Mandaten seitens EU, UNO und USAID kann international mithalten.

Zur Person

Karolina Frischkopf hat Internationale Beziehungen, Wirtschafts- und Politikwissenschaften studiert und war als Diplomatin in Mexiko, Genf, Peking und Bern tätig. Ab 2019 arbeitete sie für das Schweizerische Rote Kreuz, das letzte Jahr als interimistische Direktorin. Die 45-Jährige ist die erste Frau an der Spitze des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. (pef)

Kürzlich sind zwei französische Mitarbeiter des Heks in der Ukraine bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Wie wirken sich solche Ereignisse auf die Arbeit des Heks aus?
Das ist ein sehr tragischer Vorfall. Er hat die Mitarbeitenden psychisch und emotional sehr mitgenommen, seine Aufarbeitung fordert die Organisation stark. Ich habe sehr viel Respekt davor, wie das Heks damit umgegangen ist. Berührend waren die vielen Zeichen der Anteilnahme und Solidarität, beispielsweise von Partnerorganisationen und anderen Hilfswerken.

Wären solche gefährlichen Einsätze nicht besser bei international bekannten Organisationen wie dem Roten Kreuz aufgehoben?
Wer geeigneter ist, um in Kriegs- oder Krisengebieten zu agieren, ist eine schwierige Frage. In verschiedenen Konflikten wird selbst das Schutzemblem des Roten Kreuzes zur Zielscheibe. Wichtig ist, dass die Sicherheitsmassnahmen im Vorfeld geprüft und ständig aktualisiert werden und jede Person informiert und sensibilisiert ist.