Gastkommentar

Raus zu den Menschen

Vielerorts wehren sich Kirchen und ihnen nahestehende Politiker gegen die Teilnehmerbeschränkungen in Gottesdiensten. Das ist falsch, findet der Zürcher Pfarrer Michael Wiesmann. Stattdessen sollten sich die Kirchen fragen, wo es sie wirklich braucht.

Jammern können wir. Das haben die Religionsgemeinschaften bewiesen, als sie im Frühling beim Bundesrat vorstellig wurden, um schon vor Ende des Lockdowns wieder Gottesdienste in den Kirchen feiern zu dürfen. Sie führten damals das Bedürfnis nach gemeinschaftlich gelebtem Glauben ins Feld. Das ist zwar durchaus berechtigt. Man darf sich jedoch fragen, ob damit nicht ein arg verkürztes Verständnis von Gemeinschaft transportiert wird.

In der reformierten Kirche von Echallens (VD) zeigen Kärtchen an, wo man noch sitzen darf und wo nicht. In anderen Gemeinden verzichten die Kirchen wegen der Beschränkung der Teilnehmerzahl mittlerweile ganz auf Gottesdienste. (Bild: Keystone / Laurent Gillieron)

Auch jetzt geht offenbar wieder die Angst um, dass ohne die physische Präsenz der Gemeinde im Gottesdienst die Kirche kaputt geht. Bei aller Liebe zum Kultus: Vielleicht täte es Not, hier ein paar Gänge herunterzuschalten. Wir werden durch die aktuellen Beschränkungen weder verfolgt oder unterdrückt noch benachteiligt, wie das einige Petitionen und kürzlich erschienene Artikel suggerieren. Im Gegenteil: Andere sind wesentlich unmittelbarer von den wechselnden Massnahmen betroffen, und das in wirtschaftlich existenzieller Weise. Es würde den Kirchen besser anstehen, sich solidarisch an die Seite dieser Menschen zu stellen, statt sich auf die Frage zu versteifen, ob sie selbst nun strenger behandelt werden als Baumärkte oder Restaurants.

Selbstverständlich kann man die Verhältnismässigkeit jeder einzelnen Massnahme bis ins Detail diskutieren. Dass dabei die eine oder andere Ungereimtheit zutage tritt, ist naheliegend. Schliesslich befinden wir uns in einer noch nie dagewesenen Situation.

Keine der Regelungen erhebt jedoch einen Anspruch auf Langlebigkeit. Wer sich also gegen diese letztlich befristeten Massnahmen voller Protest in die Brust wirft, weil er darin den Untergang der Kirche befürchtet, beweist vor allem zweierlei: Einerseits einen Mangel an Gottvertrauen und der damit verbundenen Gelassenheit. Und andererseits das Fehlen einer Perspektive – sowohl im Hinblick auf unser Kirche-Sein als auch auf die drängenden sozialen Fragen dieser Krise.

Unter Schafen

«Weide meine Schafe» – so lautet der Auftrag des auferstandenen Christus an seinen Jünger Petrus im Zusammenhang mit der Kirche. Unbestritten, dass da auch der Auftrag dazugehört das Evangelium zu verkünden. Einen Auftrag zum Kultus im engeren Sinne lässt sich damit aber nur schwerlich begründen. Mit dem Wunsch, Gottesdienste möglichst ohne Präsenz-Beschränkungen durchführen zu können, läuft die Kirche Gefahr, andere Aspekte ihres Auftrages zu vernachlässigen. Dazu gehören neben der sogenannten Leiturgia – also der gottesdienstlichen Ordnung der Liturgie – das bekennende Zeugnis der Martyria sowie die praktisch gelebte Nächstenliebe und Fürsorge der Diakonia.

Zum Autor

Michael Wiesmann ist reformierter Pfarrer im Furttal sowie Synodaler der Zürcher Landeskirche. Er war Mitverfasser eines offenen Briefes, der im Mai dazu aufforderte, die geplante frühzeitige Öffnung der Kirchen für Gottesdienste zu überdenken.

Kirche ist – oder wäre – also so viel mehr als eine wöchentliche Veranstaltung in einem Sakralbau. Während des Lockdowns wurde das landauf, landab in beeindruckender Vielfalt sicht- und erlebbar. Doch statt diese Energie und auch das erarbeitete Knowhow für die zweite Welle zu nutzen, verwenden wir unsere Zeit lieber darauf, in stillen oder lauten Protest gegenüber Massnahmen zum Schutz unserer Mitmenschen zu treten. Damit lassen wir uns als Kirche auf demselben Strom treiben wie gewisse Kreise aus Wirtschaft, Konsum- und Spassgesellschaft, die angesichts der realen Gefahr einer Pandemie einen courant normal fordern. An den vielfältigen Bedürfnissen und Nöten der Menschen ändert das freilich wenig.

Stallgeruch

Die eigentliche Frage ist nicht, was wir gerne möchten in dieser Situation. Sondern wo es uns braucht. Neben der tätigen Nächstenliebe der Diakonia in Seelsorge, Beratung und unterstützenden Angeboten wäre vielleicht auch etwas mehr Mut zur Martyria angezeigt. Wie kann es sein, dass die christliche Kirche, die seit der Antike für ihren beispielhaften Umgang mit ihren Verstorbenen bekannt ist, wöchentlich hunderte Covid-Tote stillschweigend hinnimmt, während sie sich über Teilnehmer-Beschränkungen für Gottesdienste lautstark echauffiert?

Es ist nicht unsere Kirche, sondern seine. Doch wir scheinen lieber mit den 99 Schafen sichtbar feiern zu wollen, als uns im Verborgenen um das eine zu kümmern, das auf der Strecke geblieben ist. Anstatt die Schafe zu weiden, beschweren wir uns über die Bestimmungen, die uns für unseren Stall auferlegt werden – und bemerken nicht mehr unseren eigenen Stallgeruch.

Aber ein Hirte gehört raus auf die Weide und die Kirche gehört raus zu den Menschen. Einmal im verborgenen Wirken der Nächstenliebe. Ein andermal laut rufend, wenn das eine Risiko-Schaf vergessen zu gehen droht. Dass wir das können, haben wir im Frühjahr bewiesen. Die Frage ist demnach eher, ob wir das auch wollen – oder ob wir lieber weiterhin im warmen Stall über das schlechte Wetter jammern, während die Schafe draussen im Regen stehen.